Worauf es im Umgang mit Nichtjägern wirklich ankommt

· November 22, 2012

SACHARGUMENTE ALLEIN REICHEN NICHT!

Wer kennt sie nicht, die Klage privat oder beruflich mit jagdlicher Öffentlichkeitsarbeit befasster Weidgenossen über das Unverständnis, die Subjektivität, ja den Hass, der ihnen bei ihren Bemühungen häufig entgegenschlägt? Wer kennt nicht den Frust, wenn auch die 23. Entrümpelungsaktion im Forst, die 14. neue Hecke und das dritte Feuchtbiotop keine andere Reaktion zu erzeugen vermag als diese: «Das macht ihr doch nur, um ungestörter Tiere totschiessen zu können!»

Wie kommt das? Wieso finden unsere guten Sachargumente oft so wenig Resonanz?

Lassen Sie mich einmal versuchen zu analysieren, woher die allgemein zurückhaltende, unsichere und vorwiegend negativ besetzte Grundhaltung weiter Kreise insbesondere der städtischen Bevölkerung, häufig auch mit hoher formaler Bildung, gegenüber Jagd und Jägern kommt. Warum sind sonst friedliche Menschen so aggressiv gegen Jäger? Warum hören sie einfach nicht zu, sondern kommen immer wieder auf dasselbe Thema: «Jäger schiessen Tiere tot und haben noch Spass daran?»

Liegt das wirklich daran, dass, wie oft behauptet, wir Jäger eben nichts anderes im Kopf haben?

Wer heute 35 Jahre oder jünger ist und beispielsweise in einer grösseren Stadt lebt (aus dieser Gruppe rekrutiert sich nach meinem Eindruck die Mehrzahl der Jagdgegner),wurde in einer Gesellschaft erwachsen, die von zunehmender Entfremdung des Menschen von seinen natürlichen Lebensgrundlagen, insbesondere aber von einer zunehmenden Verdrängung der natürlichen Lebenszyklen, von Geburt und Tod, gekennzeichnet war.

Die Geburt spielte sich in aller Regel weit weg in der Klinik ab – die Mutter bringt das Brüderchen oder Schwesterchen irgendwann mit nach Hause. Natürliche Gerüche (Windeleimer) gab es ebenso wenig wie natürliche Ernährung (Stillen), stattdessen gab es Wegwerfwindeln und Fertignahrung.

Im weiteren Verlauf ihres Lebens umgab diese Gruppe eine überwiegend künstliche Welt: sentimentale, anthropomorphe (vermenschlichende)Tierschilderungen in den Medien, von Bambi bis Lassie, in Bezug zu ihrer Herkunft, Gemüse aus der Dose, Huhn aus der Tüte.

Dementsprechend würden diese jungen Hausfrauen (und -männer) es als grausame Zumutung empfinden, einem lebenden Huhn höchst eigenhändig den Kopf abhacken zu müssen, wie es noch unsere Grossmütter ohne viel Federlesens getan haben. Eher würden sie verhungern oder Vegetarier werden.

In dieser Welt, die im wesentlichen unverändert ist, obwohl es ermutigende Ansätze realistischer Umweltbetrachtung gibt, wurden und werden die meisten Jagdgegner gross.

Und wie geht man in dieser Welt mit dem Tod als der grössten Angstquelle unserer Existenz um?

Erstaunliche Verdrängungsleistungen vollbringt die Gesellschaft tagtäglich, um von ihm abzulenken. Die Oma kommt – natürlich nur, damit sie die beste Pflege hat – noch kurz vor dem Tod ins Spital, wenn sie nicht schon vorher im Pflegeheim gelandet ist. Viele Behinderte, Schwerkranke, Sterbende leben in einer sorgsam abgeschotteten zweiten Welt, in ihrem eigenen Archipel.

Das andere Extrem, nämlich die massenweise Darstellung von Gewalt und Tod im Fernsehen – bis hin zum Reality- TV – dient, wie auch das Phänomen der Schaulustigen bei Unglücksfällen, demselben Verdrängungsziel, derselben Verlagerung des Angstbesetzten nach aussen, wo es mir nichts tut, wo es handhabbar ist. Der Tod als etwas, das jedem Menschen jederzeit zustossen kann und am Ende mit Sicherheit auch zustösst, wird somit sorgfältig aus dem Bewusstsein verbannt.

Was das alles mit der Jägerei, mit unserem Thema, zu tun hat?

Stellen Sie sich das psychologische Inventar eines solchen freundlichen Grossstädters doch einmal plastisch vor – und konfrontieren Sie ihn beim Sonntagsausflug in den Wald zu den lieben Bambis, begleitet von seinen Kindern und seiner Dogge (brauchen beide dringend Auslauf, weil sie in einer 70-Quadratmeter- Mietwohnung untergebracht sind), einmal mit einem Jäger – jemandem mit der «Lizenz zum Töten»! Dieser Zeitgenosse darf etwas, was sonst nur die Polizei darf: öffentlich Waffen tragen. Und er ist Herr über Leben und Tod – von Tieren zwar, aber gleich viel – denn er ist es real, hier auf dem Waldweg, nicht in der Glotze. Seine blosse Existenz stellt die ganze Verdrängungsleistung in Frage, die tagtäglich erbracht werden muss, mit der sich unser sterblicher Grossstädter seine Ängste mühsam vom Leibe hält. Der Jäger macht «ad personam » klar, dass Fleisch nur gegessen werden kann, wenn das dazugehörige Tier zuvor getötet wurde (von Austern einmal abgesehen). Und er tut es selbst. Er hat Blut an den Händen, er kommt mit Exkrementen, mit toten, warmen Tierkörpern in Berührung, er schaut in brechende Lichter. Er tut, was nötig ist ,um den Tod herbeizuführen und das Wild zu nutzen. Er betreibt ein vergessenes Handwerk und sieht dabei eigentlich doch normal aus, beunruhigend normal.

Das alles ,ich bin sicher, spielt sich unbewusst bei vielen ab, die Jägern begegnen, die Berichte, Reportagen über Jagd sehen oder lesen. Nicht von ungefähr stellen begabte Journalisten, wenn sie die Jagd bekämpfen wollen, gerade auf diese Aspekte, insbesondere im Bild, ab.

Dabei sind Kinder, bevor ihnen irgendein Bambi-Ideologe ein falsches, vermenschlichtes Tierbild in den Kopf setzt, ganz unbefangen, auch beim Anblick eines erlegten Tieres, wenn ihnen erklärt wird, warum das geschah.

Und so sind auch die Reaktionen der Erwachsenen von verlegener Berührungsangst bis hin zu feindseliger Ablehnung, wenn nicht ausschliesslich, so doch überwiegend projektiver Art: Wer mein kunstvoll aufgebautes Verdrängungsgebäude durch sein Tun, ja durch seine blosse Existenz, gefährdet, muss mit Aggression rechnen.

Damit hängt auch zusammen, dass die übelsten Beschimpfungen an die Adresse der Jäger aus dem Bereich der dialektisch mit dem Tode verbundenen, gleichermassen verdrängten Sexualität stammen: Der Jäger, so heisst es, liebe die Tiere ebenso wie der Vergewaltiger das Opfer.

Wenn dies aber so ist, dann müssen emotionale Konzepte, verbunden mit der Heranführung vor allem der Kinder und Jugendlichen an natürliche Lebensabläufe, einen grösseren Stellenwert in der jagdlichen Öffentlichkeitsarbeit erhalten. Im Unbewussten verankerte Grundhaltungen sind eben mit Sachargumenten nicht veränderbar.

Unsere Gegner haben diese Lektion viel besser gelernt als wir, sie stützen sich weit überwiegend auf die emotionale Ansprache ihrer meist ahnungslosen Klientel. Also: Habt Mut zum Gefühl nach dem Motto: Ich jage gern!

Ein Dichter wie Hemingway braucht natürlich solche umständlichen Analysen nicht; er weiss instinktiv, was gesagt werden muss. Der Beweis: Befragt, warum er jage, gab er statt langatmiger Ausführungen über «gern in der Natur sein», «weidgerechtes Jagen» oder ähnliches die klassische Antwort: «It gives me a good feeling.»

Autor: Andreas Hausser

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