Wie sag ichs meinem Kinde?

· Juni 11, 2013

Die meisten Jäger sind kinderlieb. Zum einen haben viele von ihnen selber Kinder. Dann stellt sich irgendwann die Frage, ob der Nachwuchs die eigene Passion geerbt hat und wann der richtige Zeitpunkt für einen ersten Ansitz ist. Zum anderen setzen sich viele Weidmänner und -frauen ehrenamtlich ein, um Kindern die Jagd näherzubringen. Und das ist wichtig, denn Kinder gehen in der Regel ohne Vorurteile an das Thema «Jagd» heran. Durch kindgerechte Veranstaltungen kann ein selbstverständlicherer Umgang mit der Jagd gefördert werden – das kommt auch Erwachsenen zugute.

Wie sag ichs meinem Kinde?Viele Initiativen der Jägerschaft zeigen, dass die Grünröcke ein Herz für Kinder haben. Da werden Aktionstage mit «echter» Pirsch, Strecke legen und Stücke verblasen organisiert. Schul- klassen gehen mit dem Jäger oder Wildhüter auf einen Rundgang mit Erklärungen der Wildarten. Kinder- gartengruppen verbringen eine ganze Woche im Wald, um Eicheln und Kastanien zum Basteln zu suchen, Nistkästen zu bauen und im Wald aufzuhängen. Bereits seit vielen Jahren investieren Jäger monatlich viel Zeit in ihr ehrenamtliches Engagement, um dem Nachwuchs die heimische Flora und Fauna nahezubringen.

Wir selbst haben meinen Stiefsohn Jonas von klein auf immer mit zur Jagd genommen. Er kam liebend gerne mit zum Ansitz, auch im Winter, und beim Zerwirken hielt er die Gefrierbeutel mit den Worten «Lecker! Essen wir das heute?» auf. Als Zehnjähriger nahm Jonas als Hundeführer an den Kaninchen- und Entenjagden teil. Ehrlicherweise muss ich dazu sagen, dass unser Labrador ein routinierter Apporteur war, aber nichtsdestotrotz war Jonas derjenige, der ihm die Kommandos gab und mit ihm die Enten einsammelte.

Für Jonas war Jagd und alles, was damit zusammenhing, selbstverständlich und völlig natürlich. Wir haben ihn viel über das Essen lenken können, denn bei uns gab und gibt es Wildbret nicht nur an Feiertagen, sondern es ist ein ganz normaler Bestandteil des täglichen Speiseplans. Da wurde bereits beim Aufbrechen das jeweilige Stück mit Hack für Nudelsauce oder die Keule mit Kartoffeln und leckerer Sauce assoziiert. Auch mit dem Schiessen hatte er kein Problem – wir haben ihm bereits früh erklärt, warum und wieso welches Tier erlegt wird. Und, obwohl wir keine Trophäenjäger sind, gab es für ihn den ersten Rehbock, den er zusammen mit meinem Mann «erlegt» hat, als Trophäe aufs Brett gesetzt zum Hinhängen ins Kinderzimmer. Dass bei der Jagd Tiere getötet wurden, machte Jonas keine Schwierigkeiten. Allerdings war es ihm sehr wichtig zu wissen, dass das jeweilige Stück nicht leiden musste. Das Ergebnis: Er hat mit 16 Jahren seinen Jagdschein gemacht und ist heute, mit 23 Jahren, nicht nur ein passionierter und verantwortungsvoller Jäger, sondern er hat gerade seine erste Stelle als Förster angetreten. Was können sich jagende Eltern mehr wünschen, als dass die Kinder in die eigenen Fussstapfen treten? Uns erfreut es sehr und mittlerweile profitieren wir von den jagdlichen Gedanken und Überlegungen der Jugend.

Kinder sind neugierig, aber nicht sehr geduldig

Wie sag ichs meinem Kinde?Oliver Dorn hat in seinem Artikel «Hallo Rehbock!» in der Ausgabe 1/2011 der Zeitschrift «HALALI – «Kinder und Jagd» und seine Erfahrungen mit dem «Jungjäger-Nachwuchs» geschrieben. Dort beschreibt Dorn den ersten Ansitz mit seinem kleinen Sohn, der seinen ersten Rehbock mit einem lauten «Hallo Rehbock!» begrüsste. Und weiter: « … Als in den folgenden fünf Minuten kein neues Wild in Anblick kam, geschah das Un- vermeidliche: Die kindliche Geduld war zu Ende. Papa, wann kommen endlich die Schweine? Mir ist soooo langweilig! Sie kennen das, oder? Die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern ist kurz. Der anfänglichen Begeisterung folgt schnell Verdrossenheit. Natürlich können wir von Kindern in diesem Alter beim Ansitz nicht die gleiche Hochspannung erwarten, unter der wir stehen. Seien Sie also nicht enttäuscht, wenn es trotz enthusiastischen Jagdeifers mit der kindlichen Geduld schnell ein Ende hat.»

Ansitz mit Himbeerbonbons

Dazu eine andere Anekdote aus unseren Erlebnissen: Eine Freundin von mir hatte mich immer wieder gefragt, ob wir ihren Sohn Lars mit zur Jagd nehmen könnten. Ich habe lange Zeit versucht, das abzuwenden, da mir Lars als noch nicht «reif» dafür erschien. Als er neun Jahre alt war, habe ich gesagt: «Okay, er kann mit.» Mein Mann übernahm es dann, Lars auf einen Ansitz mitzunehmen. Da er von vornherein wusste, dass es vermutlich nicht so geräuschlos und leise zugehen würde wie sonst, wählte er eine Stelle, an dem eventuelle Störungen nicht allzu sehr ins Gewicht fallen würden.

Lars wurde mit allem ausgerüstet, was ein Jäger so braucht: Mütze, Handschuhe, warme Jacke, ein Fernglas. Und meine Freundin schärfte ihm ein, auch ja leise zu sein. Auf dem Weg zum Sitz mussten die beiden an einer Schranke vorbei. Mein Mann ging vorweg. Er hatte eben die Schranke passiert, als laut «Limbo!» hinter ihm erklang und Lars unter der Schranke hindurchtanzte. Eigentlich hätte man aufgrund der Störung böse werden und gleich wieder umdrehen müssen, aber mein Mann dachte sich: «Egal, das Wild kann uns so gar nicht als Jäger ernst nehmen.» Auf dem Sitz angekommen, machten die beiden es sich bequem. Nach einigen Minuten hörte mein Mann neben sich auf einmal ein lautes Ratschen: Lars zog sich seine Handschuhe aus – es waren Winterhandschuhe mit einem Klettverschluss. Danach kam der Reissverschluss der Jacke an die Reihe, dann Geraschel. Schliesslich hielt Lars ein Bonbon in der Hand und fragte mit wenig gedämpfter Stimme: «Willst du auch einen? Das sind Himbeerbonbons, die hat Mama mir mitgegeben, wir sollen sie teilen.» Das knisternde Papier wurde abgewickelt, der Bonbon verschwand im Mund und Lars steckte das Papier unter weiterem Geraschel in die Jacke. Dann wieder der Reissverschluss hoch und – ritsch, ratsch – die Handschuhe zu.

Mein Mann erzählte später, dass er in diesem Augenblick ziemlich sicher war, dass spätestens jetzt auch das toleranteste Stück Wild einen grossen Bogen um diesen Sitz machen würde. Kaum zehn Minuten später, das Bonbon war wohl aufgelutscht, hörte er neben sich auf einmal: «Guck mal, jetzt bist du ganz weit weg» – Lars war tatsächlich einigermassen geräuschlos aufgestanden, hatte sich auf das Sitzbrett gestellt und hielt das Fernglas verkehrt herum. Dann drehte er es richtig herum, leuchtete die Schneise ab und meinte: «Also, da ist kein Tier.» Die beiden blieben nur noch einen Augenblick, baumten dann ab und mein Mann brachte Lars nach Hause. Dort trafen wir uns. Meine Freundin fragte Lars, wie es war. Er meinte: «Ja, ganz gut. Aber gesehen haben wir nichts.» Vor dem Zubettgehen bekam er als Andenken noch eine Gehörnstange geschenkt, die er stolz mit in sein Zimmer nahm. Dann erzählte mein Mann die ganze Geschichte. Während meine Freundin leicht entsetzt war, dass ihr Sohn sich «so benommen » hatte, mussten wir anderen doch herzlich lachen.

Wann sind Kinder so weit?

Wie sag ichs meinem Kinde?Wann Kinder so weit sind, wirklich mit auf die Jagd zu gehen, ist meiner Meinung nach keine Frage des Alters. Ist das eine Kind mit vier Jahren vielleicht schon bereit, sich entsprechend zu verhalten und auch die Erlegung eines Stückes zu verkraften, braucht ein anderes länger oder schafft es nie. Das bestätigt auch Oliver Dorn in seinem oben genannten Artikel: «Wann fürs Kind der richtige Zeitpunkt gekommen ist, als unmittelbarer Zuschauer mit dem Tod Bekanntschaft zu machen, lässt sich nicht leicht abschätzen. Wichtig ist es, mit Geduld, Einfühlungs- vermögen und Gesprächen das Erlebnis vorzubereiten und schliesslich den passenden Moment zu erkennen.» Derselben Meinung ist auch Buchautor Heinrich Weidinger. In seinem Werk «Alles im Grünen Bereich» beschreibt er anhand seiner beiden Söhne den Umgang von Kindern mit der Jagd: «Für Jägerkinder und Landjugend sind Geburt und Tod von Wild- und Haustieren ein Teil des Lebens. Sie sehen im Tod eines Tieres eine sinnvolle Nutzung. Sie nehmen auch keinerlei seelischen Schaden, wenn sie beim Ausweiden eines Haus- oder Wildtieres helfen oder zusehen.»

Es ist in der Tat wichtig, wenn Kinder an die Jagd herangeführt werden, es nicht mit der «Dampfhammer- Methode» zu versuchen, nach dem Motto: «Da muss das Kind jetzt durch.» Damit macht man mehr kaputt, als dass es funktioniert, und vergällt unter Umständen einem Kind sein Leben lang die Jagd. Man muss es auch akzeptieren, wenn das Kind keine Lust zum Jagen hat. Wer sein Kind dann zwingt, mitzukommen, weil man es selber so gerne möchte, erreicht genau das Gegenteil.

Eine Voraussetzung, dass Kinder die Tötung eines Tieres verstehen, sind viele Gespräche und vor allem kindgerechte Erklärungen. Einem Dreijährigen nützen Begriffe wie Hege, Abschussplan und Überpopulation wenig. Wenn aber erklärt wird, dass zum Beispiel die Rehe den Wald auffressen, später aber Hunger leiden, weil kein Fressen mehr da ist, oder man ein krankes Tier, das nicht zum Arzt gehen kann, von seinem Leiden erlöst, ist das schon ein anderer Ansatz. Trotz allem Traditionsbewusstsein müssen Kinder auch nicht sofort jeden Begriff der Weidmannsprache wissen und richtig anwenden können. Wenn ein Wildschwein eine lange Nase hat, das Stück Damwild mit den Ohren wackelt und auf einen Hochsitz hinaufgeklettert wird, ist das meiner Meinung nach vollkommen in Ordnung. Die richtigen Begriffe können nach und nach korrigiert werden.

In unserer jagdlichen Gemeinschaft werden die Kinder von Freunden und Bekannten ganz selbstverständlich in die Jagd eingebunden. Natürlich immer unter Berücksichtigung der Sicherheit. Johann-Heinrich, der Sohn unseres Hochwildringleiters, zum Beispiel ist mittlerweile ein beliebter Begleiter, wenn es zur winterlichen Treibjagd geht. Nicht nur, weil er ein nettes Kind ist und bereits viel über die Jagd weiss, sondern wegen seines «Adlerblicks». «Die jungen Augen können einfach besser gucken», erzählte ein älterer Jäger bei der letzten Jagd, nachdem Johann- Heinrich ihm zwei Hasen annonciert hatte. Gleiches galt lange für die Söhne unseres Försters. Sie durften ihren Vater abwechselnd auch auf den Drückjagdstand begleiten. Dort sass das Team dann Rücken an Rücken und der jeweilige Junior kündigte, bereits sauber angesprochen, das Wild an: «Papa, du musst dich fertig machen. Das zweite Stück ist ein Schmaltier. » Der Förster konnte sich nahezu blind darauf verlassen, dass das Stück richtig war und kam somit fast immer mit Beute zurück. Hinterher haben wir nach den Jagden häufig geschmunzelt und eine Erhöhung des Taschengeldes angeboten, wenn der Förster-Junior das nächste Mal mit zu uns auf den Stand käme. Funktioniert hat es leider nie.

Text: Karin Burkhardt
Fotos: Peter Vonow

 

Filed under: Jagd & Umwelt, News

Tags:

-->