Wenns den Ohren zu viel wird

· Juli 10, 2013

Schiessen ohne Gehörschutz schädigt früher oder später das Gehör. Das muss nicht sein: Jägerinnen und Jäger können aus einer Vielzahl an Gehörschutz-Produkten auswählen und das Passende für sich finden.

Wenns den Ohren zu viel wirdWer laut Musik hört, darf sich über einen Gehörschaden nicht wundern – vernimmt man immer wieder. Ohne stundenlanges Gitarrenkreischen und Bassgedröhne verharmlosen zu   wollen: Es sind Knallgeräusche wie Schüsse, die für unsere Ohren besonders schädlich sind. So zeigt Dr. med. Eckhard Hoffmann, Hörforscher und ehemaliger Leiter der AG Angewandte Hörforschung an der Universität Ulm, in seinen Untersuchungen, dass Lufthansa-Piloten und Orchester- musiker ein durchschnittlich gutes, altersgemässes Gehör aufweisen. «Trotz hoher beruflicher Schallbelastung ist die Hörfähigkeit der Orchestermusiker und Linienpiloten im Durchschnitt auch nach vielen Berufsjahren noch erstaunlich gut», kommt Hoffmann zum Schluss.

Anders ist das bei Personen, die Knallgeräuschen ausgesetzt sind. In einer breit angelegten Studie haben die beiden Forscher S. Allen Counter und Bo Klareskov von der Harvard Medical School die Hörfähigkeit von grönländischen Inuit untersucht. Und brachten Verblüffendes zu Tage: Obwohl die untersuchten Inuit abgelegen in einer nicht industrialisierten Umgebung leben, haben 75 Prozent der Männer einen ausgeprägten Hörschaden – darunter auch junge. Die einzige Lärmquelle, der die Inuit-Männer ausgesetzt sind: der Schussknall. Schon als Jugendliche gehen sie mit dem Gewehr zur Jagd, Gehörschutze verwenden sie dabei nicht. Dass Schussknall der Grund für die Schädigung sein muss, bestätigt sich bei den Inuit-Frauen, die nicht zur Jagd gehen. Sie verfügen über ein tadelloses, dem Alter entsprechendes Gehör. Counter und Klareskov kommen deshalb zum Schluss: Wer ohne Gehörschutz schiesst – und das gilt auch im Freien – wird früher oder später einen Gehörschaden davontragen.

Suva warnt

Wenns den Ohren zu viel wirdDie Hörgeräteakustikerin Bärbel Arndt kann die Studienergebnisse aus eigener Erfahrung bestätigen. Sie arbeitet für Amplifon, eine Hörakustik-Firma, die mit rund 80 Fachgeschäften in der ganzen Schweiz vertreten ist. «Wir haben regelmässig Jäger und Schützen als Kunden, Gehörschäden vom Schiessen sind nicht selten.» Dabei hatte die Suva im Jahr 2010 noch allgemein gute Neuigkeiten: Sie stellte einen deutlichen Rückgang der Berufs-Hörschäden fest. Gleich- zeitig wies sie aber auf die Gefahr des Lärmeinflusses von Freizeitaktivitäten hin. Dort ist der Schallpegel oft unbekannt und Gehörschutz kaum ein Thema.

Neben der Lärmeinwirkung von Feuerwerk, Vuvuzelas und Fasnachts-Guggenmusik stand das Schiessen weit vorne auf der Dezibelparade der lautesten Freizeitaktivitäten. «Am Ohr erreichen grosskalibrige Gewehre einen Spitzenpegel von 160 Dezibel», gibt Bärbel Arndt zu bedenken.

Ein Schuss kann reichen

Wenns den Ohren zu viel wirdEin kleinkalibriger Kugelschuss ist weniger laut als ein grosskalibriger und muss nicht unbedingt zu einem Gehörschaden führen. Entscheidend sind laut Bärbel Arndt die Schussanzahl und die Ruhepausen zwischen den Schüssen. Wenn sich das Gehör zwischen den einzelnen Schüssen erholen kann, vermindert sich die Gefahr eines lärmbedingten Hörschadens. Ab 85 dB ist Lärm bei Dauerbelastung schädlich. Werden die Ohren nur schon 15 Minuten konstant einem Lärmpegel von 100 dB ausgesetzt – wie etwa bei einer Kettensäge –, wird das Innenohr geschädigt. Bei über 120 dB kann bereits ein kurzer Einfluss zum Gehörschaden führen. Der Pegel bei einem Kleinkaliber-Gewehr erreicht 105 dB, bei einer Kleinkaliber-Pistole 122 dB und bei grossen Kalibern und Flinten über 130 dB. Bereits nach einer Schrotdublette können deshalb Schäden nachgewiesen werden – bei einer grosskalibrigen Büchse kann bereits ein einzelner Schuss ausreichen.

Anwechselndes Wild hören

Wenns den Ohren zu viel wird«Jäger können ihr Gehör effektiv schützen, ohne dabei das Jagderlebnis zu schmälern», weiss Bärbel Arndt. Amplifon bietet dazu eine breite Palette – vom einfachen Ohrstöpsel über Kapselgehörschutze bis hin zu elektronischen In-Ohr-Lösungen wie dem Serenity von Phonak oder dem SecureEar von Siemens. Der Gehörschutz kann also relativ einfach sein oder – je nach Anspruch – massgefertigt und mit passivem oder elektronischem Filter versehen. Ein aktiver, elektronischer Gehörschutz überträgt die Umgebungsgeräusche aufs Innenohr, ohne je einen schädlichen Schallpegel zu erreichen. Der Schussknall wird also gedämpft, während der Jäger anwechselndes Wild oder wichtige Signale hören kann. Auch Hörapparate-Träger können ihr Gerät auf ähnliche Weise nutzen – allerdings nur, wenn der Hörapparat gleichzeitig als Gehörschutz konzipiert ist. «Wer ein Hörgerät braucht, sollte dem Akustiker immer sagen, dass er Jäger oder Schütze ist. So kann man zusammen die optimale Lösung finden».

Auf die Dämmklasse achten

Was sollen Jägerinnen und Jäger bei einem Kauf beachten? Die Dämmklassen von Gehörschutzen – auch SNR-Werte genannt – sind in drei Klassen eingeteilt: Schall- dämmung von weniger als 20 dB, 20 bis 30 dB und über 30 dB. «Für das Schiessen müssen sie mindestens in der mittleren Kategorie sein, also mehr als 20 dB dämmen», sagt Arndt. Für einzelne Schüsse im Freien reiche eine Dämmung von 20 bis 30 dB. «Bei länger andauerndem Schiesstraining mit einer grosskalibrigen Büchse sollte der Dämmwert grösser als 30 dB betragen. Das lässt sich mit Gehörschutzen der höchsten Dämmwert-Klasse erreichen oder mit einer Kombination aus herkömmlichem Kapselgehörschutz und Ohrstöpseln.»

Wenns den Ohren zu viel wird

Der höchste Dämmwert bringt allerdings nichts, wenn der Gehörschutz nicht passt. «Das ist ein oft unterschätzter Punkt», weiss Arndt. Denn nicht jeder Gehörschutz passt zu jedem Ohr. Das betrifft nicht nur Ohrstöpsel, sondern auch Kapsel- gehörschutze. Beim Kauf eines Schutzes sollten sich Jägerinnen und Jäger deshalb von einer Fachperson beraten lassen und sich nicht scheuen, mehrere Modelle auszuprobieren.

Schalldruck und Lautstärke

Der Schalldruckpegel ist eine logarithmische Beschreibung der Stärke eines Schallereignisses, die Angabe erfolgt üblicherweise in Dezibel (dB). Eine Erhöhung des Schalldruckpegels um +10 dB verdoppelt subjektiv die vorhergehende Lautstärke: Eine leise Unterhaltung mit 40 dB ist somit nicht viermal so laut wie das normale Atmen mit 10 dB, sondern achtmal lauter.

Text: Raphael Hegglin

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