Weidmannsheil mit bitterem Nachgeschmack

· Dezember 24, 2012

Im vergangenen Herbst, während der Hochbrunft, mussten im st. gallischen Grabs zwei kapitale Hirsche von ihrem Leiden erlöst werden. Sie hatten sich kämpfend hoffnungslos in einem Drahtzaun verfangen.

Weidmannsheil mit bitterem NachgeschmackDer halbe Berg war auf den Beinen. Gaffer und Passanten folgten dem Schauspiel, welches sich vormittags am Grabserberg bot. Die Jägerschaft des Reviers Grabs-Ost hatte einen alarmierenden Anruf erhalten. Anwohner hatten beobachtet, wie sich zwei Rothirsche stolpernd und sich überschlagend über einige Hundert Höhenmeter rund zweieinhalb Kilometer den Grabserberg runterkämpften. Die Revierjäger rückten unverzüglich aus, um sich ein Bild dieses Schauspiels zu machen. Was sie zu sehen bekamen, liess sie erschaudern.

Zwei starke Hirsche, im Alter von acht bis zehn Jahren, hatten sich scheinbar im Brunftkampf mit ihren Geweihen vollständig in einem Weidedraht verwickelt. Die Kontrahenten waren über und über mit Draht «gekrönt». Ein Stier hatte den Draht gar um den Äser gewickelt. Der Haspel, mit welchem der Draht jeweils aufgerollt wird, prangte im Kopfschmuck des anderen Hirsches. Die Situation war aussichtslos. Beide Hirsche lagen beim Eintreffen der Jäger abgekämpft, zerschunden und völlig erschöpft in einem Bachtobel. Eine Narkotisierung und anschliessende Rettung war unmöglich.

Die Jäger und der telefonisch informierte Wildhüter einigten sich rasch und unkompliziert darauf, die beiden bedauernswerten Geschöpfe von ihrem Leiden zu erlösen. Glücklicherweise konnten die Hirsche, trotz schwierigem Gelände, unverzüglich und weidgerecht durch einen erfahrenen Jäger erlegt werden.

Die Pächter des Reviers Grabs-Ost konnten sich über den Abschuss nicht freuen. Das Leiden der Hirsche muss gross gewesen sein. Die Wildkörper waren voller Schürfungen und Wunden. Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack: Jährlich fallen schweizweit wohl Hunderte Wildtiere Zäunen zum Opfer und gehen darin meist elend zu Grunde. Die Einzäunungen werden vielfach zu nahe an den Wald gesetzt und kaum kontrolliert. Eigentlich müssten die Zäune entfernt werden, wenn die Flächen nicht mehr beweidet werden. Doch die Abschrankungen werden teilweise sogar während des Winters stehen gelassen.

Text: Markus P. Stähli; Fotos: Franz Dal Ponte

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