Weidmannsheil im Rollstuhl

· November 22, 2012

In der Schweiz gibt es einige querschnittgelähmte Jäger, die vom Rollstuhl aus jagen. Sie fallen nicht weiter auf, da sie ohne viel Aufhebens weidwerken – wie drei von ihnen auf einer Gemeinschaftsjagd gezeigt haben.

Peter Brägger wartet in der Deckung: Wild kommt!

Peter Brägger wartet in der Deckung: Wild kommt!

Am Morgen des 23. Oktobers liegt die ganze Innerschweiz in einer Nebelsuppe. So dicht, dass die Scheibenwischer am Auto auf intensivster Stufe kämpfen und die Sensoren «Regen» anzeigen. Das beginnt schon kurz nach Zürich und zieht sich hinauf bis zu Sepp Zemps Hof im entlebuchischen Schüpfheim – gelegen auf über 800 Meter über Meer.

Um halb neun reiht sich dort Auto an Auto. Hunde lauten, die Jagdgesellschaft Wissemmen versammelt sich zur Gemeinschaftsjagd. Ein Subaru mit Bündner Kennzeichen biegt um die Ecke, darin ein Fahrer und zwei Passagiere. Ihre grünen Faserpelzjacken, Hosen und Hüte bezeugen: Auch die drei Bergler werden an diesem Tag auf die Jagd gehen. Noch während sie ihre Autotüren aufstossen, eilt Sepp Zemp zum Wagen und öffnet den Kofferraum. Daraus nimmt er drei Rollstühle, klappt sie auseinander und stellt sie links und rechts vom Wagen bereit. Geübt schwingen sich Fahrer Hans Pleisch und seine Passagiere Peter Brägger und Wendi Eberle von den Autositzen in die bereitstehenden Rollstühle, kurven ums Auto und schnappen sich ihre Flinten aus dem Kofferraum. Die Jagd kann beginnen.

Per Traktor zum Stand

Jagdleiter Franz Engel gibt bekannt: Heute werden Rehwild und Fuchs bejagt, zugelassen ist nur der Schrotschuss – der Kugelschuss aufgrund des dichten Nebels jedoch nicht; aus Sicherheitsgründen und weil das genaue Ansprechen des Rotwildes bei den vorherrschenden Sichtverhältnissen kaum möglich ist. Ansonsten ist der Kugelschuss auf den Gemeinschaftsjagden im Entlebuch durchaus üblich. Rotwild gehört zum Standwild und zeigt sich auf der Bewegungsjagd genauso wie dem ansitzenden Jäger. Triebe wird es an diesem Tag zwei geben, einen am Morgen und einen am Nachmittag. Jagdleiter Franz Engel weist die Stände zu, nach dem «Aufbruch zur Jagd» eilen die Jäger zu ihren Autos. Wendi Eberle stemmt sich auf den Beifahrersitz eines Jeeps, seine Kollegen Hans Pleisch und Peter Brägger platzieren sich auf der Heckschaufel von Sepp Zemps Traktor. Ein Strick sichert die Rollstuhlfahrer. Sepp Zemp fährt die Schaufel hoch und startet den Traktor. Langsam geht die Fahrt übers Feld und bald quer durch den Wald, führt über herumliegende Äste, Steine und moosbedeckte Bodenwellen.

Mit dem Rollstuhl mitten im Wald

Der erste Stand gehört Hans Pleisch. Die Räder seines Rollstuhls graben sich in den Boden, gewährleisten optimalen Halt. Auf dem nächsten Stand folgt Peter Brägger. Platziert auf einer Erhebung, richtet er sich für einen Schrotschuss ab dem Rollstuhl ein. Ein paar Probeanschläge, und es wird klar: Die Flinte sitzt, der Schütze ist versiert, und die Position stimmt. Ein langer Hornstoss, der Trieb beginnt. In der Ferne Hundegeläut, dann ein Schuss. Später wieder einer, es werden nicht die letzten Schüsse sein.

Am Mittag liegen drei Rehe und ein Fuchs. Unter den glücklichen Schützen ist Wendi Eberle, der eine Rehgeiss erlegen durfte. Wenn er hätte aufstehen können, hätte er etwas früher schiessen können, sagt Wendi Eberle. So habe er halt warten müssen, bis die Geiss in sein Schussfeld trat. Er lacht und verrät dabei: Es hat auch so gepasst.

Kontakte aus dem Behindertensport

Der Trieb dauerte fast zwei Stunden, Jäger und Treiber sind hungrig. Auf Sepp Zemps Hof gibt es dampfende Suppe, sie wärmt und nährt. Zeit für ein paar Gespräche. Sepp Zemp geht seit über 40 Jahren in Schüpfheim zur Jagd. Der Landwirt arbeitete nebenher als Skilehrer in der Ski- und Snowboardschule Sörenberg. Dort habe er lange Zeit die Monoskibob-Gruppe geleitet, erzählt Zemp. Monoskibob ist eine Disziplin im Behindertensport, die hauptsächlich Querschnittgelähmte und Gehbehinderte ausüben. «Als mein Bruder vor über dreissig Jahren durch einen Unfall querschnittgelähmt wurde, begann ich mich intensiv mit Behindertensport auseinanderzusetzen», sagt Sepp Zemp.

Im Laufe der Zeit entstand eine enge Zusammenarbeit zwischen der Ski- und Snowboardschule und dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil sowie der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung. Sepp Zemp lernte zahlreiche Behindertensportlerinnen und -sportler kennen, darunter auch jagende. «Da lag es doch auf der Hand, die Rollstuhl-Jäger hin und wieder zu uns auf die Gemeinschaftsjagd einzuladen.»

Schnell verstellt

Essend und schwatzend verrinnt die Zeit, der Nachmittagstrieb naht. Die Jäger umstellen ein Waldstück. Nur 20 Minuten nach dem Mittagessen sind die Gewehre geladen, das Anblasen ertönt. Der Nebel zieht sich zusammen. Teilweise lässt sich nur erahnen, was jenseits der Schrotschuss- Distanz passiert. Ein Schuss hallt. Ob wieder einer der Rollstuhl-Jäger Weidmannsheil hat? Man möchte es ihnen besonders gönnen. Doch warum eigentlich? Spätestens seit dem ersten Trieb ist klar: Mitleid ist fehl am Platz. Die drei sind vollwertige Jäger, auf die sich alle Mitjagenden verlassen können. Die Gemeinschaftjagd im Revier Wissemmen unterscheidet sich in keiner Weise von anderen Jagden.

Nach dem Abblasen hat sich die Strecke auf fünf Rehe und zwei Füchse erhöht. Man ist zufrieden, verbläst die Strecke und ehrt die Schützen. Die hereinbrechende Nacht sorgt für endgültige Dunkelheit in der Nebelsuppe. Doch der Schüsseltrieb in der feuerwarmen Jagdhütte lässt einen jedes Wetter vergessen.

Nach der Reha auf die Jagd

Während die Scheiter im Ofen glühen, dreht es sich in der Hütte bald um vergangene Jagderlebnisse – ohne Latein. «Von uns dreien habe ich es als Revierjäger am einfachsten», sagt Wendi Eberle aus dem Kanton St. Gallen. Seit Jahrzehnten ist er Pächter in einem Revier in den Flumser Bergen, hat zudem das Amt des Obmanns seiner Jagdgesellschaft. Ohne Rollstuhl ging er dreizehn Jahre auf die Jagd. Dann verunfallte Wendi Eberle während der Arbeit auf seinem Hof. «Als ich nach langen Wochen in der Rehabilitation nach Hause kam, machte ich gleich weiter mit der Jagd: Noch in derselben Nacht schoss ich einen Fuchs vom Schlafzimmerfenster aus.»

Ebenso passionierte Jäger sind die zwei Bündner Hans Pleisch und Peter Brägger. «Natürlich stellt es alles auf den Kopf, wenn du plötzlich querschnittgelähmt bist», sagt Brägger. «Aber jagen, das geht weiterhin.» Und die Jagd spielt im Leben der drei eine grosse Rolle: «So behalte ich den Bezug zur Natur, die Erdung», sagt Brägger.

Die Natur mit anderen Augen sehen

Der Abend gipfelt in einem Festessen mit Voressen, Knöpfli und Rotkraut aus den Kochtöpfen von Sepp Zemps Frau Marie-Theres, zum Dessert reicht die Jagdgesellschaft gebrannte Creme und Kaffee. «Klar, man muss seine Jagdtechnik umstellen, mehr Sitzleder entwickeln», sagt Wendi Eberle. Auf der anderen Seite werde man durch den Rollstuhl gezwungen, länger zu beobachten, das Wild kommen zu lassen. «Seit ich im Rollstuhl sitze, sehe ich in der Natur Dinge, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Ich schiesse sogar mehr Hirsche als früher.»

Etwas mehr Krämpfe hatten die beiden Jäger aus dem Bündnerland: «Es war anfangs nicht einfach, die Jagdverwaltung für uns zu gewinnen, erzählt Hans Pleisch. «Denn wir brauchen eine Sondergenehmigung, damit wir mit einem Motorfahrzeug auf die Jagd gehen können.» Diese haben sie vor einigen Jahren endlich bekommen. Sie dürfen nun zu sechs definierten Stellen fahren, wo sie jeweils Bodensitze für ihre Zwecke eingerichtet haben. «Wir schiessen jede Saison einen Hirsch oder ein Reh, Hilfe brauchen wir – wenn überhaupt – nur beim Bergen», sagt Pleisch. «Wenn man uns machen lässt, dann klappt es auch.»

Autor: Raphael Hegglin / Bilder: Tanja Hegglin

Filed under: Jagd & Umwelt

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