Von Menschen und Jägern

· Februar 28, 2013

Martin EbnerZu Recht haben der Mensch und seine Integrität in unserem Kulturkreis einen hohen Stellenwert. Ehrverletzung und Rufschädigung genügen bereits, um Juristen zu aktivieren. Ist der Mensch ein Jäger, sieht es etwas anders aus. Das zeigen einschlägige Internetseiten aus unserem nördlichen Nachbarland. Da kann man lesen, dass es den Jägern «… nicht ums ökologische Gleichgewicht, sondern ums Morden geht» und «… haben sich die Jäger erst einmal in ihren Blutrausch hineingesteigert, kennt das Morden keine Grenzen mehr». Damit ist klar: Jäger sind Mörder. Und das wird dann auch völlig straffrei in die ganze Welt hinaus posaunt. Was logischerweise zur Schlussfolgerung führt, Jäger sind gar keine Menschen.

Neuere Forschungen widerlegen das. Auch Jäger gehören zur Spezies Homo sapiens, denn sie können sich mit dieser fortpflanzen und die Nachkommen sind weiterhin zeugungsfähig. Also ganz anders als wie beim Rackelwild. Damit steht der jagende Mensch seinen Mitmenschen klar näher als ein Schimpanse. Aber, und das ist entscheidend, der jagende Mensch verfügt über drei Gene, welche die Evolution in die Neuzeit nicht mitgemacht haben.

Da wäre einmal das «Klamotten-Gen». Jeder Durchschnittsschweizer und besonders jede Schweizerin kauft gerne und öfters Kleider ein. Die sind modisch chic, damit man sie seinen Mitmenschen präsentieren kann. Das wiederholt sich zu jeder Jahreszeit, man kauft und zeigt. Ganz anders der Jäger. Zwar braucht auch er Kleider, ist ihm die Ganzkörperbehaarung des Urmenschen doch ebenfalls abhandengekommen. Aber, und das ist der Unterschied, er kauft zeitlose Klamotten in Jagdgrün oder zumindest erdfarben, trägt diese während drei Jahren nur an Sonntagen bei sich zu Hause und wird sie erst anschliessend, wenn sie genügend zerknittert und abgewetzt sind, auch für den Ausgang und die Jagd anziehen. Und dann bleibt er mindestens zehn Jahre seiner Bekleidung und seinen Schuhen treu. Erst nach dem fünften Flicken oder wenn die Schuhe auch mit dem besten Fett nicht mehr wasserdicht bleiben, wird er wieder zum Jagdausrüster gehen, um sich neu einzudecken. Das führt zwar zu dieser oder jener Ehetragödie und der Kleiderschrank überquillt von noch nie getragenen Hemden, Jacken und Hosen, die ihm die Angetraute in bester Absicht und zur besseren Sozialisierung gekauft hat. Doch das Klamotten- Gen verhindert, dass ein Jäger mit neuer Kleidung auf die Pirsch oder gar zur Gemeinschaftsjagd gehen wird. Macht dies ein Unbedarfter trotzdem, wird er am Aserfeuer mit vernichtenden Blicken abgestraft.

Und damit kommen wir zum «Feuer-Gen». Beim Durchschnittsmenschen äussert sich die Affinität zum Feuer allenfalls dadurch, dass er ein Haus, einen Schuppen oder seine Küche anzündet. Damit macht er sich im schlimmsten Fall straffällig, im besten zum Versicherungsfall. Ganz anders der Jäger, gibt es doch für ihn nichts Schöneres, als mit Gleichgesinnten stundenlang um ein Aserfeuer zu sitzen, der Rücken kalt, das Gesicht gerötet von der Wärme der Flammen und auf dem Rost ein selbsterlegtes Stück Wildbret. Dazu die unglaublichsten Geschichten rund um die Jagd.

Dieses Stück 100%-Biofleisch auf dem Grill hat er seinem «lustvoll-Beute-machen-Gen» zu verdanken, das ihn, zum Dritten, genetisch ebenfalls vom Homo sapiens unterscheidet. Kauft letzterer seinen Eiweissspender beim Grossverteiler und weiss deshalb nicht, was die «arme Sau» auf dem Weg bis zu seinem Teller alles gefressen und erlitten hat, beschafft sich der Jäger auf archaische Art und Weise sein Stück Fleisch. Zwar nicht mehr mit Keule und Speer wie die Steinzeitjäger, sondern mit einer Feuerwaffe in der Hand. Aber meist auch aufwändig, verbunden mit Warten, Anpirschen, Versagen, Schwitzen, Frieren, Aufbrechen und Zerlegen.

Gut, dass es die noch genetisch archaischen Jäger gibt. Denn sollte uns in den nächsten tausend Jahren ein Meteorit auf den Kopf fallen und wieder in die Steinzeit zurückbefördern, verzweifeln wenigstens wir Jäger nicht vor den leeren Supermarkt-Regalen und den stromlosen Höhlen. Weil wir wissen, wie es sich mit Beute- und Feuermachen sowie Pelztragen überleben lässt.

Text: Martin Ebner

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