Stopp Tierleid: Freispruch für renitenten Landwirt

· Juni 17, 2020

Ein Bauer aus Ganterschwil, bei dem sich wiederholt Wildtiere im mobilen Weidezaun verfangen haben, wurde vom Kantonsgericht im Berufungsverfahren freigesprochen. Zu Unrecht, findet Peter Weigelt vom Initiativkomitee «Stopp dem Tierleid». Die Initiative fordert klarere Regeln. Beim Bauernverband stösst sie auf wenig Rückhalt.

Das Kantonsgericht St. Gallen kippte am Montag, 8. Juni, ein Urteil der Vorinstanz: Das Kreisgericht Wil verurteilte vor einem Jahr einen Landwirt aus Ganterschwil zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 140 Franken und zu einer Busse von 420 Franken. Für die Richter damals war klar, dass der Bauer gegen das Gesetz verstossen hatte. Während mehr als einem Monat liess er im Frühherbst 2018 auf dem Gemeindegebiet von Bichwil einen flexiblen Weidemaschenzaun ungenutzt stehen. Am 13. Oktober 2018 fand der Wildhüter eine tote Rehgeiss, die sich im Zaun verheddert und sich dabei stranguliert hatte. Ein Jahr später nun, sprach das Kantonsgericht den (auch) wegen Tierquälerei mehrfach vorbestraften Bauern vollumfänglich frei.

Peter Weigelt, Präsident RevierJagd St. Gallen und Präsident des Initiativkomitees «Stopp dem Tierleid» regt sich auf: «Das Kantonsgericht hätte auch nach heute gültiger Rechtsgrundlage eine Handhabe gegen den Landwirt gehabt.» In der Tat hat Artikel 41 des «Gesetzes über die Jagd, den Schutz der wildlebenden Säugetiere und Vögel sowie deren Lebensräume» oder kurz «Jagdgesetz» folgenden Wortlaut: «Anlagen, insbesondere unnötige Zäune, werden verboten oder beseitigt, wenn sie den Lebensraum unverhältnismässig stören.» Vor dem Kantonsgericht sagte der Beschuldigte aus, dass sich bislang noch nie ein Tier in seinen Weidezäunen verfangen hätte. Da ist Weigelt ganz anderes zu Ohren gekommen: «Die Jäger in besagtem Revier sind sauer, wenn sie so etwas hören. Aus besagtem Zaun dieses Bauern haben sie schon mehrmals Tiere erlöst oder herausgeschnitten, wenn sie bereits verendet waren. Selbst der Wildhüter persönlich hat vor etwa drei Jahren einen Bock – zum Glück noch lebend – aus dem Zaun befreit.» Auch dass der Landwirt nichts von in seinem Zaun verfangen Wildtieren gewusst haben soll, stimme einfach nicht: «Die Jäger konfrontierten den Bauern jeweils mit dem Umstand und haben ihm wiederholt erklärt, dass er mit diesem Zaun vielbegangene Wildwechsel unterbreche.» Zudem sei auch der St.Galler Bauernverband über den renitenten Landwirt informiert worden, doch auch da sei nichts geschehen.

Die Volksinitiative «Stopp dem Tierleid» verlangt strengere und klarere Regeln: Neben dem totalen Verbot von Stacheldraht sollen mobile unbenutzte Weidezäune spätestens nach 14 Tagen wieder abgeräumt werden. Die Initiative geniesst in der St.Galler Bevölkerung viel Rückhalt. Innert kurzer Zeit wurde sie von 11’000 Menschen unterschrieben, nötig wären lediglich 6000 Unterschriften gewesen. Selbst der Regierungsrat hat sich hinter das Anliegen gestellt. Erst der Kantonsrat verpasste dem Anliegen anfangs Juni einen Dämpfer: Er schickte die Initiative zurück an den Regierungsrat – dieser soll einen Gegenvorschlag ausarbeiten. Gegenüber «Die Ostschweiz» äusserte sich GLP-Kantonsrat Andreas Bisig verärgert: Der CVP, FDP und SVP fehle der Mut, die Initiative einfach abzulehnen. Doch die Ausarbeitung eines Gegenvorschlags sei reine Zeitverschwendung und ende letztendlich in einem neu verpackten Status quo.

Weigelt ärgert sich aber nicht nur über das Kantonsgericht und den Kantonsrat, sondern auch über den Bauernverband: Die Verantwortlichen würden sich am Thema «Tierwohl» absolut desinteressiert zeigen. «Meine Anfrage beim Bauernverband um Mitfinanzierung von Drohnen für die Rehkitzrettung wurde mit Verweis auf unsere Initiative verweigert. Und dies, obschon Rehkitzrettung mit der Initiative rein gar nichts zu tun hat.»

Der St.Galler Regierungsrat hat nun ein Jahr Zeit, einen Gegenvorschlag zur Initiative «Stopp dem Tierleid» auszuarbeiten. Danach gelangt das Anliegen wieder in den Kantonsrat und dann höchstwahrscheinlich vors Stimmvolk. Eine für Weigelt viel zu lange Zeit, in der sich noch viele Wildtiere in den Weidezäunen unnötig verfangen und verenden können.

Text: Michel Bossart
Foto (zVg): Nicht nur Rehe und Hirsche verenden nach langem Todeskampf in Weidenetzen, auch Füchse oder Dachse und sogar Wildschweine.

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