Sommerböcke

· Juli 10, 2013

In der zweiten Julihälfte kommt wieder etwas Leben in die Rehgesell- schaften. Die Brunft beginnt, und plötzlich fallen sie wieder auf, die Sommerböcke. Wenn es passt, springen sie aufs Blatten oder sogar auf eine quietschende Bremse!

SommerböckeJeder von uns kennt es: Im Mai, da waren die Rehe, egal ob Bock oder Geiss, hochaktiv. Sie hatten viel nachzuholen, und manche hatten einiges klarzustellen, bezüglich Eigentums- verhältnisse. Dann, so Anfang Juni reduzierte sich die Sichtbarkeit. Den Haarwechsel, für den zusätzliche Energie notwendig war, hatten sie abgeschlossen, die Streitereien beendet, und die Jährlingsböcke hatten gelernt, sich nicht allzu sehr in den Vordergrund zu schieben. Die Feistzeit begann, und jagdlich ging nicht mehr viel.

Ältere Jäger mögen sich an Zeiten erinnern, in denen man auch in der Feistzeit noch mehr Rehe sah als heute. Stimmt! Aber damals wurden im Mai weder Böcke noch Schmalrehe geschossen. Sie lebten im Sommer noch! Wir wollen aber auch nicht vergessen, dass früher vor allem die Feldlandschaft anders aussah als heute. Viele waren nicht nur reh-, sondern vor allem auch jägerfreundlicher. Es fehlten die grossen Maisschläge, die heute vielerorts die Rehe ansaugen und unseren Blicken entziehen.

In der zweiten Julihälfte kommt wieder etwas Leben in die Rehgesellschaften. Die Brunft beginnt. Manchmal sehen wir schon Anfang Juli einen Bock treiben, doch ist das die Ausnahme und kann nicht als Brunftbeginn definiert werden. Es sind auch nicht besonders früh brunftig werdende Schmalrehe, wie manche Jäger glauben, eher Geissen, die ein Jahr pausiert oder früh ihr Kitz verloren haben. In der Regel werden nämlich die Schmalrehe als Letzte brunftig. Ganz grundsätzlich menschelt es bei den Rehen, und die Damen geben den Takt vor. Es kann eben auch der frömmste Rehbock nicht in Frieden dösen, wenn die erste Geiss zum Eisprung kommt!

Blattjagd-Hoffnungen

Die Blattjagd hat im Bewusstsein zahlreicher Jäger einen hohen Stellenwert, wobei die Realität meist hinter den Erwartungen zurückbleibt. Schon der alte Heinrich Wilhelm Döbel äusserte sich in seiner 1746 erschienenen «Jäger-Praktika» eher skeptisch zur Blattjagd. Gleichwohl erfreute sie sich vor allem bei den adligen Standesherrschaften mit eigenem Waldbesitz und Jagdrecht hoher Beliebtheit. Eine dieser jagdfreudigen Standesherrschaften war die Fürstl. Fürstenberg’sche in Donaueschingen, wo die Ergebnisse der Blattjagd mehr als zwei Jahrhunderte hindurch aufgezeichnet wurden. Allerdings wurde kaum irgendwo getrennt zwischen Böcken, die eben während der Blattzeit irgendwie zur Strecke kamen, und jenen, die tatsächlich aufs Blatt sprangen. Was eigentlich immer springt, egal ob im Juli oder Anfang August, das sind die Jährlinge. Klar, sie kommen sonst kaum zum Zuge. Erwachsene Rehböcke lassen sich eher selten von einer Geiss weglocken. Man muss sich das einfach (auch wenn’s unwissenschaftlich ist) vermenschlicht vorstellen: Welcher junge Bursch’, erst recht welcher Herr im dritten Frühling, lässt sich von einer Dame weglocken, die ihm Hoffnungen macht! Vielversprechende Angebote von Rehdamen werden jedoch gegen Ende der Brunft immer seltener. Anfang August ist die Mehrzahl der Geissen durch, und eigentlich sollten wir erst jetzt von der Blattzeit sprechen. Natürlich springt uns auch um den 20. Juli herum der eine oder andere erwachsene Bock. Doch die Gefahr, entdeckt und durchschaut zu werden, ist umso grösser, je früher der Jäger mit dem Blatten beginnt.

Es ist auch gar nicht notwendig, weil das Brunftgeschehen ohnehin Bewegung unter die Rehe bringt. In der Früh’ sind sie häufig länger unterwegs als in «Friedenszeiten». Auch tagsüber kann es sich lohnen. Das ist zwar ganzjährig so, aber eine gegen elf Uhr still in einer Verjüngung äsende Geiss übersehen wir leicht. Den treibenden Bock hingegen kaum. Wir sehen ihn und hören ihn. Aber was heisst hier «treibenden Bock»? Der Realität käme die Bezeichnung «der gezogene Bock» viel näher, denn es ist ja die Geiss, die animiert, die Weg und Tempo vorgibt. Ohne diese ganze weibliche «Show» geht beim Bock überhaupt nichts. Und wie im richtigen (menschlichen) Leben erweckt der Bock den Anschein, das Sagen zu haben. Tatsächlich aber wählt die Geiss; er muss nehmen, was er gerade bekommt. Zeiler telemetrierte steirische Rehgeissen, die alljährlich kleine Wanderungen unternahmen und nach der Paarung wieder die alten Einstände bezogen. Sie schienen also sehr feste Vorstellungen vom künftigen Vater ihrer Kitze zu haben.

Regen und Sex

Die Jagd wird durch Sprichwörtlichkeiten geprägt. Dazu gehört auch jene, wonach es kalt sein muss, damit die Hirschbrunft in Gange kommt und dass es heiss sein muss, damit die Böcke springen. Nun werden Rehgeissen nicht den Eisprung unterdrücken, nur weil der Thomas Bucheli in «SRF Meteo» Regen oder einen Temperatursturz angesagt hat. Und es werden wenige Rehböcke solche Traditionalisten und Fans von Jägerweisheiten sein, dass sie auf den Beschlag einer Geiss wegen nicht angepassten Wetters verzichten. Der Jäger lasse nur einmal sein eigenes Leben Revue passieren…

Wir haben viele Jahre hindurch Wetter und Jagderfolg protokolliert. Dabei zeichnete sich an Tagen mit typischem Hundstagswetter durchaus ein höherer Jagderfolg ab. Was aber kaum erfasst werden kann, das sind menschliche Befindlichkeiten und Vorurteile. Wir gehen eben an einem glühend heissen Augusttag lieber zum Blatten als an einem Regentag. Fakt ist, dass nicht wenige Böcke auch an kalten und regnerischen Tagen aufs Blatt sprangen.

Immer wieder wird nach der günstigsten Tageszeit gefragt. Vormittag oder Nachmittag? Die meisten von uns werden eher ein, zwei Stunden früher Feierabend machen können, um ins Revier zu gehen, als im Betrieb den Vormittag zu versäumen. Überhaupt blatten wohl die meisten Jäger beim ganz normalen Morgen- oder Abendansitz vom Hochsitz herunter. Nicht wenige der dabei erlegten Böcke wären auch so zur Strecke gekommen, wenn auch nicht unbedingt am selben Tag.

Georg Ludwig Hartig (1764–1834) schreibt in seinem Standardwerk «Lehrbuch für Jäger»: «Gewöhnlich springen die Rehböcke von 10 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags…» Diese Aussage lässt, bei allem schuldigen Respekt, auf eine Vorliebe Hartigs für spätes Aufstehen und beschauliche Abende schliessen. Zwei Jahrzehnte wohnten wir im Bergwald oben und erlebten dort Rehe, die selbst in Mondnächten ums Haus trieben!

Jedenfalls läuft in der zweiten Julihälfte – mit und ohne Blatten – einiges. Böcke, die bei einer Geiss stehen, fallen auf. Solche, die noch eine Geiss suchen, ebenfalls.

Wo?

«Spielmacher» sind die Geissen, und sie ändern ihren Lebensrhythmus in der Brunft kaum. Zwei Faktoren bestimmen ihren Tagesablauf: Nahrung und Ruhe. Wo die Geissen sind, sind aber die Böcke nicht weit. Wir dürfen unsere Ansitzorte folglich wählen, als fände überhaupt keine Brunft statt. Wo die beste und überdies gefahrlos zugängliche Äsung ist, dort finden wir auch die Geissen und in ihrem Schlepp die Böcke. Im Grunde könnten wir den ganzen Tag hindurch jagen, denn Rehe sind darauf angewiesen, alle paar Stunden Nahrung aufzunehmen. Sie nutzen die verschiedenen «Restaurants» zeitlich sehr klug. In der Dunkelheit werden bevorzugt die bei Tage etwas gefährlicheren Lokalitäten (Wiesen, sonstige Freiflächen) aufgesucht, bei Tage jene, die auch Deckung bieten. Unser Problem ist, dass wir sie dort schwerer entdecken.

Genau hier hakt die Blattjagd ein. Wir nutzen den hellen Tag und blatten dort, wo wir zwar mit Rehen rechnen dürfen, diese aber nur schwer ausmachen können. Das ist die Naturverjüngung, die Dickung, der Windwurfschlag oder auch das Stangenholz. Wir warten aber nicht auf das Wohlwollen der Rehe gegenüber dem Jäger – wir holen sie heraus, dorthin, wo wir halbwegs Sicht haben.

Sicht haben, ohne gleich gesehen zu werden. So sitzen, dass die springenden oder «anschleichenden» Rehe uns möglichst nicht in den Rücken laufen! Wo also wird sich der Bock am frühen Vormittag vermutlich aufhalten? Vielleicht in einem mit reicher Naturverjüngung ausgestatteten Altholz, in dem es neben Äsung auch wärmende Sonnenstrahlen gibt. Was wird ihm, wenn er unserem Blatten vielleicht doch nicht so traut oder wenn es ihm am notwenigen Feuer fehlt, das Zustehen erleichtern? Etwas Deckung! Fazit: Am Boden sitzen, auf den Wind achten, sich keinesfalls gegen den Hintergrund abheben, geräuschlos anwechseln, erst einmal so zehn Minuten warten und dann nicht zu oft blatten. Diskret anfangen für die Böcke in der Nähe. Pause. Lauter und heftiger werden, für die weiter entfernt befindlichen Böcke und die Zauderer.

Wer springt?

SommerböckeAlle, die «Reh» heissen! Sprich, es springen häufig auch Geissen aufs Blatt, ja sogar Kitze, deren Mütter gerade mit Fortpflanzung beschäftigt sind. Böcke wie Geissen können hitzig und schnell zustehen oder auch wie nord- ische Steuerfahnder heranschleichen! Deshalb sollten wir nach dem letzten Blattversuch auch noch mindestens zehn Minuten sitzen bleiben, ansonsten kann es sein, dass schon dicht bei uns ein Bock laut schreckend abspringt.

Mit was blatten wir? Nun, ich stelle selbst keine Blatt- instrumente her und verkaufe auch keine. Meine ersten erfolgreichen Versuche machte ich mit einem simplen Weichselholzblatter von Hubertus. Später lernte ich mit Geschreiblattern Marke Eigenbau umgehen. Suspekt waren mir lange die Gummiblatter von Buttolo – völlig zu Unrecht. Also es kommt gar nicht so sehr auf das verwendete Instrument an, ja nicht einmal der Ton ist so wichtig. Stunde und Stimmung müssen passen. Ein Bock – möglichst ohne Dame – muss in der Nähe sein, dann passt es!

Es gibt so ein Sprichwort, wonach der suchende Bock auch auf das Quietschen eines Wagenrades springt. Das ist in der Tat so! Ich erinnere mich noch gut an einen schwülen Vormittag daheim im Allgäu. Meine Frau half bei der Heuernte. Ich fuhr zufällig vorbei, hielt an und die Bremse meines alten Renaults quietschte. Ich war kaum ausgestiegen, da sprang ein Bock, von Auto, Traktor und Ladewagen unbeeindruckt, die Halde herab. Eine Schrotschussweite vor uns erkannte er seinen Irrtum, drehte ab und schreckte empört.

Wer sagt was?

Beim Paarungsgeschehen lassen die Rehe zwei grundverschiedene Laute hören: das Fiepen und das Keuchen. Das Fiepen wird allgemein der Geiss zugeschrieben, das Keuchen dem Bock. Tatsächlich fiepen beide Geschlechter und – der Jäger weiss es – nicht nur in der Blattzeit. Tatsächlich fiepen gelegentlich auch «treibende» Böcke. Dies erklärt nebenbei auch, warum uns Geissen aufs Blatten zustehen. Gemeint ist hier keineswegs der zarte Kitzfiep, vielmehr auch der recht raue «Angstschrei», wobei auch die Schmalgeiss kaum Angst vor dem Beschlag haben dürfte. Ansonsten würde sie den Bock nicht animieren. Gelegentlich ist das Fiepen auch ausserhalb der Brunft zu hören, wenn sich zwei Schmalrehe oder Jährlingsböcke spielerisch jagen.

Es ist bei Rehen im Paarungsreigen schwierig zu sagen, ob es nun «vorne» oder «hinten» fiept oder keucht. Wir ordnen meist instinktiv und mit menschlicher Überlegung zu: Vorne fiept es, hinten keucht es – basta! Dazu ein kleines Erlebnis. Ich sass in der zweiten Augustwoche am Abend in einem Baumholz und blattete. Erst zart, wie von den Klassikern beschrieben, dann mit lautem Geschrei. Nach kurzer Zeit zog aus der angrenzenden Dickung ein offensichtlich suchendes Reh auf mich zu. Es zog ausgesprochen langsam und keuchte dabei wie ein «treibender » Bock. Schliesslich stand sie 30 Meter vor mir und liess das Keuchen sogar im Stehen hören.

Wann ist Feierabend?

Die Mehrzahl der Geissen wird innerhalb von zwei Wochen paarungsbereit. Ein kleinerer Teil zieht in der dritten Woche nach. Doch so, wie einzelne Geissen bereits Anfang Juli zum Eisprung kommen, kann sich dieser auch verzögern. Dazu muss man wissen, dass zwischen Geburt und nächstem Eisprung eine bestimmte Zahl von Tagen liegt. Nun setzen in Hochlagen lebende Rehe etwas später als jene des Tieflandes. Also verschiebt sich mit steigender Meereshöhe auch die Brunft nach hinten. Überdies wissen wir, dass Geissen bei spontanen Schlechtwettereinbrüchen die Geburt etwas verzögern können. Auch wenn es sich nur um zwei oder drei Tage handelt, so erleben wir vielleicht unseren besten Blatttag nicht am 6. August, sondern erst am 9. August. Grundsätzlich dürfen wir im alpinen Raum auch um den 15. August herum noch mit springenden Böcken rechnen.

Es gibt aber noch etwas, das uns die Rehbrunft verlängern kann. Die Paar- ungsbereitschaft der Geissen ist sehr kurz, kaum länger als ein Tag. Daher rutschen immer wieder einzelne von ihnen leer durch. Sie kommen aber einige Zeit später erneut zum Östrus. «Vermehrungstechnisch» ist das kein Problem, denn die befruchteten Eier nisten sich ohnehin erst im Vorwinter in der Gebärmutter ein. Was also lässt sich dem Jäger raten? Raus gehen, sobald die Brunft in Gange kommt. Erleben, beobachten und wenn’s passt ernten. Mit dem Blatten aber warten bis zur Monatswende.

Text: Bruno Hespeler

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