RWS EVO Green Gute Wirkung und bleifrei

· Juni 11, 2013

Unser Experte Peter Pulver hat die clevere Alternative aus dem Hause RWS auf Herz und Nieren geprüft.

Vergleich Längsschnitt HMK und EVO Green. Die nahe Verwandtschaft der beiden Geschosse ist gut zu erkennen.Die Idee ist bestechend. Ein millionenfach bewährtes HMK-Geschoss (H-Mantel/Kupferhohl- spitze) wird statt mit Blei mit dem ungiftigen Zinn gefüllt. Fertig! Natürlich hat man bei RWS noch etwas modifiziert. Die bisherige Kupferhaube wurde durch eine Kunststoffspitze ersetzt, was fertigungs- technisch einfacher sein dürfte. Warum der Mantel der neuen Geschoss- generation nach wie vor mit einem Stahlmantel ausgerüstet ist, will man bei RWS derzeit nicht bekanntgeben… Die ID- und UNI-Geschosse – (noch) mit Bleifüllung – sind ebenfalls mit Stahlmänteln versehen.

Die Funktionsweise ist die gleiche wie beim HMKGeschoss. Die Spitze zerlegt sich innerhalb weniger Zentimeter Eindringtiefe in Splitter. Die weitere Deformierung wird durch die H-Rille zuverlässig gestoppt. Die im Wildbret verbleibenden Zinnreste schaden mit Sicherheit weder einem Seeadler noch menschlichen Wildbret-Geniessern. Zinn ist lebensmittelecht und für den Menschen ungiftig.

Deformation als f (Vz); bei etwas über 500 m/s Auftreffgeschwindigkeit ist die Deformation oder besser Zerlegung der Spitze praktisch abgeschlossen. Es bleibt der hintere harte zylindrische Durchschlagskörper.Zinn ist fast um die Hälfte leichter als Blei (Dichte: Zinn etwa 7 g/cm³, Blei etwa 12 g /cm³). Bei gleicher Geschoss- länge werden die Projektile also leichter. Das hat Vorteile. Vor allem grosse Kaliber werden deutlich rückstossärmer. Wer leichte Projektile auf leichtes Wild schätzt, wird mit dem EVO-Green gut bedient sein. Die leichteren EVO-Green-Projektile sind, bei gleichem Gewicht wie Bleigeschosse, deutlich länger. Folglich sind sie mit geringerem Gewicht gleich lang wie die bisherigen Bleigeschosse. Das verhindert allfällige Probleme mit Freiflug, wie sie bei kurzen Geschossen bei deutschen Patronen immer wieder auftreten können (z. B. Übergangskonus 7x 64 = 34 mm). Leichtere Geschosse verlieren schneller an Geschwindigkeit als schwerere. Das kann durch eine höhere Mündungsgeschwindigkeit kompensiert werden.

Wo Licht ist …

Das EVO Green hat wie das HMK auch seine Schattenseiten. Gut deformierende Geschosse – auch bleifreie Vollgeschosse – können ihren Querschnitt durch Aufpilzen erheblich vergrössern. Das machen HMK und EVO Green nicht. Bereits nach Durchdringen von 4 cm Gelatine, was einem halben Reh entspricht, ist der Geschossvorderteil in Splitter zerlegt. Es bleibt ein kalibergrosser, praktisch unzerstörbarer Durchschlagskörper, welcher quasi wie ein Bolzen das Zielmedium durchschlägt. Der entstehende Wundkanal ist somit kleiner als beim aufpilzenden Geschoss. Das bedingt eine Platzierung des Treffers am richtigen Ort. Erstaunliches zeigten die Schussversuche durch 4 cm dicke Gelatine. Die Geschossspitze der 9,3 mm zerlegt sich in einem sehr engen Bereich äusserst zuverlässig. Bei einer Geschwindigkeit (beim Auftreffen) von 476 m/s wird die Kunststoffspitze weggerissen. An der Geschossspitze sind leichte Deformationserscheinungen an den acht am Umfang verteilten Sollbruchstellen zu erkennen. Dann setzt der Hohlspitzeffekt sehr rasch ein. Bei 494 m/s sind bereits fast die Hälfte der Fahnen an der Geschossspitze umgebogen, bei 512 m/s ist der aus Zinn bestehende vordere Geschosskern weg.

Nun darf man nicht in Geschoss-Feinmechanik verfallen und annehmen, das sei in jedem Falle so. Das sind Ergebnisse von Laborversuchen, welche aber zuverlässige Aussagen über das Deformationsverhalten ermöglichen. Generell lässt sich sagen, dass das Projektil sehr rasch – auf der Einschussseite – fast explosiv deformiert bzw. zerlegt, um dann als kalibergrosser Restzylinder das Ziel weiter zu durchdringen. Der Geschossrest beträgt hier im Minimum noch 8 g/124 gr. Das sind noch 90% des ursprünglichen Gesamtgewichts. Bei schwerem Wild wird die explosive Wirkung nur auf der einschussseitigen Körperhälfte stattfinden.

Nach meiner Meinung wird tendenziell mit viel zu schweren Geschossen gejagt. Man jagt hauptsächlich auf Rehe, nimmt aber sicherheitshalber ein starkes Kaliber. Man könnte ja mal auf eine Saujagd eingeladen werden. In Europa werden zirka vier Millionen Rehe pro Jahr erlegt. Rehe sind zarte Tiere und werden auf 100 m mit einer .222 Rem. sicher durchschlagen, sofern man nicht ein explosives Varmintgeschoss nimmt. Bleifreie Tombakgeschosse sind auch leichter als Bleigeschosse und wirken gut. Die Belastung durch den Rückstoss nimmt mit dem Geschossgewicht ab, ebenso die Gefährdung des Hinterlandes. Mit dem 8g-Geschoss im Kaliber .308 mutiert die .300 Win Mag plötzlich zum KK-Gewehr!

Die Flugbahn

RWS EVO Green Gute Wirkung und bleifreiLeichte Geschosse verlieren schneller an Geschwindigkeit als schwere. Sie ermöglichen aber eine höhere Mündungsgeschwindigkeit. Im Vergleich HMK – EVO-Green trifft das nicht zu. Bis auf über 350 m Schussdistanz ist das 9,3 mm EVO Green schneller als das schwerere klassische HMK. Bei den anderen Kalibern gilt das sinngemäss auch. Die gesamte Energieabgabe des Geschosses ist recht gross. Die Darstellung im Diagramm «Energie und Geschwindigkeit» zeigt den Unterschied zwischen der Energie, welche das Geschoss, in Abhängigkeit von der Schussdistanz, ins Ziel bringt (obere Kurve). Die untere Kurve zeigt, welche Energie das Geschoss beim Verlassen des Wildkörpers aufweist. Die vertikale Differenz zwischen den beiden Kurven entspricht der im Wild abgegebenen (Zerstörungs-) Energie. Das Diagramm basiert auf der Annahme, dass das Geschoss, beim Durchörtern eines Rehes von 10 cm Dicke (Gelatine-Aequivalent!), in der ersten Hälfte deformiert wird. In der zweiten Hälfte ist nur noch das zylindrische Heckteil als Durchschlagskörper vorhanden. Das Diagramm basiert auf einer theoretischen Rechnung im homogenen Medium und kann den tatsächlichen Ablauf im Wildkörper nicht darstellen.

Es muss immer und immer wieder gesagt werden. In der theoretischen Zielballistik ist die Energieabgabe das Mass aller Dinge. Daraus wird die sogenannte Wirksamkeit abgeleitet. In der Jagdpraxis ist die Energieabgabe zwar immer wieder ein Thema und es wird häufig Energieabgabe mit Tötungswirkung gleichgesetzt. Das ist falsch! Energieabgabe ist immer direkt mit Wildbretzerstörung verknüpft. Säugetiere – und so auch der Mensch – sterben durch Blutverlust, welcher Sauerstoffmangel im Hirn zur Folge hat. Das Hirn ist nicht mehr funktionsfähig, die Folge ist der Tod. Massgebend ist also einzig und alleine der Sitz des Treffers. Dass deformierende und splitternde Geschosse diesen Vorgang unterstützen, ist unbestritten.

Beginn der Deformierung. Die Struktur der sektorierten Spitze ist zu erkennen.Zum Vollmanteleffekt: Ein perfekt platziertes Vollmantelgeschoss tötet zuverlässig. Das belegen Millionen von Soldaten, welche während zwei Weltkriegen durch VM-Geschosse getötet wurden. RWS legt grossen Wert auf die Konstruktion der Geschoss-Spitze. Es wird ausführlich darauf hingewiesen, dass in der Geschossspitze radiale Soll- bruchstellen eingebaut seien, welche die Deformation bzw. Zerlegung der Spitze erleichtern würden. Das wird durch ein vorerst geheimnisvoll behandeltes Verfahren erzielt. Diese Sollbruchstellen sind offenbar sehr fein. Sie sind nämlich im herausgelösten Geschosskern nirgends zu sehen. Der Stahlmantel des Geschosses wird an der Spitze kunstvoll 8-fach gefaltet, wahrscheinlich auch mit dem Ziel, die Spitzenzerlegung zu begünstigen. Das wäre nicht zwingend nötig, da Zinn etwa gleich weich ist wie Blei. Im Gegensatz zu Zinn kann Blei durch Legieren mit Antimon «gehärtet » werden.

Ein Teil der Mantelfahnen der Spitze ist nach hinten gefaltet.Fairerweise muss hier noch darauf hingewiesen werden, dass die TIG nature und TUG nature, beides Geschosse von Brenneke, seit einiger Zeit ebenfalls Zinn- anstelle von Bleifüllung enthalten. Die originalen TIG- und TUG-Geschosse sind nach wie vor mit zwei unterschiedlich harten (?) Bleikernen bestückt. Die gleichen Geschosse von RWS mit den Bezeichnungen ID (= IDEAL) und UNI (= UNIVERSAL) sind ebenfalls noch mit zwei unterschiedlich harten Bleikernen versehen.

Spitze und H-Rille ohne Zinnfüllung. Die Spitze des Mantels ist kunstvoll 8-fach gefaltet. Dadurch entstehen acht Sollbruchstellen, welche die sehr schnelle Zerlegung des vorderen Geschossteils bewirken. Der durch die H-Faltung des Mantels entstehende stabile Ring ist gut zu erkennen.Oh Wunder! Nach Angaben der Firma Brenneke sind die neuen Geschosse mit den weichen Zinnkernen genauso wirksam wie die klassischen Projektile mit zwei unterschiedlich harten Bleikernen. Und, oh zweites Wunder, Hämatome bleiben aus!

Prinzip der Faltung an der Geschoss-Spitze

Beim 9,3-mm-Geschoss beträgt der äussere Manteldurchmesser 9,3 mm. Nun wird der Mantel an der Spitze an acht Stellen gleichmässig gefaltet. Wenn die Falzbreite 2 mm beträgt, wird der neue Spitzendurchmesser im gefalteten Zustand 4,2 mm.

Fazit

Das neue RWS EVO Green – ein Geschoss mit zukunftsweisenden Eigenschaften, guter Wirkung und frei von Blei … und den unnötigen, weil unsachgemässen Diskussionen darum herum!

Ein Teil der Mantelfahnen der Spitze ist nach hinten gefaltet.Text & Bilder: Peter Pulver

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