Rettet die Roten!

· Oktober 26, 2012

In den vergangenen Wochen wird sich manch altgedienter Schweizer Soldat verwundert die Augen gerieben und die Welt nicht mehr verstanden haben. Da wurden wir Aktiven der Sechziger-Jahre in der Rekrutenschule und in jedem WK doch stets vor die gleiche Übungsanlage gestellt: Die Roten wollen aus Osten und Norden unser Vaterland angreifen, und nun gelte es, mit vereinten Kräften und den Erfahrungen aus den Siegen am Morgarten und Sempach die bösen Feinde (militärisch: BöFei) blutig zurückzuschlagen. Und jetztwollen uns Fernsehen und Radio sowie die Printmedien klarmachen, dass die Roten gar nicht so gefährlich, im Gegenteil, sogar massiv gefährdet seien, und deshalb kurz vor dem Aussterben stünden.

Martin EbnerWer nun hinter dieser Charme- offensive für alles Rote einen letzten Verteidigungsversuch der links unterwanderten Medien gegen die geplante SVP-Initiative «Vertreibt die Alt-68er von den Schalthebeln der Macht» vermutet, verfolgt die falsche Fährte. Dahinter steckt vielmehr der verzweifelte Aufruf aller engagierter Tierschützer, von Schweiz Tourismus und nicht zuletzt auch des Bundesamtes für Umwelt, unser Land und damit die Art Sciurus vulgaris – bei uns besser bekannt unter dem Namen «Eichhörnli» – vor den grauen und mächtigen Invasoren aus dem Süden zu verteidigen und zu schützen.

Ja, die Immigranten sind nahe, denn sie bevölkern bereits Parks und Wälder der Lombardei, dort vor Jahrzehnten einst aus Amerika eingeführt und ausgesetzt, und versuchen nun, durch hohe Vermehrungsraten ihren Lebensraum nach Norden auszudehnen. Dazu muss man wissen, dass Grauhörnchen als echte Amis nicht nur grösser und schwerer sind als unsere Eichhörnchen, sondern auch cleverer und weniger spezialisiert bei der Nahrungsaufnahme. Schlechte Karten also für unsere Roten. Kein Wunder, dass der Tourismusdirektor von Arosa bereits um seinen Eichhörnchenweg bangt. Denn was wäre dieses Dorf ohne die putzigen kleinen Roten, deren «Nüsse-aus-der-Hand-fressen- Bilder» rund um die Welt gehen und unzählige Touristen anlocken?

Deshalb haben die Roten – ausser von Seiten italienischer Tierschützer, die sich bisher mit Erfolg gegen eine Bejagung der Grauen eingesetzt haben – gute Überlebenschancen im Kampf gegen ihre Cousins. Selbst Prinz Charles von England machte sich für sie stark und sammelte Geld für die Bekämpfung der Invasoren. Der Krieg wird an verschiedenen Fronten geführt. Mit Gewehr, Fallen und, man lese und staune, mit Verhütungsmitteln. Hoffentlich vergreifen sich nicht unbedarfte Waldgänger an diesen, sonst könnte anstatt der Grauhörnchen das Inselvolk aussterben. Vorläufig nicht betroffen sind wir Jäger, denn weder das Rote noch das Graue gehören bei uns zu den jagdbaren Tieren. Das könnte sich aber in zehn, zwanzig Jahren ändern, wenn auch wir an die Grenze zur Abwehrschlacht aufgeboten werden. Deshalb ist es empfehlenswert, sich schon heute über die richtige Schrotstärke für dieses Halbflugwild Gedanken zu machen.

Aber möglicherweise ist das Ganze auch nur ein riesengrosser Sommerloch-Knüller, weil sich das Ungeheuer Nessie dieses Jahr geweigert hat, aus den Tiefen von Loch Ness aufzusteigen. Und vielleicht hat Netz-Natur-Redaktor Andreas Moser in seinem Beitrag im Schweizer Fernsehen wohl richtigerweise vor allzu viel Präventiv-Hektik gewarnt und zum Abwarten geraten. Denn so rasch werden sich seiner Meinung nach die Roten nicht verdrängen lassen.

Autor: Martin Ebner

Filed under: Jagd & Umwelt

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