Raumplanung und Wildtiere

· Januar 24, 2013

Die Jägerschaft muss sich in Zukunft auch politisch um Lebensraumfragen kümmern. Eine erste Möglichkeit dazu erhält sie an der eidgenössischen Volksabstimmung vom 3. März 2013. Ueli Strauss-Gallmann, Jäger, Forstingenieur und st. gallischer Kantonsplaner, hält im Hinblick auf den Urnengang ein Plädoyer für ein Begrenzen des Siedlungswachstums.

Raumplanung und WildtiereWussten Sie, dass pro Sekunde in der Schweiz immer noch 1 m2 Lebensraum zubetoniert wird? Dies entspricht der Fläche des Walensees, die unseren Wildtieren jährlich verloren geht. Das Raumplanungsgesetz des Bundes sollte hier eigentlich seit dem Jahr 1973 Einhalt gebieten. Leider konnte die Zersiedelung jedoch nur gelenkt, nicht aber eingedämmt werden. Mit dem indirekten Gegenvorschlag zur Landschaftsinitiative soll dies nun massiv verbessert werden. Das Schweizer Stimmvolk entscheidet darüber am 3. März 2013 an der Urne.

Der Erhalt und die Verbesserung der Lebensräume unserer wildlebenden Säugetiere und Vögel müssen in Zukunft eine viel wichtigere Rolle in der Jagdpolitik und in unserem gesamten Wirken als Jägerin und Jäger spielen. In der Vergangenheit haben sich vor allem die Umweltverbände für die Lebensräume eingesetzt. Aber welche Haltung nehmen unsere Jagdpolitiker, unsere Jagdverbände und unsere Jagdverwaltungen bei dieser, auch für unsere zukünftige Jagd absolut zentralen Frage ein? Können wir es uns leisten, weiterhin jedes Jahr die Fläche des Walensees zuzubetonieren?

Druck auf die Lebensräume

Raumplanung und Wildtiere

Zwei aktuelle Beispiele sollen aufzeigen, warum dem Erhalt grossflächiger, vernetzter Lebens- räume in naher Zukunft eine sehr grosse Bedeutung zukommt: Diskussionen um unsere Grossraub- tiere erregen die Gemüter in der Jagdpresse, aber auch im ganzen Blätterwald der Schweiz. Kann die Frage der Grossraubtiere zwischen Naturschützern, der Jägerschaft, der Wohnbevölkerung und der Landwirtschaft genügend geklärt werden? Die Diskussionen um Wildschäden, insbesondere um Schäden durch das Rotwild, nehmen wieder zu und werden zwischen Jägerschaft und Forstdienst wieder härter geführt. Aber können die Jäger, zusammen mit den Förstern, diese Frage überhaupt noch lösen?

Zentral bei diesen zwei kurz angeschnittenen Themen ist die Frage des Lebensraumes der im Fokus der einzelnen Diskussionen stehenden Wildart. Aber da fehlen immer wieder wichtige Akteure am Tisch der Diskussionen – die Grundeigentümer, die politischen Gemeinden und Kantone, die eben die Raumentwicklung und damit Entwicklung des Lebensraumes steuern und vollziehen. Ein Hauptthema, vor allem bei der Erhaltung grossflächiger Lebensräume und deren Vernetzung, ist dabei die Siedlungsentwicklung. Mit der Einengung der Lebensräume durch die fortschreitende Zersiedelung werden die Schälschäden der Rothirsche bestimmt zunehmen, weil die Lebensräume enger und die natürlichen Wanderungskorridore abgeschnitten werden. Durch den Siedlungsdruck werden auch die Lebensräume der Grossraubtiere enger. Dies wird in Zukunft zu noch spannungsgeladeneren Diskussionen führen.

Genügend Bauland, aber am falschen Ort

4Raumplanung und Wildtiere

Um der Zersiedelung Einhalt zu gebieten, haben die Umweltverbände im Jahr 2007 die Landschaftsinitiative lanciert. Auf der Website kann verfolgt werden, wie viel Lebensraum seit der Lancierung zubetoniert oder zuasphaltiert wurde.

(Siehe: www.landschaftsinitiative.ch)

Die Initiative geht grundsätzlich in die richtige Richtung und müsste durch die Jägerschaft, die sich für den Erhalt der Lebensräume unserer Wildtiere einsetzt, vollumfänglich unterstützt werden. Aber die Übergangsbestimmung, die ein 20-jähriges Einzonungsmoratorium verlangt, bewirkt leider eine weitere Zersiedelung. In der Schweiz haben wir noch genügend Bauland. In den Agglomerationen ist jedoch nur noch wenig freies Bauland vorhanden. Anders sieht es in den peripheren, ländlichen Gemeinden aus: Die Bauzonenvorräte sind massiv überdimensioniert und für mehrere Jahrzehnte vorhanden. Falls die Landschaftsinitiative angenommen würde, verlagerte sich der Siedlungsdruck in diese peripheren Gebiete, weil in den Agglomerationen nichts mehr eingezont werden dürfte. Dadurch würde die Zersiedelung der Landschaft weiter voranschreiten. Aus diesem Grund hat das eidgenössische Parlament, zusammen mit dem Bundesrat, einen indirekten Gegenvorschlag zur Landschaftsinitiative auf Gesetzesstufe entworfen. Dieser nimmt zielgerichtet die Hauptstossrichtungen der Initiative auf. Er enthält aber kein Moratorium.

Der indirekte Gegenvorschlag, auch als «Raumplanungsgesetzesrevision 1. Etappe» bezeichnet, verlangt, dass haushälterisch mit dem Boden umgegangen wird, die Siedlungsentwicklung nach innen gelenkt und kompakte Siedlungen geschaffen werden. Die Landschaft ist zu schonen und der Landwirtschaft sollen genügend Flächen geeigneten Kulturlandes erhalten bleiben. Als zentrales Instrument soll der kantonale Richtplan gestärkt werden, indem die Kantone behördenverbindliche Aussagen machen müssen, wie gross die Siedlungsfläche insgesamt sein soll, wie im Kanton verteilt und auch wie eine regionale Abstimmung erfolgen soll.

Umstritten ist das neue Instrument einer Mehrwertabgabe, die auf Boden, welcher neu einer Bauzone zugewiesen wird, erhoben wird. Dies mit einem Satz von mindestens 20 % des Planungsvorteils. Unter Planungsvorteil wird die Wertsteigerung von Landwirtschaftsland verstanden, die durch eine Einzonung entsteht. Dieses Geld soll zweckgebunden, für Massnahmen im Bereich der Raumentwicklung, verwendet werden – beispielsweise zur Finanzierung von Auszonungen in Gemeinden und Kantonen mit überdimensionierten Bauzonen. Im revidierten Raumplanungsgesetz wird auch verlangt, dass Bauzonen so festzulegen sind, dass sie dem voraussichtlichen Bedarf von 15 Jahren entsprechen und überdimensionierte Bauzonen zu reduzieren sind.

Entschieden wird an der Urne

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Der indirekte Gegenvorschlag zur Landschaftsinitiative wird breit, auch von den Kantonen, Städten und Gemeinden, getragen. Alle Akteure im Raum sehen, dass ohne mass- gebende Änderungen im Raum- planungsgesetz die Zersiedlung weiter voranschreitet und die Lebensräume enger und enger werden. Bekanntlich hat der Gewerbeverband das Referendum dagegen ergriffen, weil er der Meinung ist, dass der Gesetzesentwurf zu viele grundeigentümerfeindliche Vorschriften enthalte (Mehrwertabgabe, Massnahmen gegen die Baulandhortung usw.). Darum stimmen wir nun am 3. März 2013 über den indirekten Gegenvorschlag ab.

Sollte das Referendum abgelehnt werden, würden die Initianten der Landschaftsinitiative ihren Vorstoss zurückziehen und das revidierte Raumplanungsgesetz würde in Kraft treten. Sollte das Referendum angenommen werden, müssten wir in einigen Monaten noch über die Initiative an der Urne befinden. Das Referendum ist sehr kurzsichtig. Ohne wirklich griffige Massnahmen zur Steuerung der Entwicklung unserer Lebensräume werden unsere Wildtiere so stark eingeengt, dass wir in den nächsten Jahren unlösbare Probleme bekommen werden. Die massive Zunahme der Schälschäden ist ein erstes Anzeichen dafür. Dem unbegrenzten Siedlungswachstum der letzten Jahrzehnte sind Grenzen zu setzen. Sonst könnte irgendwann die indianische Weisheit der Cree-Indianer Realität werden: «Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.»

Text: Ueli Strauss

Filed under: Jagd & Umwelt

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