Mythos Mauser

· Juli 26, 2012

Nach meiner Ankunft in Palma de Mallorca gings zur Guardia Civil. Als ich meinen Waffenkoffer öffnete, entfuhr es dem nicht mehr ganz jungen Beamten «ah, una Mauser – son las mejores carabinas del mundo». Mit «si señor, eso es» machte ich den Koffer mit meiner Sauer 202 wieder zu. Ich liess ihn im Glauben, denn in Spanien wie auch in vielen anderen Ländern werden Repetierer mit Zylinderverschluss, gleich welcher Marke, immer noch oft als «Mauser» angesprochen – Merkmal eines Mythos.

Mythos MauserDafür gibt es weitere Beispiele. Um 1900 und in einigen Jahrzehnten danach wurde ein Prismenfeldstecher vielfach als ein «Zeiss» bezeichnet. Dieser Brauch fand seinen Weg bis in die Lyrik. Im Gedicht «Vice Versa» von Christian Morgenstern heisst es:

«Ein Hase sitzt auf einer Wiese, des Glaubens, niemand sähe diese. Doch im Besitze eines Zeisses, betrachtet voll gehalt’nen Fleisses, vom vis-á-vis geleg’nen Berg ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.»

In den Zwanziger- und Dreissigerjahren verlangte man oft einen «Leica-Film», wenn ein Film für eine Kleinbildkamera gewünscht war – oder man besass «eine Leica», obwohl es vielleicht eine «Balda» 24×36 war.

Zurück zu Mauser. Auf meinen USA-Reisen in den Sechzigerjahren hörte ich von Jägern und Büchsenmachern sehr oft: «Mauser – best action there is.» Gemeint war immer das 98er-System, im Originalgewehr oder verwendet in einem handgefertigten Repetierer. Merkmal eines Mythos.

Nun hiesse es, sich weit aus dem Fenster lehnen, wenn man behaupten würde, ein modernes 98er-Mauser-System sei das technisch, qualitativ und handhabungsmässig beste auf dem heutigen Markt. Es ist ein hervorragendes System, zweifellos, doch finden wir mehr als ein halbes Dutzend gleichwertige Systeme in unterschiedlichsten Repetierern. Dazu gehört die Mauser M 03 mit zeitgemässen Extras wie Handspannung, wiederkehrgenaues, modulares Laufwechsel- System und Verrieglung über sechs Warzen direkt im Lauf. Seitlich an der Hülse finden wir «Mauser M 03», auf der Laufwurzel «Original» und darunter das Mauser Markenzeichen, die «Mauser- Tonne».

Warum also kaufen betuchte Jäger oder Schrankaussteller Repetierer von Holland&Holland, Rigby, Hartmann & Weiss, Johannsen, um nur einige zu nennen, mit in Einzelstücken gefertigten 98er-Mauser-Systemen und bezahlen für so ein Gewehr in schlichter Ausführung horrende Preise – nach gängigen Angeboten im Internet und in Katalogen bis 40 000 Euro? Der Grund liegt wohl im Besitz einer exklusiven, handgefertigten Waffe und im Glauben, dass ein mausergleiches System zuverlässiger und sicherer ist. Auf keinem dieser neuen Systeme findet man allerdings «Mauser» – es sind also keine Originale, kein Mythos.

Für mich wurde Mauser zum Mythos, seit ein englischer Freund 1985 in London in meinem Namen einen Repetierer ersteigerte, geschäftet von Woodward and Sons mit Original Mauser-System und Stufenlauf im Kaliber 7×57.

Der Schlossgang war samtweich. Auf der Hülse «WAFFENFABRIK MAUSER OBERNDORF A/N 1898», die Waffennummer auf der Laufwurzel war 557. Schlicht und sehr schön war das Gewehr, zu schön, um darauf ein Zielfernrohr zu montieren.

Ich habe später noch verschiedene Repetierer mit Original Mauser-Systemen geführt und sie dann wieder an Jagdfreunde abgegeben. Heute sind in meinem Arsenal ein R93 aus den frühen Blaser-Jahren, ein Sauer 202 und ein MauserM03AlpinemitmehrerenWechselläufen. Die drei sind so unterschiedlich, dass ich mich von keinem trennen möchte. Mehr brauche ich nicht – und doch: Gäbe es ein neues 98er-Original- Mauser-System zum Preis um die 1000 Euro, würde ich mit diesem einen schönen Repetierer bauen lassen. Der Mythos würde leben.

Text: Wolf Wehran

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