Mit dem Schweisshund im Maisfeld

· März 26, 2013

Wie schnell aus einer Übung Ernst werden kann und welche Konsequenzen sich daraus ergeben können, darüber berichtet unser Mitarbeiter Hermann Büttiker.

Die Lunge ist fleckig.

Der Hundeführer M. B. (Name der Redaktion bekannt) eines Kleinen Münsterländer Rüden hat mit seinem als Vollgebrauchshund ausgebildeten Begleiter mehrere Schweissprüfungen «500 und 1000 Meter» mit Erfolg bestanden und war schon bei zahlreichen Nachsuchen erfolgreich. Er ist im Revier, wo M. B. Pächter ist, der zugelassene und gemeldete Schweisshund. Gegen Ende September – für Rehkitze bestand noch Schonzeit – legte M. B. eine Übung für «Such – Verloren — Apport» in einem Maisfeld an. Er legte Wild aus, d. h. er warf eine tote Ente in das Maisfeld. Nachdem der Hund mit dem Suchen, freilaufend vor dem Führer, begonnen hatte, musste M. B. feststellen, dass der Hund auf etwas gestossen war. Kurz darauf hörte er Rehklagen. M. B. ging sofort in diese Richtung und sah, dass der Hund im Gras, ausserhalb des Maisfeldes, ein Stück niedergerissen hatte. Er ging auf den Hund zu und rief ihn vom Stück ab. Dieses floh in den nahen Wald. M. B. konnte die Verletzung des Rehes nicht einschätzen, fand aber einige Schnitthaare. Anderntags machte er eine Nachsuche. Der Hund konnte das verendete Stück, ein Rehkitz, finden. Es zeigte sich, dass es krank war, eiternde Wunden aufwies und von Lungenwürmern befallen war (vgl. Fotos). M. B. meldete den Vorfall dem Jagdaufseher und dem Jagdleiter seines Reviers sowie der Polizei.

Strafverfahren wurde eingeleitet

Die Polizei reichte bei der Staatsanwaltschaft gegen M. B. wegen «ungenügenden Beaufsichtigens eines Hundes» Strafanzeige ein. Der Übertretungsstrafrichter der Staatsanwaltschaft erliess gegen den Angeschuldigten einen Strafbefehl in Anwendung von § 12, Abs. 1 und 2, § 13, Abs. 1 des Hundegesetzes des Kantons Luzern sowie von §§ 4, 6, Abs. 2, § 11, Abs. 1 der Verordnung (Gesetzestext vgl. Kasten) lautend auf 250 Franken Busse und Übernahme der Kosten von 210 Franken.

Einsprache gegen den Strafbefehl

Auf der Brustwand sind Lungenwürmer deutlich sichtbar.M. B. reichte gegen den Strafbefehl Einsprache mit folgender Begründung (auszugsweise) ein: Er verweist darauf, dass nach § 3 des «Reglementes über die Meldung und den Einsatz von Schweisshunden» (SRL Nr. 726a) zur Nachsuche auf beschossenes Wild nur Schweisshunde, die durch ständigen Einsatz praktisch erprobt sind, verwendet werden dürfen. Dies bedeute, dass mit einem Schweisshund regelmässig geübt werden müsse. In Erfüllung dieser Aufgabe und weil der Hund auch als Vollgebrauchshund ausgebildet sei und eingesetzt werde, habe er die Übung angelegt und durchgeführt. Weil das Rehkitz krank gewesen sei, habe der Hund das Tier angenommen. Er habe jedoch den Hund sofort abrufen können und das Kitz sei geflüchtet. Es sei nicht einzusehen, wie er bei seiner Hundeübung den Schutz der Öffentlichkeit hätte gefährden können (§ 12, Abs. 1 des Gesetzes). Ebenso wenig könne ihm vorgeworfen werden, er habe den Hund ungenügend beaufsichtigt (§ 4 der Verordnung). Er habe den Hund jederzeit unter Kontrolle gehabt und habe ihn auch sofort abrufen können, nachdem er das Rehkitz angenommen hatte. Schliesslich greife auch die Bestimmung von § 6, Abs. 2 nicht. Auch hier gelte, dass er den Hund sofort abgerufen habe. Er habe den Hund während der ganzen Übung unter Kontrolle gehabt und dieser sei demnach nie unbeaufsichtigt gewesen. Dass der Hund das kranke Rehkitz angenommen habe, sei ein ganz natürlicher Vorgang. Der Schweisshund werde dafür ausgebildet, krankes Wild auf der Nachsuche zu stellen und abzuwürgen. Teils sei dies bei einem Hund angewölft. Es könne ihm vorliegend kein schuldhaftes Verhalten vorgeworfen werden.

Verfahren eingestellt, unter Kostenfolge für den Staat

Nach durchgeführter Untersuchung – untersuchungsrichterliche Einvernahme des Angeschuldigten – stellte der Übertretungsstrafrichter der zuständigen Staatsanwaltschaft mit einer begründeten Verfügung das Strafverfahren ein. Die Oberstaatsanwaltschaft visierte diesen Entscheid, womit er in Rechtskraft erwuchs. Aus der Begründung ist Folgendes zu entnehmen: Der Übertretungsstrafrichter stellt vorerst fest, dass der Beschuldigte offensichtlich nicht vorsätzlich gehandelt habe. Es würden keine Hinweise bestehen, dass er mit Wissen und Willen ein Wildtier jagen wollte. Auch Fahrlässigkeit wird verneint. Der Beschuldigte habe nicht damit rechnen müssen, dass sein Hund, ausserhalb der Setzzeit, in einem Maisfeld ein Rehkitz, vorliegend ein krankes Rehkitz, stellt. Die bloss theoretische Möglichkeit, einem Wildtier zu begegnen, reiche zur Begründung einer strafrechtlich relevanten Voraussehbarkeit nicht aus. Somit liege kein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten seitens des Beschuldigten vor.

Es bleiben offene Fragen

Kleiner Münsterländer Rüde, ausgebildeter Vollgebrauchshund.Offen bleibt für den Hundeführer die Frage, ob eine Hundeübung freisuchend in einem Maisfeld oder in einem mit Unterholz besetzten Wald, wo mit dem Einstand von Wild gerechnet werden muss, überhaupt durchgeführt oder ob nur an der Schweissleine gearbeitet werden darf. Auch bestehen Unklarheiten bei der Wasserarbeit oder beim Vorstehen, welche Übungen aus Gründen des Tier- und Naturschutzes möglich sind. Im Kanton Luzern gibt es kein eigentliches Reglement für die Ausbildung von Jagdhunden, weder für die laute Jagd, für die Bodenjagd, für die Schweiss- Nachsuche, noch für den Vorsteh- oder Vollgebrauchshund. Es wäre für die Hundeführerinnen und -führer sehr hilfreich, wenn klare Regelungen bestehen würden. M. B. war im vorliegenden Fall sehr verunsichert, ob er sich richtig verhalten oder doch strafbar gemacht hat.

 

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