Lustvoll jagen

· September 24, 2012

Jahrelang haben wir von unseren nördlichen Nachbarn nur noch Negatives vernommen. Das hat in letzter Zeit dazu geführt, dass mancher von uns den «Deutschlandfunk» vollends abgeschaltet hat. Denn wer will sich ständig mit Kavallerie-Attacken bedroht sehen und vorschreiben lassen, wie viele Vögel noch über den Grenzbereich fliegen dürfen. Oder gleich auf ewig im Knast landen, wenn man mit seinem Sturmgewehr vom Feldschiessen kommend nur rasch mal über die grüne Grenze fahren will. Nein, solche Querschläger haben wir definitiv satt. Diana sei Dank, kommt jetzt aber endlich wieder einmal eine Frohbotschaft aus dem Norden.

Martin EbnerNatürlich, wie könnte es auch anders sein, von unseren letzten Freunden, den deutschen Jägern. Da verkündet doch einer, nicht irgendeiner, sondern ein Anwalt mit langjähriger jagdlicher Erfahrung: «Wir Jäger wollen mit der Natur ins Bett.» Und gibt gleich noch einen drauf: «Ja, die Jagdleidenschaft ist mit Sex zu vergleichen. Das ist ein Trieb, den auch niemand rechtfertigen muss. Beide Leidenschaften haben ein Ziel. Die Jagd hat die Beute, der Sex den Orgasmus.»¹ Und führt uns damit direkt auf den Wechsel zum jagdlichen Lustempfinden.

Und deshalb wird jetzt ein neues jagdliches Zeitalter eingeläutet. Vorbei die Zeiten, in denen wir auf die Frage nach den Gründen unseres blutigen Tuns allein mit den alten Geschichten vom Hegen und Pflegen, vom Erlösen alter und krankerTiere, von den fehlenden Prädatoren, der Wildschadensbekämpfung, dem Schutz unserer lieben Füchse vor Seuchenzügen und der Freude an unvergesslichen Naturerlebnissen antworten müssen.

Jetzt können wir frei von der Leber weg das sagen, was wir im Innersten schon immer sagen wollten: Jagen ist etwas Lustvolles, Jagdpassion hat etwas mit Lust und Freude zu tun. Wenn dem nicht so wäre, könnte unser Handwerk ja gerade so gut von staatlich besoldeten Beamten leidenschaftslos ausgeführt werden. Die das abschiessen, was nach Meinung des Naturschutzes, der Veterinärämter und des Forstes abgeschossen werden muss. Das ist dann aber nicht mehr Jagd, sondern einfach das Regulieren von Wildtierbeständen und das Beliefern von Metzgereien mit Wildbret. Grad so, wie der Landwirt seine Schweine zum Schlachthof bringt. Wer aber sein Reh mit Passion und jagdlichen Freuden selbst erlegt und den Rehrücken in der Pfanne brutzeln lässt, der hat bestimmt eine ganz andere Beziehung zum Stück Fleisch, das er dann isst.

Aber aufgepasst. Gemäss Autor Florian Asche ist Jagd nur dann etwas Lustvolles und das Essen des erlegten Wildbrets kulinarische Erotik, wenn wir die Jagd als etwas Archaisches betrachten, der Erfolg nicht zu häufig und die Zielerreichung niemals sicher ist und wir uns den Weg zum Ziel nicht mit technischen Hilfsmitteln wie Nachtsichtgeräten, Wilduhren, Flugbahnkompensatoren und Ähnlichem all zu leicht machen. Denn, so Asche, «eine sichere Jagd ist keine Jagd mehr. Eine Gatterjagd ist wie ein Bordell. Da gehen die Kunden auch hin und sagen: Die Blonde da hinten bitte. Und im Jagdgatter bestellen sie sich den Hirsch Hansi. Das mag ein tolles Erlebnis sein, doch es ist eine (jagdliche) Illusion». Und: «Das Archaische verträgt sich einfach nicht mit zu viel Technik, mit den heutigen Sextoys der Jagd. Es hängt geradezu zwangsläufig am Einfachen und schwindet, wo der massenhafte Luxus technischer Spielereien über uns hereinbricht.»

So wünsche ich Ihnen zu den bevorstehenden Herbstjagden lustvolles Jagen, spannende Momente, ab und zu einen kalten Wind, der Ihnen um die Ohren pfeift, den Fuchs, der seinen Balg mit kurzer Flucht durch die Treiberkette rettet, Emotionen, Herzklopfen, Verzichtenkönnen, Freude am Hundegeläut, Ehrfurcht vor dem Leben, viel Anblick, aber auch reiche Beute, damit man dann das, was man erlegt hat, mit Genuss und Lust verzehren kann.

Text: Martin Ebner
Florian Asche, Jagen, Sex &Tiere essen, Verlag Neumann-Neudamm, Melsungen, ISBN 978-3-7888-1496-0

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