Luftkampf mit Rucksack und Jägermeister

· Oktober 20, 2012

Drückjagderlebnisse in Norddeutschland, 2. Folge: Zwei Kitze halten dich zum Narren und wollen einfach nicht aus ihrem sicheren Reisighaufen weichen. Der Jäger pfeift, ruft, bellt, schreit – die Kitze bleiben unbeeindruckt. Und während sie ihre Haut retten, bringen sie indirekt Glück in Form eines Hirschkalbs und einer Überläuferbache. Das Leben schreibt auch komische Jagdgeschichten – wie diese hier!

Die Jungbuche, in die ich meinen Rucksack geworfen hatte.Wittstock an der Dosse, gelegen an der Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, war während des Dreissigjährigen Krieges (1636) Schauplatz einer der vielen blutigen Schlachten zwischen Katholiken und Protestanten. Bei der Anfahrt aus Berlin versuchte ich mich in die Landschaft einzustimmen und den Schlachtenverlauf vorzustellen. Das kalte Dezember-Wetter half, die Härte des Feldzuges nachzuempfinden. Der Hauptkampfplatz lag auf dem sogenannten Scharfenberg, einem für Schweizer Begriffe bescheidenen Hügel.


Die Einladung des Bürgermeisters von Wittstock versprach einen munteren Jagdtag. Die Stadt ist eine der grössten Waldeigentümerinnen in Brandenburg. Über 3500 Hektaren grösstenteils Mischwald tragen ihr Wappen. Die Wildbestände gelten als sehr gut, vor allem auch wegen des benachbarten Luftwaffen- Schiessplatzes Ruppiner Heide, auf dem, so einer meiner neuen Jagdfreunde, «die Böcke noch an Altersschwäche sterben».

Zwei Schaufler schon beim Angehen

Beim Angehen auf den Stand entdeckte ich zwei Schaufler, die jedoch nicht frei waren. In einem armseligen Föhrenbestand mit etwas Naturverjüngung an Buche und Fichte stand meine Hurde. Ich konnte gut rundum sehen und zwischen 40 bis 150 Meter schiessen. Anders als bei uns in der Schweiz erlaubten Terrain und Forstwirtschaft in Norddeutschland für mich stets ziemlich weite Schussdistanzen auf den Drückjagden. Da es bei diesen Jagden eigentlich auch immer um Rotwild ging, schienen mir diese Entfernungen auch durchaus zu bewältigen.

Meine Probeanschläge auf der Hurde absolviert habend, sah ich auf über 200 Meter einen fast schwarzen Schaufler vorbeiflüchten. Zwei Terrier und ein Wachtel waren hinter ihm an der Arbeit. Ein einzelner Schuss fiel weit entfernt, und die Sonne schien malerisch in meine Naturverjüngung. Für die nächsten 30 Minuten war dies alles, was passierte. Was sich aber danach ereignete, war etwas vom Komischsten, das ich bis jetzt auf einer Drückjagd erlebt habe.

Zwei Kitze erproben die Nerven des Jägers

Zwei Rehkitze flüchteten in hoher Geschwindigkeit auf meinen Stand zu. Nach der landesüblichen Kleiderordnung mussten die beiden Zwerge ja irgendwo in Schussweite verhoffen. Also spannte ich die Bockdoppelbüchse und war bereit, mindestens eines davon vom irdischen Jammertal zu befreien, um der Diktion von 1636 zu folgen. Den Kitzen jedoch merkte man die Kampferfahrung an. Ohne den geringsten Verzug schoben sie sich aus voller Geschwindigkeit etwa 40 Meter vor meinem Stand in einen Totholzhaufen ein, und zwar so, dass ich von beiden lediglich noch je das kleine Haupt sah. Ich war einigermassen überrascht über dieses Verhalten, das ich alllenfalls von kamerascheuen Warzenschweinkeilern aus der namibischen Steppe kannte.

Ich ging davon aus, dass die beiden sich bald erheben würden und blieb mit der gespannten Büchse im Anschlag. Drei, vier Minuten vergingen, ich sah nur die Lauscher der Kitze spielen, die auf entfernte Schüsse reagierten. Ich überlegte, wo sich wohl ihre zugehörige Geiss befinden könnte. War dies der einzelne Schuss, den ich vor einer halben Stunde vernommen hatte? Die nicht stark, aber sehr schnell befahrene Bundesstrasse in der Nähe kam auch als Abwesenheitsgrund in Frage, der sich immer wieder in der Region zu spürende Wolf ebenfalls. Genügend Gründe also, um die Kitze zu erlegen.

Entschlossen fasste ich jetzt das Geisskitz ins Visier und stiess einen kräftigen Schrecklaut aus. Zwei Lichterpaare starrten mich weit aufgerissen und schwarz aus dem Asthaufen an. Sonst aber passierte nichts. Nochmals schreckte ich zweimal kräftig. Und jetzt zogen die Kitze ihre hübschen Häupter ein, sodass ich das eine gar nicht mehr, vom anderen nur noch einen halben Lauscher erkennen konnte. Raffiniertes Duo! Ich pfiff, so laut ich konnte. Gar nichts passierte! Ich versuchte es mit Treiberrufen, denn diese müssten sie doch kennen. Prompt hob eines das Haupt und äugte mich an. Nochmals Treiberrufe, aber es äugte bloss wieder in die andere Richtung.

Nun fing ich an, mit wachsender Verzweiflung und Ratlosigkeit abwechselnd im Wald herum zu rufen und zu pfeifen mit dem Resultat, dass die beiden Autisten überhaupt nicht mehr reagierten, sondern nur noch apathisch in ihrem Asthaufen sassen. Auf voller Lautstärke liess ich den unglaublich originellen Klingelton meines Handys läuten. Umsonst! Wo war denn die Mutter dieser beiden, die ihnen das richtige Benehmen beibringen würde?

Der fliegende Jägermeister

Ich entspannte die Büchse und fing an, zu überlegen. In mir reifte ein teuflischer Plan. Ich kramte im Rucksack und suchte nach einem geeigneten Wurfgegenstand. Sitzkissen und Notwäsche erachtete ich als zu weich für diese hartgesottene Jugendbande. Taschenlampe… zu zerbrechlich. Sanitätsbüchse,… würde im Flug auseinanderfallen. WC-Papierrolle, Lebersäckli, Repschnur,… Quatsch! Aha, ein kleines Fläschchen Jägermeister! Trinken würde ich dieses Zeug sowieso nicht, mein Sitzbrett damit ablaugen konnte ich auch noch später, und aufgrund der orange gestreiften Etikette war dies im Asthaufen auch leicht wiederzufinden.

Die Lächerlichkeit meines Tuns war mir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig bewusst! Ich legte meine doppelrohrige Feldschlange auf meinem Lodenumhang bereit, schaltete das Leuchtabsehen ein, räumte den Rucksack, die Stumpenschachtel, die Handschuhe und das Sitzbrett auf die Seite, holte aus, so weit es ging, und warf zielgenau die kleine Jägermeisterflasche in den Asthaufen. Ich freute mich noch während des Fluges über den gelungenen Wurf und griff zur Büchse. Der Lärm des Aufschlages war deprimierend. Es krachte nicht wie erwartet, der Laut war kaum bis zu mir zu vernehmen, die Kitze wandten nicht einmal den Blick! Das konnte ja gar nicht wahr sein. In diesem Moment hörte ich es hinter mir rascheln und knacken. Eine Rotte von mehr als zehn Stück Schwarzwild rauschte hinter mir durch den Jungwuchs. Schnell drehte ich mich, wurde aber nicht mehr fertig. Ich sah durch das ZF die Sauen bloss noch in ein paar Jungfichten verschwinden. Aber das war mir nun auch schon egal. Die Kitze stellten eine regelrechte Provokation dar.

Ihr wollt also den totalen Krieg?

Den sollten sie jetzt bekommen. Voll grimmiger Zielstrebigkeit verschloss ich nun sorgfältig alle Taschen des Rucksacks, öffnete diesen allerdings umgehend noch einmal und nahm die Stumpenschachtel wieder raus, suchte beiläufig auch noch die Streichhölzer, die ich aber nicht fand, und machte mich wurfbereit. Ich holte aus und schmiss den Rucksack mit einem wütenden Urschrei in eine belaubte Jungbuche. Die beiden Kitze drehten ihr Haupt in Richtung des Rucksackes, der etwas mehr als 20 Meter vor ihnen durch das Laub der Buche fetzte und zeigten ob der Umweltverschmutzung durch jagdliche Leinenrucksäcke einen ebenso gelangweilten wie angewiderten Gesichtsausdruck. Als ob hier jeden Tag Rucksäcke im Wald herumfliegen würden! Die Kitze lagen fest in ihrer Totholz-Festung und blieben dort.

Lang, lang sollen sie leben!

Die Aufbrechpause kam. Nach dem Gesetz der maximalen Gemeinheit hätten sie sich in diesem Moment erheben, herumäsen oder spielen oder sich gemächlich von dannen machen sollen. Aber auch dies geschah nicht. Und ich gab auf. Diese beiden Jungrehe waren nicht nur höchst überlebenstüchtig, sie waren mir auch eindeutig überlegen und mittlerweile äusserst sympathisch geworden. Ich lachte mich selbst aus. Genial! Ich freute mich riesig, und so wollte ich auch nicht die Pause ausnützen und die beiden cleveren Kerlchen vertreiben. Sollten sie dort bleiben, solange sie wollten, und sollten sie lang, lang leben.

Da meine Frau sich auch immer an einer guten Geschichte freut, rief ich sie an und erzählte ihr die eben erlebte Komödie. Noch während des Telefongesprächs, die Aufbrechpause war gerade vorbei, vernahm ich das Trommeln von Hufen, das immer lauter in meine Richtung kam. Ich legte auf und nahm die Büchse. Ein Rudel von fünf Stück Rotwild donnerte Richtung Asthaufen – Alttier mit Kalb, ein Tier nicht anzusprechen für mich, ein starker Hirsch, jung, noch ein junger Hirsch, dünne Stangen. Die beiden Kitze sprangen ob dieses anziehenden Tiefdruckgebietes auf und waren auch schon davon.

Offenbar irritiert durch diese Bewegung unmittelbar vor ihnen, verlangsamte das Rotwild seine Flucht und kam nun lediglich noch im Troll auf 50 Meter breit an meiner Hurde vorbei. Alles liess ich ja schon nicht mit mir machen, und so backte ich an und schickte die 8 x 57 JRS auf die Reise. Das Kalb brach schlagartig aus dem Lauf zusammen, das übrige Rudel beschleunigte wieder auf Höchstgeschwindigkeit, und ein weiteres Stück war so nicht mehr zu erreichen. Das Kalb versuchte nochmal auf die Läufe zu kommen, und ich setzte ihm eine Kugel auf den Träger. Der erste Schuss hatte etwas hoch gesessen.

Ein Teil der Strecke mit meiner gescheckten Überläuferbache.Ich war jetzt voll Adrenalin. Kaum hatte ich nachgeladen, als ein hinter mir ein Ast brach. Ich drehte mich um und erblickte auf gute 80 Gänge eine scheckige Sau, von der Grösse her etwa ein Überläufer, aus den Jungfichten flüchten. Unwillkürlich glitt die Büchse in einer Bewegung an die Wange, und der Schuss war draussen. Die Sau ruckte zusammen und ich sah am richtigen Ort den Schweiss aus der gefleckten Schwarte spritzen. Nach zwei, drei Fluchten überschlug es die Überläuferbache. Das ging wirklich schnell und gut.

Nachdem ich beide Tiere aufgebrochen und zum Karrweg geschleppt hatte, suchte ich Rucksack und Jägermeisterfläschlein zusammen und machte mich zum Sammelplatz auf. Schliesslich lagen über 40 Sauen und etwa 15 Stück Rotwild auf der Strecke.

Da meine Frau sich auch immer an einer guten Geschichte freut, rief ich sie an und erzählte ihr die eben erlebte Komödie. Noch während des Telefongesprächs, die Aufbrechpause war gerade vorbei, vernahm ich das Trommeln von Hufen, das immer lauter in meine Richtung kam. Ich legte auf und nahm die Büchse. Ein Rudel von fünf Stück Rotwild donnerte Richtung Asthaufen – Alttier mit Kalb, ein Tier nicht anzusprechen für mich, ein starker Hirsch, jung, noch ein junger Hirsch, dünne Stangen. Die beiden Kitze sprangen ob dieses anziehenden Tiefdruckgebietes auf und waren auch schon davon.

Offenbar irritiert durch diese Bewegung unmittelbar vor ihnen, verlangsamte das Rotwild seine Flucht und kam nun lediglich noch im Troll auf 50 Meter breit an meiner Hurde vorbei. Alles liess ich ja schon nicht mit mir machen, und so backte ich an und schickte die 8 x 57 JRS auf die Reise. Das Kalb brach schlagartig aus dem Lauf zusammen, das übrige Rudel beschleunigte wieder auf Höchstgeschwindigkeit, und ein weiteres Stück war so nicht mehr zu erreichen. Das Kalb versuchte nochmal auf die Läufe zu kommen, und ich setzte ihm eine Kugel auf den Träger. Der erste Schuss hatte etwas hoch gesessen.

Ich war jetzt voll Adrenalin. Kaum hatte ich nachgeladen, als ein hinter mir ein Ast brach. Ich drehte mich um und erblickte auf gute 80 Gänge eine scheckige Sau, von der Grösse her etwa ein Überläufer, aus den Jungfichten flüchten. Unwillkürlich glitt die Büchse in einer Bewegung an die Wange, und der Schuss war draussen. Die Sau ruckte zusammen und ich sah am richtigen Ort den Schweiss aus der gefleckten Schwarte spritzen. Nach zwei, drei Fluchten überschlug es die Überläuferbache. Das ging wirklich schnell und gut.

Nachdem ich beide Tiere aufgebrochen und zum Karrweg geschleppt hatte, suchte ich Rucksack und Jägermeisterfläschlein zusammen und machte mich zum Sammelplatz auf. Schliesslich lagen über 40 Sauen und etwa 15 Stück Rotwild auf der Strecke.

Text: Jürg Köhler

-->