Die Kunst der Schwarzwildjagd

· September 2, 2013

SchwarzwildjagdIn der letzten Ausgabe von JAGD & NATUR haben wir uns mit der Entwicklung der Wildschweinbestände und der Biologie des Schwarzwildes befasst. Im Weiteren versuchten wir zu klären, ob es gerechtfertigt sei, unsere Wildschweine auf Grund der verursachten Schäden als «Schädlinge» abzustempeln. In dieser Nummer befassen wir uns etwas genauer mit der Bejagung des Schwarzwildes.

Intensiv bejagen, aber wie?

Dass unser Schwarzwild intensiv bejagt werden muss, damit die Bestände nach reichlicher Herbstmast und einem milden Winter nicht explodieren, wird allgemein anerkannt. Es stellt sich aber sogleich die Frage nach dem Wie und den dafür geeigneten Hilfsmitteln.

SchwarzwildjagdEine Arbeitsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern aus verschiedenen Kantonen, aus der Landwirtschaft, der Jagd und der Wildtierbiologie erarbeitete im Auftrag des BAFU im Jahr 2004 eine ausführliche «Praxishilfe Wildschweinmanagement» samt zugehörigen Merkblättern. Diese Unterlagen seien jedem Schwarzwildjäger aufs Wärmste empfohlen, denn sie haben bis heute nichts an Aktualität eingebüsst. Einige Kantone haben selber zusätzliche Konzepte erarbeitet, so beispielsweise sehr ausführliche der Kanton Aargau, in Kraft seit Sommer 2012, oder der Kanton Baselland (2006). Diese Konzepte gehen zum Teil weiter als jenes des Bundes, indem Vorgaben für verbindlich erklärt werden.

Das Hauptziel eines effektiven Wildschweinmanagements soll gemäss der Praxishilfe des BAFU sein, bei einer angemessenen jagdlichen Nutzung die Schäden auf ein tragbares Mass zu reduzieren. Was «angemessen» und «tragbar» ist, wurde aber nicht definiert (siehe Interview mit Hannes Geisser). Im Weiteren sollen Schwarzwildringe gebildet, ein effektives Schadenvergütungssystem entwickelt, die Zusammenarbeit zwischen Jägern und Landwirten verbessert und eine Jagdstrecke erzielt werden, die aus 90 % Jungtieren und ca. 10 % älteren Sauen besteht. Und nicht zuletzt sollen Bewegungsjagden sowie die Intervalljagd gefördert und die Schwerpunktbejagung im Feld forciert werden. Einige der Empfehlungen werden wir im Folgenden, soweit das überhaupt möglich ist, auf die erfolgte Umsetzung und Zielerreichung nach acht Jahren Praxis überprüfen.

Jungtiere haben einen hohen Streckenanteil

SchwarzwildjagdGut überprüft werden kann die Zielerreichung bei den Abschüssen nach Altersklassen (Grafik 1). Mit knapp einem Anteil von 50 % Jungtieren über einen Zeitraum von zehn Jahren wurde die Vor- gabe schweizweit klar verfehlt. Die Revierkantone stehen mit 55,7 % besser da als die Patentkantone (41,1 %). Dieser Unterschied kann damit erklärt werden, dass in Patent- kantonen mehr Wildschweine auf den weniger selektiven Treibjagden erlegt werden. Zu wenig erlegte Jungtiere bedeutet als Folge davon, dass zu viele Keiler und Bachen «im besten Alter» erlegt werden. Positiver Spitzenreiter ist der Kanton BL, der die Vorgabe um nur gut 10 Prozentpunkte verfehlt. Im Spitzenjahr 2008 betrug der Anteil der Jungtiere sogar 92,4 %. Selbst im Kanton Genf erreichten die staatlichen Wildhüter mit gut 60 % den geforderten Soll-Anteil bei weitem nicht. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass in der Statistik des BAFU Jungtiere als Überläufer und Frischlinge bis 40 kg definiert sind. Eine exakte Zuteilung zu den beiden Altersklassen ist aber nicht über das Gewicht, sondern nur über den Zahnwechsel möglich. Hier wird es deshalb eine Grauzone zwischen Frischlingen und Überläufern, aber auch zwischen Überläufern und adulten Tieren geben.

Ob seit 2004 die Schadensumme auf ein «tragbares» Mass – eine weitere Zielsetzung im Konzept – reduziert werden konnte, ist zumindest fraglich. Grafik 2 zeigt tendenziell eher einen steigenden Verlauf bei zunehmender jagdlicher Nutzung und damit einen etwa gleichbleibenden Schadenverlauf pro erlegtem Wildschwein. Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass in der Zwischenzeit die Vergütungssysteme in den einzelnen Kantonen nicht immer gleich geblieben sind.

Im Konzept empfohlen wird das Bilden von Schwarzwildringen, die sich vor allem nach geografischen Gesichtspunkten (hohe Berge, grosse Flüsse) und zivilisatorischen Hindernissen (Autobahnen, Siedlungen) ausrichten sollten. Unseres Wissens wurden in allen Kantonen mit grösseren Schwarzwildbeständen solche Schwarzwildringe durch die Jagdgesellschaften gebildet. Deren Grösse, Organisationsform und Verbindlichkeit ist jedoch unterschiedlich. Je nachdem sind auch die Vorgaben für die notwendigen Massnahmen bei der Jagd und bei der Schadenverhütung und -vergütung mehr oder weniger verbindlich. Eine Erfolgskontrolle muss hier innerhalb eines Schwarzwildringes erfolgen, nach Kriterien wie Zielerreichung, Offenheit des Informationsaustausches und Zufriedenheitsgrad aller Beteiligten inklusive Landwirten.

Drückjagden, «Erfahrungsträgerinnen» und «Sauenhunde»

Schwarzwildjagd

Schaut man über die Grenze zu unseren Nachbarländern, gibt es auch dort zahlreiche Konzepte und Empfehlungen. Doch trotz aller guten An- und Vorsätze haben die Schwarzwildbestände in den letzten dreissig Jahren ebenfalls massiv zugenommen. Offenbar reicht die traditionelle Ansitzjagd an der Kirrung auch dort nicht mehr. Revierübergreifende Drückjagden werden empfohlen, doch er- fordern diese neben einer guten Organisation erfahrene und geübte Schützen, die aber überall wie bei uns auch eher so selten sind wie alte Keiler. In der Jagdzeitschrift «Oberösterreichischer Jäger» empfahl kürzlich Prof. Dr. Walter Arnold vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde der Uni Wien den Abschuss von «Erfahrungsträgerinnen». Das heisst, alte, erfahrene Bachen sollen, sobald deren Frischlinge nicht mehr säugen, vor den Frischlingen erlegt werden, um dann umso leichter den Rest der nun führungslosen Rotte der Wildbahn entnehmen zu können. Nur so sei die Reduktion der Bestände überhaupt möglich. Das trifft aufgrund der durchgeführten Modellrechnungen zu. Ob diese Empfehlung für den durchschnittlichen Freizeit-Schwarzwild-Jäger aber auch praxisnah ist, darf bezweifelt werden. Erstens müssten zuerst die in unseren Köpfen fest verankerten und jahrelang gepredigten Maximen «jung vor alt» und «führungslose Rotten verursachen noch mehr Wildschäden» durch massive «Hirnwäsche» eliminiert werden und zweitens ist es fraglich, ob wir nach dem Abschuss einer solch alten Tante zeitlich überhaupt in der Lage wären, nach und nach ihre sämtlichen acht, neun Frischlinge zu erlegen.

SchwarzwildjagdMartin Baumann, Bereichsleiter Jagd und Wildtiermanagement beim BAFU und passionierter Wildschwein- jäger, empfiehlt als «Ultima Ratio» den Einsatz von speziell an Schwarzwild ausgebildeten Hunden auf Drück- jagden. Seine Erfahrungen damit seien ausgezeichnet und, bei entsprechend guten Schützen, die damit erzielbaren Strecken gross. Bestimmt ein guter Vorschlag, denn Hunde passen zur Jagd als archaischem Handwerk bestens. Und nur Hunde sind in der Lage, Sauen aus bürstendichten Einständen zu treiben, in die sich nicht einmal ein Liebespaar, geschweige denn ein Treiber verirrt. Aber, woher nehmen wir schweizweit diese Hunde, welche Rotten sprengen können, ohne selbst zur Strecke zu kommen? Wer ist heute noch in der Lage und bereit, solche Hunde anzulernen, zu betreuen und zu führen? Und wo finden sich für solche Drückjagden die exzellenten und ruhigen Schützen, denen beim Anwechseln einer Rotte nicht gleich der Zeigefinger wegen heftigem Zittern laut gegen den Abzugsbügel Schadensummen 2002 – 2011 klappert?

Text: Martin Ebner

Filed under: Revier & Praxis

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