Knalltrauma ausgeschlossen

· April 24, 2013

Ein Gehörschutz, mit dem der Jäger hören kann, als würde er keinen tragen: Dieser Wunsch lässt sich immer noch nicht ganz erfüllen. Der ProFlex Hunter ist aber nah dran.

Gut geschütztes Gehör und gleichzeitig optimale BewegungsfreiheitJäger brauchen gute Ohren – das wird niemand bestreiten. Anwechselndes Wild ist sonst schnell verpasst. Und ist das Gehör erst richtig geschädigt, nimmt man nicht einmal das Abblasen des Triebes wahr. Trotzdem, das Thema Gehörschutz wird in der Jägerschaft kontrovers diskutiert. Wer das auf reine Sturheit reduziert, macht es sich zu einfach. Das Dilemma ist, dass viele angebotene Produkte zwar gut schützen, das Naturerlebnis aber schmälern. Kein Gehörschutz ist so perfekt, dass er vom Träger nicht wahrgenommen wird. Die Musik der Natur – das Vogelgezwitscher, ein Brunft- oder ein Warnruf – wirkt verfälscht, digitalisiert, stumpf. Es ist meist kein Vergnügen, einen Gehörschutz über mehrere Stunden zu tragen

Ohne Gehörschutz zu schiessen, schädigt das Gehör jedoch unwiderruflich – auch im Freien und bei nur einem einzelnen Schuss. Das bestätigen Mediziner und Hörgeräteakustiker. Es gilt also, einen möglichst wirksamen und komfortablen Gehörschutz zu finden, mit dem sich gut hören lässt. Immer wieder testet «Jagd & Natur» deshalb entsprechende Produkte. Im neusten Test standen Produkte der Schweizer Firma 2Pluxx auf dem Prüfstand.

Angenehm zu tragen

Der getestete ProFlex Hunter ist ein digitaler Gehörschutz, der auf Hörgerätetechnologie basiert. Es handelt sich um zwei individuell an die Ohranatomie angepasste Schalen mit integrierter Elektronik – also um einen aktiven Gehörschutz. Die Ohrstöpsel des ProFlex Hunter – die Otoplastiken – sind aus weichem Silikon gefertigt, nach einem genauen Abguss des jeweiligen Ohrs und Gehörgangs. Das Silikon ist gegenüber Hitze und Chemikalien beständig. Die Kunden können aus zehn Farben auswählen. Diese lassen sich auch mischen, sodass eine Marmorierung entsteht.

Der Test zeigte, dass das weiche Silikon einen hohen Tragkomfort aufweist: Es passt sich den Bewegungen des Gehörganges an. Auch bei mehrstündigem Tragen auf Gemeinschaftsjagden und auf dem Ansitz entstand kein unangenehmes Gefühl – man gewöhnt sich schnell an den Fremdkörper im Ohr. Da der Gehörschutz nur den ersten Teil des Gehörgangs sowie den inneren Teil der Ohrmuschel ausfüllt, schwitzt man mit ihm nicht. Bei einem Kapselgehörschutz kann das an wärmeren Tagen durchaus zum Problem werden.

Lautsprecher im Ohr

Der aktive Gehörschutz von 2Pluxx wird in einer Gürteltasche mit Zubehör und Batterienfach geliefert.

Herzstück des ProFlex-Hunter-Gehörschutzes sind zwei CENS (Custom Electronic Noise Suppressors) – einen für jede Ohrschale. Diese elektronischen Bauteile sind aufgebaut wie Hörgeräte. Die CENS nehmen also Geräusche auf, digitalisieren sie und leiten sie über einen Mikro-Lautsprecher ins Ohr weiter. Der Clou dabei: Die CENS können Geräusche im unteren Schallpegelbereich verstärken, schädigende Geräusche werden hingegen abgeschwächt. Sollte ein CENS ausfallen, bleibt das Ohr weiterhin geschützt. Der Gehörschutz dämpft dann wie ein herkömmlicher Ohrstöpsel.

Aktive Gehörschutz-Systeme wie der ProFlex Hunter sind nicht neu, ähnliche Produkte gibt es schon einige Jahre auf dem Markt. Im Test vereinte der Pro- Flex Hunter drei Stärken: gute Klangwiedergabe, authentisches räumliches Hören sowie hohen Tragkomfort.

Richtung gut einschätzbar

Das Wild nicht nur frühzeitig hören, sondern auch einschätzen, woher es wie schnell kommt. Das entscheidet oft über jagdlichen Erfolg und Misserfolg. Mit dem ProFlex Hunter gelingt das gut. Allerdings müssen sich Trägerinnen und Träger auch an diesen Gehörschutz gewöhnen und damit hören lernen. Nach einigen Bewegungsjagden im Herbst war das kein Problem mehr: Das Wild kam immer aus der wahrgenommenen Richtung und war so schnell wie vermutet unterwegs.

Die Umgebungsgeräusche zu verstärken, brachte eher Nachteile. Man hört das Wild zwar früher, es lässt sich aber nur erahnen, wie weit entfernt es ist. Das macht den Jäger bloss nervös! Für Personen, die schon ein geschädigtes Gehör haben, kann die Verstärkung allerdings ein Vorteil sein.

Geräusche richtig gedeutet

Im Gespräch mit verschiedenen Personen zeigt sich: Die Ansprüche an die Tonqualität sind unterschiedlich. Liebhaber klassischer Musik werden mit einem elektronischen Gehörschutz nicht auf ihre Kosten kommen, sollten sie damit ein Konzert besuchen. Auf die Jagd bezogen bietet der ProFlex Hunter jedoch eine gute Tonwiedergabe, der Gehörschutz schränkt kaum ein. Die Tonqualität lässt sich durch zwei Programme optimieren. Das erste ist speziell für die Jagd und auf die Umgebungswahrnehmung ausgerichtet, das zweite Programm unterdrückt zusätzlich Nebengeräusche wie Wind, Fliessgewässer oder Autobahnen. Jedes ProFlex-Hunter-Modell wird mit einem Paar «Windshields» geliefert, die über den Ohren getragen werden. Sie reduzieren Nebengeräusche zusätzlich und halten die Ohren warm.

Kleiner Schalter

Die miniaturisierte Technik ermöglicht hohen Tragkomfort, dafür ist die Bedienung knifflig. Der On/Off- Schalter – mit dem auch die Lautstärke reguliert wird – ist lediglich vier Millimeter breit. Er ist zwar griffig, mit klammen Fingern ist es jedoch nicht einfach, die Lautstärke einzustellen. Hier macht Übung den Meister.

Die Energieversorgung übernehmen zwei Hörgerätebatterien vom Typ 312, sie kosten im Handel etwa Fr. 1.50 pro Stück; ihre Betriebsdauer beträgt rund 220 Stunden. Die Batterien halten länger, wenn sie nach der Jagd mittels mitgeliefertem Magnetstift dem Gehörschutz entnommen werden. Pro Monat braucht man so einen bis zwei Batteriesätze.

Der ProFlex Hunter ist mit einem Verkaufspreis von 1200 Franken sicher kein Schnäppchen. Dafür bietet er nebst hohem Tragkomfort eine vergleichsweise sehr gute Tonqualität und ist somit voll jagdtauglich. Und viel wichtiger: Ein Gehörschaden ist damit ausgeschlossen.

Text und Fotos: Raphael Hegglin

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