Jagen in Graubünden

· September 2, 2013

Nichts ist so beständig wie der Wandel! Dies gilt auch für die Jagd. Kurz vor Beginn der Hochwildjagd macht sich unser Wildexperte Martin Merker seine Gedanken zum Wandel der Jagd im Land der 150 Täler.

Jagen in Graubuenden

Wann die ersten Jägernomaden in den Rätischen Alpen auftauchten, verliert sich im Nebel der Frühgeschichte. Als später allmählich Siedlungen entstanden und die Einwan- derer sesshaft wurden, blieb die Jagd ein unverzichtbarer Zweig der Nahrungsbeschaffung und wurde auch dann immer noch mit Herzblut ausgeübt, als die Bewohner von den Erzeugnissen ihrer Berglandwirtschaft und vom Handel leben konnten. Diese Jagdleidenschaft ist in manchen Familien bis auf den heutigen Tag nie erloschen und längst zur Tradition und zu einem bedeutenden Kulturgut gediehen. Dieses gilt es zu erhalten.

Graubünden wird oft das Land der 150 Täler genannt. Die starke horizontale und vertikale Gliederung, die Verschiedenartigkeit der Böden und Gesteine, ein von Geländekammer zu Geländekammer wechselndes Klima und Höhenstufen, die von 260 Metern bis auf 4000 Meter hinaufklettern, samt zahllosen Fliessgewässern, liessen eine reichhaltige Pflanzenwelt entstehen. Auf dieser Grundlage konnte sich eine äusserst mannigfaltige Fauna entwickeln. Mit diesem natürlichen Reichtum gingen die ansässigen Menschen aber wenig pfleglich um, betrieben Raubbau an den Wäldern und rotteten allmählich das Wild aus. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Folgen der Verwüstung existenzbedrohend wurden, setzte ein Umdenken ein.

Jagen in GraubuendenBereits 1849 schlug ein erster Versuch fehl, dem Bündnervolk eine kostenpflichtige Jagd schmackhaft zu machen. Entrüstet ob diesem Ansinnen, pochte  der Souverän auf alte freiheitliche Rechte und verwarf die Vorlage. In der Folge scheiterten bis 1876 drei weitere Vorstösse an der Urne. Erst beim 5. Anlauf siegte endlich die Vernunft, wohl auch weil die einst reiche Wildbahn inzwischen so geplündert worden war, dass sie kaum noch etwas hergab. Und so hielt 1877, acht Tage nach der Abstimmung, die Patentjagd Einzug in Rätien, und es wurden fortan bescheidene Jagdgebühren erhoben, nämlich 1880: Fr. 8.–; 1920: Fr. 40.–, 1960: Fr. 60.– und 2000: Fr. 642.–. Als Vorlage für die Ausarbeitung des neuen kantonalen Jagdgesetzes diente das 1875 in Kraft getretene eidgenössische Jagdgesetz. Geeignete Männer wurden zu Wildhütern ernannt und wachten in der Folge über die eidgenössischen, später auch über kantonale Jagdbanngebiete und sorgten für die Einhaltung der Gesetze und Jagdbetriebsvorschriften.

Erholung der Wildtierbestände

Jagen in GraubuendenUm den Wildbestand anzuheben, wurden Muttertiere und ihr Nachwuchs konsequent unter Schutz gestellt, die Hatz mit Hundemeuten verboten und die Jagdzeiten stark eingeschränkt. In einigen Jahren (1888, 1905, 1908, 1910) war es den Nimroden verboten, Gämsen nachzustellen. Dank dieser Massnahmen erholte sich der Gamswildbestand, und weil jetzt, ausser in den Septemberwochen, kein legaler Schuss mehr in den Wäldern krachte, drang auf uralten Wechseln und Übergängen wieder Rotwild aus gepflegten Revieren im Vorarlberg ins benachbarte Prättigau und in die Bündner Herrschaft vor, besiedelte bald weitere Gebiete und war nach mehreren Jahrzehnten im ganzen Kanton heimisch. Auch das Reh trat nach langer Abwesenheit wieder in Erscheinung. Der zunehmende Wildbestand weckte bei betuchteren Nimroden Begehrlichkeiten, und es wurden mehrere Vorstösse unternommen, an Stelle der Patentjagd die Revierjagd einzuführen. Insbesondere die Gemeinden erhofften sich durch die Pachteinnahmen einen erklecklichen Zustupf für ihre darbenden Kassen. Die Bewahrer der Volksjagd taten sich zusammen und hoben 1913 den Bündner Kantonalen Patentjägerverband (BKPJV) aus der Taufe. Dessen ureigenste Aufgabe war es, weitere Angriffe auf das Patentjagdsystem abzuwehren. Später, als die Gräben zwischen den sich lange argwöhnisch beäugenden Exponenten der zwei verschiedenen schweizerischen Jagdsysteme allmählich zugeschüttet wurden, traten andere Probleme in den Vordergrund.

Die Strategie der Jagdverwaltung zur Anhebung des Wildbestandes zeitigte bald einmal Früchte. 1916 konnten im Lauf der Hochjagd bereits mehr als 2000 Stück Schalenwild zur Strecke gelegt werden. Für die Jäger brachen goldene Zeiten an. Vom ungeraden Sechser an aufwärts waren alle Stiere ohne Beschränkung der Abschusszahl jagdbar, ebenso nichtsäugendes weibliches Rotwild. Bejagt werden durften Sechserrehböcke und solche, die mehr Enden geschoben hatten, Gämsböcke ab einem im Lauf der Jahre sukzessive angehobenen Mindestmass der Krickel, desgleichen nicht führende Geissen. Dem Jäger wurden also keine nennenswerten Ansprechkünste abverlangt. Für viele der nicht mit materiellen Gütern gesegneten Bergbauernfamilien war in den bitteren Jahren des 1. Weltkrieges die Jagd eine der wenigen Gelegenheiten, Fleisch auf den Tisch zu zaubern. Einige Jäger liessen es nicht dabei bewenden und griffen sich auch während der Schonzeiten den Martini vom Haken, um den kargen Speisezettel zu bereichern. Auch als die Welt 20 Jahre später erneut in Flammen stand, wurde gewildert.

Jagdfehler und Strukturprobleme

Jagen in GraubuendenAnfang der Sechzigerjahre brachen am 9. September jeweils über 4000 Jäger in die Wälder und in die Gipfelregion auf. Nach dem Lawinenwinter 1951 kam es 1969/70 erneut zu einem grossen Winter- sterben, vor allem beim Rotwild. In der Nationalparkregion wurden Dutzende von Kadavern entdeckt. Eine wissenschaftliche Studie belegte mit Zahlen, was schon längst offenkundig war: Die Struktur der Rotwildpopulationen war nach Jahrzehnten falscher Bejagung völlig aus dem Lot geraten. Es bestand ein starker Überhang an weiblichem Wild, gab kaum alte Hirsche, wenig mittelalte und viel zu viele junge Stücke. Hätte man damals einen Blick über die Landesgrenze gewagt und die Bejagungsstrategien in österreichischen und deutschen Revieren unter die Lupe genommen, wären die Bündner Rotwildbestände nicht derart aus dem Ruder gelaufen. Es war längst Allgemeinwissen, wie eine Rotwildpopulation aufgebaut sein sollte. Das Kantonale Jagdinspektorat hatte es versäumt, rechtzeitig Gegensteuer zu geben und den Abschuss von weiblichem Wild und von Jungtieren zu forcieren und dies gegen den zu erwartenden Widerstand, der in veralteten Traditionen verhafteten Jägern durchzusetzen. In jenen Jahren war es fast die Regel, in den grossen Wildasylen auf Brunftrudel zu stossen, in denen ein Platzhirsch über zwei Dutzend oder mehr Hindinnen gebot und bei seinem löblichen Tun kaum von starken Beihirschen bedrängt wurde. Dass bei solcher Zusammensetzung der Hochzeitsgesellschaft nicht wenige Stücke erst beim zweiten oder dritten Östrus beschlagen wurden, verwundert nicht, da der das Rudel hütende Stier heillos überfordert war. Die aus solchen Paarungen sich entwickelnden Kälber wurden teilweise erst Anfang August gesetzt und blieben zeitlebens Kümmerer.

Um erneuten Wintersterben vorzubeugen, inszenierte die kantonale Hegekommission eine Winterfütterung und verpflichtete die Sektionen zur Abnahme der von geschäftstüchtigen Funktionären beschafften Futtermittel, selbst wenn genügend Heuvorräte angelegt worden waren. Die energiereicheren zugekauften Pellets verhinderten die Umstellung des Stoffwechsels auf den sparsameren Winterbetrieb und veranlassten das Rotwild, im weiteren Umkreis um die Raufen Bäume zu schälen. Zudem entsprachen die Futterstellen nicht den an sie zu stellenden Anforderungen, verursachten starke Wildkonzentrationen und waren oft in der Nähe von Siedlungen und Verkehrswegen errichtet worden, was zu Unfällen führte. Satt wurden an den Raufen nur die dominanten Tiere. Die Hirschansammlungen

Text und Fotos: Martin Merker

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