Jagen im Siedlungsgebiet

· Oktober 26, 2012

Hasen in den Vorgärten, Wildschweine auf den Friedhöfen und Füchse überall: Die Wildtiere erobern sich ihre Lebensräume zurück, und der Praktiker ist gefordert. Wie jagt man in Wohngebieten? Was hat der/die Jägerin zu beachten? Was kommt auf uns zu und wie werden die absehbaren Konflikte? Auf diese Fragen gibt Bruno Zweifel als ausgewiesener Fachmann Antworten. Er ist Wildhüter in der Grossagglomeration Zürich und ist tagtäglich mit diesen Fragen und Problemen konfrontiert.

Füchse in den Vorgärten sind alltäglich in einer Gartenwelt, in der es Komposthaufen gibt, die auf den Fuchs wie ein kaltes Buffet wirken.An einem von über 80 Jägerinnen und Jägern besuchten Praxis-Seminar der Sektion Seetal von Revier Jagd Luzern erzählte Zweifel von seinen Erfahrungen und gab Tipps und Ratschläge mit auf die Pirsch im Siedlungsgebiet.

Der Jäger im Siedlungsraum hat eine sehr anspruchsvolle Aufgabe zu erledigen. Er ist dafür verantwortlich, dass ein korrekter Schuss angetragen wird, so dass ein Tier im Feuer liegt und ohne dass dabei Schäden an Sachen verursacht oder sogar Menschen verletzt oder gefährdet werden. Bei der jagdlichen Schussabgabe geht es um eine absolute Null-Fehler-Kultur. Dies ist eine Kernaussage von Bruno Zweifel. Es ist ein grosser Unterschied, ob man allein auf einer einsamen Alpwiese einem Tier einen Schuss antragen muss oder in einem Wohnquartier mit ungebetenen Zuschauern. Jede Ausführung einer Tätigkeit wird als umso schwieriger empfunden, je weniger Routine vorhanden ist und je mehr man sich bewusst ist, von Argusaugen beobachtet zu werden.

Regelmässiges Schiesstraining

Wildhüter Bruno Zweifel vermochte mit seinen Schilderungen und Hinweisen die Seetaler Jägerschaft zu fesseln.Die wenigsten Jäger unterziehen sich regelmässigen und intensiven Trainings im Schiessstand. Ein jährliches Budget von bloss 500 Franken für Übungsmunition und Standmiete gilt weitherum als überdurchschnittlich hoch. Es gibt viele Jäger, die haben in ihrem ganzen Leben noch keine Hundert Schuss auf den laufenden Keiler, den Rollhasen oder auf Tontauben abgegeben. Und von woher sollten diese «Hosenlotteri» die sichere Schussabgabe und sonst alles plötzlich können, inmitten von schreienden und vor allem herumrennenden Leuten, hupenden Autos, kommandierenden Onkel Besserwissern oder noch viel blöderen Typen?

Ein schlechter Schuss bleibt auf immer und ewig ein schlechter Schuss für den Jäger; denn böse Erinnerungen können sehr lange quälen, nicht nur das angeschweisste Tier, auch das beobachtende Publikum. Ein schlechter Schuss bewirkt Nervosität beim Jäger, was sich auf den Hund überträgt und schlussendlich auch noch zu einer schwachen Hundearbeit führt. Regelmässige Schiesstrainings und die dabei erzielten guten Resultate können beruhigend wirken.

Die wichtigsten Partner

Der wichtigste Partner des Jägers im Siedlungsraum ist die Polizei. Sie kann Aufgaben delegieren und tut dies häufig im Zusammenhang mit Tieren. Die Waffen und die Munition der Polizei sind nicht geeignet, den Tieren einen Schuss anzutragen. Es ist von grosser Wichtigkeit, dass die Polizei über Einsätze im Siedlungsraum orientiert ist. Der Jäger darf nicht noch mit Nebensächlichkeiten belastet werden. Wenn die Polizei mit ihrem Gewaltmonopol einen Einsatz verlangt, ist dieser auszuführen. Sollte ein Einsatz über die Jagdreviergrenze hinweg gemacht werden müssen, ist es eine Anstandsregel, das Nachbarrevier umgehend zu orientieren.

Es kommt vor, dass der Jäger im Siedlungsraum sich plötzlich in einer vertrackten Situation vorfindet. Couragierte Entscheide müssen manchmal wegen Zeitdruck einsam gefasst und durchgezogen werden. Es kann nicht immer um Erlaubnis gefragt werden. Demutsgebärden gegenüber Vorgesetzten müssen vermieden werden dürfen. Sie sind unnötig, weil sie inhaltlich unergiebig sind. Sie verzögern somit nur die Arbeit, und ganz wesentlich, sie hindern den Jäger beim gedanklichen Einstellen auf den Schuss, welcher schnell angetragen und präzis sein muss. Vorgesetzte aller Stufen sind nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, zusammen mit dem Jäger eine ausserordentliche Situation im Nachhinein analytisch aufzuarbeiten.

Bei allen vorgesetzten Stellen muss Vertrauen durch immerwährende und kristallklare Ehrlichkeit geschaffen werden. Nie darf man etwas dazu tun, aber auch nie etwas weglassen. Vorgesetzte Stellen für den Jäger sind: Jagdgesellschaft, Polizei, Gemeindeverwaltung, Fischerei- und Jagdverwaltung. Alle diese Stellen müssen hinter den Handlungen des Jägers stehen. Falls dem Jäger effektiv Fehler unterlaufen sind, dürfen diese von vorgesetzten Stellen nicht kleingeredet werden, vielmehr müssen dann Mass-nahmen eingeleitet werden.

Die Reaktion der Bevölkerung

Otto Holzgang, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei des Kantons Luzern, steckte den gesetzlichen Rahmen der Jagd im Siedlungsraum ab.Bei Abschüssen im Siedlungsraum ist die Bevölkerung meist dreigeteilt. Der grösste Teil ist teilnahmslos, ein paarwenige sind dafür. Der Teil der Bevölkerung, welcher vehement gegen den Abschuss ist, kann gefährlich werden. Solange noch lauthals geschimpft wird, ist das Ganze noch auf der guten Seite. Sonst aber muss man vorsichtig sein, denn es droht Gefahr. Ein Notwehrexzess darf dem Jäger nie und nimmer passieren. Die Sicherungen dürfen nie und gegen niemanden durchgehen.

Bekanntlich dürfen wilde Tiere nicht eingefangen und gezähmt werden. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Wildtiere aus Wohnungen oder Gartenlauben abgeholt werden müssen. Mit Vorteil macht man diese Aktion nicht alleine. Während sich die Begleiter mit den Bewohnern unterhalten, kann der Jäger das Tier einpacken, ratsam sind Falknerhandschuh und ein Jutesack. Auch empfiehlt es sich, das Tier nicht vor Ort zu töten, sondern mitzunehmen und das Unvermeidliche diskret zu vollziehen.
Haustiere abtun, ist ein ganz heikles Thema. Generell wird dies nicht gemacht, vielmehr wird nur auf den Veterinär verwiesen.

Wilde Tiere haben keinen Besitzer, solange sie lebendig sind. Sobald wilde Tiere tot sind, aus welchem Grund auch immer, gehören sie dem Jäger. Verunfallte Tiere dürfen nicht von irgendjemandem behändigt werden. Wegen eines toten Fuchses im Garten, auch wenn er stinkt, hat der Jäger auszurücken, und wenn anstelle des Fuchses eine Katze stinkt, soll auch diese abgeräumt werden.

Rehwild

Bei Schäden, verursacht durch Rehwild, kann niemals ein Abwehrrecht geltend gemacht werden. Es darf nur Munition verwendet werden, welche für die normale Jagd zulässig ist. Friedhöfe sind für das Rehwild ein geeignetes Einstandsgebiet mit gutem Futterangebot und ohne Störungen durch Hunde, OL-Läufer, Mountain-Biker usw. Wenn Rehwild einmal diese Qualitäten erlebt hat, wird es den Friedhof nie mehr freiwillig verlassen. Die Bejagung von Rehwild in Friedhöfen ist schwierig, aber um Grössenordnungen schwieriger ist sie in Schrebergartenanlagen.

Fallenjagd

Der Fallenjagd muss im Siedlungsraum ein enorm grosser Stellenwert beigemessen werden. Dabei sind gesetzliche Vorschriften einzuhalten. Die dazugehörige Technik muss erlernt werden, und die besonderen Umstände sind zu berücksichtigen. Nach Möglichkeit sollte auf der Falle eine elektronische Überwachung angebracht werden, welche dem Jäger das Schliessen der Falle anzeigt. Solche Fallenüberwachungen stellen aber an die zeitliche Präsenz des Jägers sehr hohe Ansprüche.

Gesetzliche Vorschriften

Diese sind in den Kantonen etwas unterschiedlich. Beim Praxis-Seminar der Seetaler Jäger steckte Otto Holzgang, Leiter der kantonalen Abteilung Natur, Jagd und Fischerei, den gesetzlichen Rahmen zum Jagen im Siedlungsraum des Kantons Luzern ab.

Autor: Hermann Büttiker
Fotos: Werner Hüsler

Filed under: Jagd & Umwelt

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