Jagdunfall – was tun?

· August 21, 2012

Im Herbst stehen wieder Gesellschaftsjagden an. Zum Glück ist in der Schweiz die Zahl der Jagdunfälle so gering, dass sie weder von den kantonalen Polizeistellen noch von den Versicherungen statistisch überhaupt erfasst werden. Dennoch lohnt sich gerade jetzt die Frage: Was kann man dagegen tun? Die folgenden zehn Punkte zeigen auf, wie man sich vor solchen Unfällen schützen kann.

Jagdunfall - was tun?Eigentlich sind Jagdunfälle sehr selten – vor allem solche mit Personen- schäden, insbesondere, wenn man die jährliche Gesamtstrecke und die mutmasslich zu deren Erlegung abgegebenen Schüsse betrachtet. Trotzdem kann jeder Jäger einmal als Betroffener oder als Zeuge in einen solchen Unfall verwickelt werden. Dann gilt es, Besonnenheit zu bewahren. Vor allem die Jäger,die als Jagdleiter fungieren, müssen nun schnell und entschlossen handeln und wissen, worauf es nach einem Unfall ankommt und was sie zu veranlassen haben.

Der Mensch macht bekanntlich Fehler, und es ist nicht unklug, sich geistig auch auf die bösen Seiten des Lebens einzustellen. Das gilt gerade bei Gesellschaftsjagden, denn gerade hier tritt auch oft der Umstand ein, dass mehrere Jäger fast gleichzeitig Schüsse abgegeben haben und als Verursacher in Frage kommen. Wer sich noch zerknirscht im Anblick des angerichteten Schadens als Unglückschütze bekennt, will sich vielleicht nach einigen Stunden Bedenkzeit kaum noch an solche Eingeständnisse erinnern. Tage später versucht man dann Standorte und Schussrichtungen zu klären – und dies zu Ungunsten des Verletzten, der es ohnehin schon schwer genug hat.

Auch wenn das Thema nicht angenehm ist, dieser praxisorientierte Leitfaden soll helfen, die Situation und die Folgen nicht zu verschlimmern.

Pächter oft überfordert

Jeder denkt im ersten Moment daran, dem Verletzten zu helfen (was ja auch wirklich Vorrang hat), um nach dessen Abtransport schnell das Weite zu suchen. Meist scheint auch der Jagdleiter oder Revierpächter überfordert, weitere Massnahmen einzuleiten. Aber gerade auf diese Leute kommt es an, um alle notwendigen Punkte zu beachten. Was zu befolgen ist, soll im Folgenden aufgelistet werden.

Die Feststellungen gelten vornehmlich für Unfälle mit Schrot, die am häufigsten und am schwierigsten zu untersuchen sind, aber auch für solche, bei denen oft nur leichte Verletzungen im ersten Moment ein Einschalten der Polizei unnötig erscheinen lassen – bis der von den kleinen Bleikugeln Getroffene Strafantrag stellt.

Gehen wir davon aus, dass der Verletzte durch Erste-Hilfe-Massnahmen versorgt und mittels Rettungswagen zur weiteren Versorgung abtransportiert worden ist. Eine Verständigung der Polizei bei Jagdunfällen mit Personenschäden sollte obligatorisch sein und nicht erst durch die Krankenhäuser oder den Verletzten selbst beziehungsweise deren Angehörige erfolgen müssen. Bereits vor dem Eintreffen der ermittelnden Beamten kann der Jagdleiter oder eine von ihm beauftragte Person wichtige Vorarbeiten leisten. Folgende zehn Punkte können dabei als Anleitung dienen:

1. Die Standorte der fraglichen Schützen sind einvernehmlich festzustellen und zu markieren, hier genügen schon in den Boden gesteckte Äste oder Steine. Dort sollte man auch die abgeschossenen Hülsen finden, die zu sichern sind und beschriftet werden müssen. Im Notfall genügt das Einwickeln in ein Stück Papier. Wichtig ist hierbei nur, dass sich rekonstruieren lässt, wo die Hülsen gefunden worden sind und von wem sie stammen. Fehlen Hülsen, so findet man in Schussrichtung nach einigen Metern Reste des Zwischenmittels, die ebenfalls als Beweismittel dienen können.

2. Unabhängig davon, ob Hülsen an den angegebenen Schützenstandorten entdeckt wurden, sind die Angaben der betreffenden Jäger über die von ihnen verwendete Munition festzuhalten (Kaliber, Fabrikat, Typ, Schrotgrösse, welcher Lauf). Auch muss aufgelistet werden, welche Waffe jeder Jäger geführt hat.

3. Von den Jägern, die zum Unfallzeitpunkt geschossen haben, müssen am besten unmittelbar an Ort und Stelle Patronen, wie sie von ihnen bei dieser Jagd verwendet worden sind, sichergestellt werden. Oft geschieht dies erst einige Tage später. Den Beweiswert solcher Massnahmen braucht man wohl nicht näher zu erläutern. Je nach Fabrikat, Typ und Schrotdurchmesser bedarf es einer vollen Schrotpatrone, natürlich exakt und nachvollziehbar gekennzeichnet.

4. Erlegtes Wild, das in Zusammenhang mit dem Unglücksschuss stehen könnte, weist oft Schrotkörner auf, die ebenfalls als Beweismittel dienen können, und sollten aufbewahrt werden. Wichtig ist aber auch, deren Flugwege und -richtungen so genau wie möglich bis zu seiner endgültigen Position (auch dann, wenn es nicht getroffen wird) festzuhalten.

5. Es ist auch daran zu denken, Schrote aus der Bekleidung des Verletzten oder solche, die bei einer ärztlichen Versorgung operativ entfernt werden, in möglichst grosser Zahl zu sichern. Dies macht natürlich auch die eingeschaltete Polizei, aber es schadet bestimmt nichts, bei einer Einlieferung des Verletzten durch Mitjäger den Notarzt auf diesen Umstand hinzuweisen. Der Sinn dieser Massnahme liegt darin, dass man über die schadensverursachenden Schrote unter günstigen Bedingungen eine kriminaltechnische Auswertung der asservierten Vergleichsmunition hinsichtlich des fraglichen Schützen treffen kann.

6. Eine möglichst nach dem Vorfall gefertigte Skizze unter Einfluss der noch frischen Erinnerung kann später sehr wichtig sein. Eine solche Zeichnung sollte vor allem enthalten a) alle wesentlichen Standorte von Treibern und Schützen sowie Treibrichtung, b) Fundorte von Hülsen, c) Flugwege des beschossenen Wildes, d) Schussrichtungen, soweit feststellbar und Anzahl der Schüsse pro Jäger sowie e) die Lage eventuell festgestellter Schussspuren wie abgeschossene Äste oder Steine bei Abprallern.

Masse sind natürlich wichtig und können durch einfaches Abschreiten gewonnen werden. Je mehr Beteiligte an er Erstellung der Skizze helfen, desto besser, und vor allem ist es wichtig, alle Mitwirkenden festzuhalten.

Hier ein Beispiel dazu: Bei einer Suchjagd zieht der Jäger L. mit seiner Flinte durch die Schützenlinie. Sein rasch hingeworfener Schuss trifft nicht den anvisierten Fasan, sondern auf 15 Meter Entfernung den Jäger S. Dieser bricht, an Kopf, rechtem Arm und Oberkörper von zahlreichen Schroten getroffen, im Schuss zusammen. Ein anwesender Arzt leistet Erste Hilfe. L. gibt sofort zu, der Unglücksschütze zu sein. Während die Ärzte vergeblich um das rechte Augenlicht von S. kämpfen, berät sich L. mit seinem Anwalt. Plötzlich weiss er nicht mehr, ob er auch wirklich in die fragliche Richtung geschossen hat; er sieht seine jagdliche «Karriere» in Gefahr. Weil keine Polizei eingeschaltet worden ist, müssen sich die Angehörigen am nächsten Tag um die Sicherung frischer Spuren am Tatort bemühen (Wochenende). L. kann erst nach einem Urteil des Amtsgerichtes in Regress genommen werden. Deshalb sollte man auch bei raschen Schuldeingeständnissen alle oben aufgeführten Massnahmen sorgfältig durchführen.

7. Die Witterungsbedingungen und Sichtverhältnisse (z.B. dichter Nebel oder starkes Schneetreiben) sind zu dem Zeitpunkt des Unfalles festzuhalten. Von wesentlicher Bedeutung ist bei vermuteten Abprallern auch die Beschaffenheit des Bodens (gefroren oder nicht?).

8. Falls die Verletzungen der oder des Geschädigten bekannt sind, helfen Angaben darüber den ermittelnden Polizeibeamten weiter. Angaben des Verletzten über seine Körperhaltung zum Zeitpunkt des Unfalls, seine Blickrichtung und weitere Wahrnehmungen sollten festgehalten werden.

9. Vor Gericht ist oft von wesentlicher Bedeutung, was der Jagdleiter vor Beginn der Jagd zum Ablauf, den Sicherheitsregeln und sonst noch so gesagt hat. Plötzlich spielt es eine Rolle, wer die Stände zugewiesen hat, ob die einzuhaltenden Schussrichtungen (nicht ins Treiben hinein) angegeben wurden, was zum Einhalten der Jagdsignale und zu den Richtungen der Treiben gesagt wurde. Hand aufs Herz: Wer erinnert sich an solche Details ein Jahr später noch? Einige Stunden später wohl noch eher, und deshalb sind auch solche Angaben unmittelbar nach einem Unfall festzuhalten.

Ein letztes Beispiel mag dies verdeutlichen: In der Mittagspause gibt der Jagdleiter an, dass das nächste Treiben einmal vor und dann wieder zurück durchgeführt wird. Die Schützen sollen bis zum Abblasen stehenbleiben. Als die Treiber bei dem angestellten Jäger D. vorbei sind, steht kurz vor ihm ein Fasanenhahn im dichten Unterholz auf. Der flache Schuss ins Treiben trifft den Treiber F. voll ins Gesicht, er verliert ein Auge. Der Treiber war wie besprochen am Ende des Waldstückes umgekehrt und hatte den Fasan hochgemacht. D. beteuerte vor Gericht ,den am Mittag bekannt gegebenen Jagdverlauf speziell zum nächsten Treiben nicht gehört zu haben.

10. Falls man als Jagdleiter aufgrund eines Verwandtschaftsverhältnisses zu dem Verletzten oder fraglichen Unglücksschützen als befangen gelten kann, sollte man eine andere Person mit den ersten Feststellungen beauftragen.

Beachtet man als Jagdleiter die oben aufgeführten Details, so wird auf jeden Fall den Ermittlungsbehörden und in weiterer Folge den Gerichten, aber auch den schadensregulierenden Versicherungen die Aufarbeitung eines Jagdunfalles wesentlich erleichtert. Keiner wünscht sich, dass ein solcher in seinem Verantwortungsbereich geschieht – aber ausschliessen kann er dies auch nicht. Deshalb sollte man dem Tag X nicht ganz so unbedarft entgegensehen.

Autor: Andreas Hausser

Filed under: Jagd & Umwelt

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