Jagd ist so etwas wie meditative Spannung

· Dezember 22, 2012

Ein Gespräch mit dem bisherigen Chefredaktor Karl Lüönd über fünfzehn Jahre «JAGD& NATUR», die Jagd als nachhaltige Nutzung und ihre Zukunft.

JAGD&NATUR : Weidmannsdank, Kari Lüönd, für die anregenden und lehrreichen 180 Ausgaben von JAGD&NATUR in den vergangenen fünfzehn Jahren. Du hast, zusammen mit weiteren jagdbegeisterten Idealisten, im Jahr 1998 das neue Schweizer Jagdmagazin (ehemals «Feld, Wald, Wasser») aus der Taufe gehoben. Hat sich JAGD&NATUR wunschgemäss entwickelt?

Karl Lüönd: «Eigentlich schon. Qualitativ sind wir in all den Jahren vermutlich eher besser geworden – es ist ja unvermeidlich, dass man dazulernt. Quantitativ, d.h. auflagenmässig, sind wir nicht gewachsen, denn die Zahl der Jägerinnen und Jäger in der Schweiz hat in diesen 15 Jahren abgenommen. Wir konnten aber unseren Anteil am Markt der Schweizer Jagdpresse vergrössern und dank der Treue der Abonnenten und Inserenten eine solide materielle Grundlage erarbeiten, wobei die Erträge immer wieder ins Blatt und in Projekte, z.B. www.jagdportal.ch., investiert wurden.»

Was waren in den vergangenen Jahren deine Hauptanliegen als Chefredaktor?

Karl Lüönd: «Erstens den Schweizer Jägern beider Systeme eine interessante und journalistisch integre Zeitschrift zu liefern. Zweitens, bei der nicht jagenden Bevölkerungsmehrheit Verständnis zu wecken für Jagd und Jäger – in dem Sinne etwa: Dass ihr Tiere nicht töten wollt, ist okay, aber lasst uns machen; wir wissen, was wir tun, dass es nötig ist und dass wir gut überwacht werden. Und drittens den Jägerinnen und Jägern zu sagen: Steht hin für eure Passion, ihr habt nichts zu verbergen. Und Gegner sind noch lange keine Feinde.»

Wie kamst du eigentlich zur Jagd. Stammst du aus einer traditionellen Jägerfamilie?

Karl Lüönd: «Überhaupt nicht. Als ich Mitte dreissig war, arbeitete ich als leitender Redaktor beim ‹Blick›. In einer Themenkonferenz – es war September – war von der Jagd die Rede. Der Chef fragte: Kennt je mand einen Jäger, bei dem wir fotografieren könnten?
Ich stellte den Kontakt mit meinem guten Freund Jakob Felber vom Revier Reiden her. Die waren so etwas von freundlich und offen, dass es mir dort sofort gefallen hat. Und am Abend, als die Reportage im Kasten war, haben sie mir gesagt: Komm doch nächsten Samstag wieder. Das habe ich dann gemacht, und so hat es angefangen. Jakob Felber, Ludi Meyer und all die anderen Kameraden von Reiden sind dann sozusagen meine ‹Göttis› geworden.»

Du jagst also seit mehr als 30 Jahren. Was fasziniert dich an der Jagd? Was gibt sie dir?

Karl Lüönd: «Das gute Gefühl, mich sinnvoll in der Natur zu bewegen. Die Rückkehr zu alten Kulturtechniken: Fährten lesen, den Wind spüren, die Natur und die Tiere beobachten. Sodann die Begegnung mit Kameradinnen und Kameraden aus allen Schichten, quer durch den gesellschaftlichen Gemüsegarten, vom international berühmten Professor bis zum einfachen Zimmermann. Drittens: so etwas wie meditative Spannung. Ein Abend auf dem Hochsitz ist in der Regel besser als das Fernsehprogramm.»

Jeder Jäger hat so seine Vorlieben. Welche Jagdart auf welche Tierart übst du am liebsten aus … und warum?

Karl Lüönd: «Meine Lieblinge sind die Wildschweine, weil sie schlau und tapfer und sozial intelligent sind. Wildschweine sind eine wirkliche Herausforderung für den Jäger. Und wenn du es genau wissen willst: Das Grösste für mich ist eine Drückjagd auf Sauen im Schnee, wie ich sie in Polen und Ungarn häufig erleben durfte. Fasziniert hat mich auch die Balzjagd auf Raufusshühner – auch wieder in Ländern, wo die Bestände robust sind. Meinen Auerhahn habe ich in Russland geschossen. Es war ein Chrampf und ein unvergessliches Erlebnis.»

Seit Jahren plädierst du für mehr Transparenz und Öffnung der Jagd gegenüber der Bevölkerung. Aus deiner Feder stammen zahlreiche Anleitungen und Hilfsmittel für die jagdliche Öffentlichkeitsarbeit. Wie siehst du die heutige Kommunikationsarbeit und das Auftreten der Schweizer Jägerinnen und Jäger?

Karl Lüönd: «Darüber habe ich ja in der Dezemberausgabe ausführlich geschrieben. Es ist viel besser als vor 25 Jahren, aber es ist noch nicht gut genug. Jetzt müssen wir oben, auf Bundesebene, den Sack zumachen und eine Lobby installieren, die derjenigen der Schutzorganisationen standzuhalten vermag. Und ich glaube zu wissen, dass sich auch die Behörden und die Schutzorganisationen jagdliche Partner (und zeitweise Gegner) mit Sachverstand und politischer Wirkkraft wünschen.»

Gibt es da Verbesserungspotenzial?

Karl Lüönd: «Das gibt es immer. Aber man muss nicht in hektische Betriebsamkeit ausbrechen. Ich würde sehr viel investieren in die Arbeit an den Graswurzeln: in den Jagdgesellschaften, in den Jagdsektionen, in den Kantonen: Projektwochen in den Schulen, Altersnachmittage, Kitzrettung, das volle Programm! Das kostet nicht viel Geld, aber viel Zeit und ist mit gutem Willen von allen leistbar. Die Erfahrungen in den Abstimmungskämpfen von Solothurn und Aargau haben gezeigt, dass man damit am meisten Glaubwürdigeit aufbaut. Sodann würde ich die kulinarische Schiene ausbauen. Warum nicht ein ‹Guide Vert› – ein Führer zu den besten Schweizer Wildrestaurants? Und dann die Nachwuchsförderung: Wir brauchen mehr Junge und mehr Frauen als Jagende.»

Das Weidwerk ist zweifellos im (Werte-)Wandel. In den vergangenen Monaten wurde viel und kontrovers über die «Beutelmeyer-Studie» mit dem Thema «Wie kann Jagd in zwei Dekaden aussehen?» diskutiert. Deine Prognose Kari: Hat die Jagd eine Zukunft? Wird es die Jagd im Jahr 2030 noch geben?

Karl Lüönd: «Warum sollte sie verschwinden? Wenn wir den Nachwuchs motivieren können, sehe ich keinen Grund zum Pessimismus. Die Einzigen, die die Jagd kaputtmachen können, sind Jäger, die sich nicht anpassen können oder wollen.»

Hast du noch einen jagdlichen Traum (Tierart / Destination)?

Karl Lüönd: «Bei dieser Frage möchte ich passen und erst wieder ein bisschen Kondition trainieren.»

Pensionieren lässt du dich bekanntlich (noch) nicht. Du willst weiterschreiben und publizieren. Gibt es von dir bald auch «Jagdgeschichten» zu lesen?

Karl Lüönd: «Ich konzentriere mich jetzt auf mein Kerngeschäft seit fünfzehn Jahren: Unternehmensbiografien, also Auftragsbücher. Es gibt – vor allem draussen, im grossen Kanton – schon genug Zahnärzte, die ihre Jagderlebnisse zwischen Buchdecken pressen, da braucht es mich nicht auch noch. Aber wenn ich meinen guten Freund Hubert Hagenbuch das nächste Mal treffe, werde ich ihn fragen, wie es eigentlich mit einer Ausgabe seiner ‹gestammelten Werke› steht. So, wie ich den Hubert kenne, wird er das machen, wenn ein Verlag das Risiko übernimmt. Er ist in diesem Punkt wie ich: Wir zahlen nicht auch noch, um schreiben zu dürfen.»

Herzlichen Dank, geschätzter Kari, für das Gespräch. Im Namen von Verlag und Redaktion wünschen wir dir alles Gute für die Zukunft, beste Gesundheit und ein kräftiges Weidmannsheil. Und grüsse mir bitte Hubert Hagenbuch.

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