«Ist die Ladung aus dem Lauf…»

· Oktober 26, 2012

Zugegeben: Der Mann, der im Kanton Freiburg in einem Maisfeld Hanf zwecks Gewinnung von Drogen angebaut hat, entspricht nicht sehr weitgehend dem Idealbild des Gesetzgebers von einem gesetzestreuen Bürger. Und dass er bei der Ernte seiner Kultur einer Gruppe von Wildsaujägern in die Quere kam, war ausgesprochenes Pech. Trotzdem hätte, was passiert ist, niemals passieren dürfen: Einer der Jäger schoss, im Glauben, ein Wildschwein vor sich zu haben, auf den Mann. Aus einer Distanz von zehn Metern mit Schrot, wie es in der entsprechenden Zeitungsmeldung hiess.

Fredy KradolferOhne den Fall näher zu kennen, kann doch eines mit Sicherheit festgehalten werden: Wenn es aus zehn Metern Distanz nicht möglich war, den Mann mit seinem110-Liter-Sack voller Hanf von einem Wildschwein zu unterscheiden, dann können die Sichtverhältnisse keinesfalls so gut gewesen sein, dass sich eine Schussabgabe hätte verantworten lassen. Dass das mit dem Ansprechen nicht ganz so war, wie es eigentlich sein sollte, lässt sich auch aus der «Entschuldigung» des Jägers entnehmen: Der Mann habe «geschnauft wie ein Wildschwein», gab dieser zu Protokoll. Was den Schluss zulässt, dass da ziemlich fahrlässig einfach eine Bewegung wahrgenommen und «mit dem Gehör angesprochen» worden ist.

Noch etwas: Ich kenne zwar das freiburgische Jagdgesetz nicht im Detail, aber: Schrot auf eine Wildsau, die so gross ist wie ein voller 110-Liter- Sack und ein hingekauerter Mann zusammen? Das dürfte eigentlich nicht erlaubt sein…

Wir könnten es uns einfach machen und die Sache abtun mit der Bemerkung «Typisch, die Welschen…» (der Vorfall ereignete sich im französischen Kantonsteil Freiburgs). Doch das wäre unfair, die Prozentanteile der pflichtbewussten Jäger und der «schwarzen Schafe» bei den Jagdausübenden dürften sich in den verschiedenen Sprachregionen kaum nennenswert unterscheiden. Vielmehr müsste uns der Vorfall – gerade jetzt, mitten in der Zeit der Gemeinschaftsjagden in den Revierkantonen – einmal mehr vor Augen führen, wie wahnsinnig schnell etwas wahnsinnig Dummes passieren kann. «Ist die Ladung aus dem Lauf, hält kein Teufel sie mehr auf» – dieser Spruch wurde uns doch schon als Jungjäger eingebläut. Und dann kommt die Routine, kommen all die Jahre, in denen nichts passiert ist, so dass wir uns kaum noch bewusst sind, wie gefahrenträchtig unser Handwerk ist. Dann braucht es noch einen Sekundenbruchteil Blackout oder auch nur Unaufmerksamkeit, und schon hat man Schuld auf sich geladen, die man ein Leben lang nicht mehr los wird.

Das wünsche ich niemandem, nicht einmal meinem ärgsten Feind, wenn ich denn einen hätte. Im Gegenteil: Ich wünsche allen eine schöne, erlebnisreiche Herbstjagd und wenns passt Weidmannsheil. Aber eben wirklich nur dann!

Autor: Fredy Kradolfer

Filed under: Jagd & Umwelt

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