Hat der Bär Platz in der Schweiz?

· April 24, 2013

Der Braunbär wird es schwer haben in der Schweiz. Für Viele kam der Tod von Bär M13 nicht überraschend. Der Lebensraum ist eng, und die Alpenbewohner sowie die Touristen sind sich noch nicht im Klaren, was die Anwesenheit des Bären für ihr Verhalten bedeutet. Ein Erfahrungsbericht und kritisch-konstruktive Gedanken eines Jägers.

Hat der Bär Platz in der Schweiz?Das Interview mit dem eidgenössischen Jagdinspektor Reinhard Schnidrig, in der Januar-Ausgabe von «JAGD & NATUR», eine mehrmonatige Reise durch Alaska/USA, Yukon und British-Columbia/ Kanada sowie die Erlegung von M13, haben mich zu einigen Gedanken zum Bär und seinem Lebensraum, aber auch zum Bär und seinem Zusammenleben mit den Menschen, angeregt.

Der Braunbär war in den Alpen lange heimisch; erst 1904 wurde der letzte seiner Art in der Schweiz erlegt. Für die Biodiversität ist seine Wiedereinwanderung eine grosse Bereicherung. Aber hat er heute eine echte Chance im Alpenraum? Kann er sich grossflächig wieder etablieren?

Im Norden der USA und Kanadas kommen sowohl Schwarz- wie auch Braunbären in grossen Beständen vor. So leben zum Beispiel im Lake-Clark-Nationalpark (im Südwesten von Anchorage, Alaska) und seiner Umgebung (mit rund 16 000 km² knapp ein Drittel der Fläche der Schweiz) geschätzte 700 Bären. Das entspricht einer Dichte von etwa vier Bären pro 100 km², was sehr hoch ist. Das Gebiet wird jährlich von zirka 5000 Touristen besucht. Ansonsten ist es unbewohnt. Im Vergleich dazu wurde der Alpenraum in der Schweiz im letzten Jahrhundert stark besiedelt. Insbesondere der Tourismus hat zu einer starken Nutzung sehr vieler Lebensräume geführt. So leben heute im Kanton Graubünden 27 Einwohner pro km²; für die Schweiz ist dies eine dünne Besiedlung (CH: im Durchschnitt 190 Einwohner pro km², schnell steigend). In Alaska leben aber gerade mal 0,4 Einwohner pro km² und im kanadischen Yukon sind es mit 0,07 Einwohner pro km² noch viel weniger. Alle Bären brauchen ausgedehnte Rückzugsmöglichkeiten und sehr grosse Gebiete, die ihnen während des Jahres ausreichend Nahrung gewähren. In Alaska sind die südlichen Gebiete, in denen die Lachse zu ihren Laichgebieten aufsteigen, deutlich dichter mit Bären besiedelt als die Gebiete im nördlichen Alaska, wo sich die Bären, wie bei uns, hauptsächlich von Pflanzen ernähren. Haben wir in der Schweiz, im Alpenbogen, wirklich noch die Lebensraumgrössen, die eine Braunbärpopulation zulassen? Oder werden es immer nur einzelne Individuen sein, die durchziehen? Auch die Nahrungsgrundlagen in Alaska und im Norden von Kanada, mit den Lachsvorkommen im Süden und unglaublich grossen Beerenbeständen im Norden, sind nicht vergleichbar mit den Nahrungsgrundlagen bei uns. In unserer Bergwelt werden die Alpen bewirtschaftet, was die Nahrungsgrundlage (Beerenfelder) für die Braunbären stark einengt. Wie labil das biologische Gleichgewicht zwischen Nahrungsgrundlage und Bärenpopulation aber auch in solch guten Bärengebieten ist, zeigte sich im Sommer 2012 im Yukon. Durch einen extrem strengen Winter 2011/2012 und einen verregneten Frühsommer entwickelten sich die Beerenbestände nicht optimal. So hatten die Bären im Inland, wo keine Lachsvorkommen vorhanden sind, keine genügende Futtergrundlage und drängten schon im Juli, auf der Suche nach Futter, in die Siedlungen. In Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon, wurde bis Ende Juli über ein Dutzend Bären erlegt (ein Zeitungsbericht vom 15. August 2012 berichtete von 19 geschossenen Bären), die sich an Hausmüll und Kompost gütlich taten. Auch wurden von der Jagdverwaltung eilends grosse Bemühungen unternommen, die Bevölkerung auf richtiges Verhalten aufmerksam zu machen. Nur, Whitehorse hat 20 000 Einwohner, und dann ist im Umkreis von mehreren 100 Kilometern kaum mehr eine grössere Siedlung anzutreffen … Wie gehen wir in unserem, für ein Braunbärenhabitat dicht besiedelten Alpenraum mit Bären, die sich abnorm verhalten, um?

Korrekter Umgang mit Meister Petz

Hat der Bär Platz in der Schweiz?Reinhard Schnidrig erwähnt im eingangs angesprochenen Interview («JAGD & NATUR» 1/2013), dass 54% der Schweizer Bevölkerung die Anwesenheit des Bären befürworten würden. Aber wie viele dieser Befragten hatten denn schon eine Begegnung mit einem Bären in freier Wildbahn? Können wir in der dicht besiedelten Schweiz überhaupt mit einer solchen Wildart umgehen? Können wir uns «bärengerecht » verhalten? In Alaska und im Yukon ist jeder öffentliche Abfallkorb bärensicher verschlossen, in jedem Touristeninfocenter wird als Erstes ein Merkblatt zum korrekten Verhalten im Bärenland abgegeben. Jeder Einwohner hatte schon Begegnungen mit Bären. Der Umgang mit diesen Wildtieren ist in einer natürlichen Art zurückhaltend und respektvoll. Wenn wir uns ähnlich verhalten wollen, muss im Alpenraum noch sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Verhaltensregeln, wie sie auf der Website des Nationalparkes zu finden sind, müssen breiter gestreut und «peppiger» aufgemacht werden. Alle Abfallcontainer müssen bärensicher ausgeführt oder umgerüstet werden (ein gutes Beispiel: http://www.ursina.org/ueber-ursina) Wir müssen lernen, dem Raubtier Bär mit Respekt zu begegnen, ausreichend Abstand zu wahren und ihm auszuweichen. Wann wird wohl der erste Wanderer mit einem sogenannten Bärenglöcklein am Rucksack durch den Nationalpark wandern, um Bären seine Anwesenheit frühzeitig zu melden und diese nicht zu überraschen?
Ein weiterer wesentlicher Punkt, der für eine Wiederbesiedelung des Alpenraumes durch den Braunbären entscheidend sein kann, ist eine sachliche und gut aufgemachte Öffentlichkeitsarbeit. Auch die Presse muss lernen, vernünftig und mit Achtung vor dieser Tierart zu berichten. Vergleiche ich die Boulevard- Presse-Artikel in der Schweiz mit den Berichten über Bärenvorkommnisse im Norden der USA und Kanadas, sorgen die reisserischen Artikel in der Schweiz wohl eher für ein negatives Image des Braunbären. Im Gegensatz dazu ist die Berichterstattung in Alaska informativ und sachlich. Für eine erfolgreiche Wiedereinwanderung der Braunbären im Alpenraum ist eine sachliche Information unerlässlich. Wenn dies den verantwortlichen Instanzen nicht gelingen sollte, kann die öffentliche Meinung schnell in eine negative Grundstimmung umschwenken.

Der Bär braucht Platz

Der wohl zentralste und wichtigste Fakt für eine erfolgreiche Wiederbesiedlung des Alpenraumes ist das Lebensraumverhältnis. Der Bär braucht sehr grosse Rückzugsgebiete (sicher 100 bis 200 km²), in denen keine weitere Siedlungsausdehnung oder Intensivierung von Landnutzungen geschehen dürfen. Dies kann durch die Einrichtung von Nationalparks oder anderen Schutzgebieten erfolgen. In diesen Räumen muss die Biodiversität absoluten Vorrang vor allen anderen Landnutzungen haben. Eine weit engere Zusammenarbeit aller Akteure ist zu Gunsten dieser Zielerreichung gefordert! So müssen Wildbiologen mit Raumentwicklern grossflächige Konzepte zur Extensivierung von grossflächigen Gebieten ausarbeiten. Die landwirtschaftlichen Berater müssen, Hand in Hand mit Wildbiologen, die Bauern beraten. Die Gemeindebehörden haben, zusammen mit den Bärenspezialisten, die Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit an die Hand zu nehmen. Und es ist vor allem ein umfassender Managementplan zwischen Bund, Kantonen, Gemeinden, Landbesitzern und Bewirtschaftern auszuarbeiten, wie auf sämtliche Fragen der Wiedereinwanderung des Braunbären reagiert werden soll.

Fazit

Damit der Braunbär die Biodiversität in der Schweiz wirklich langfristig und nachhaltig bereichern kann, muss noch sehr viel Arbeit getan werden. Am schwierigsten wird wohl die Schaffung der notwendigen grossflächigen Rückzugs- und Ruhegebiete sein. Wenn dies nicht gelingt, dürften es die Bären in der Schweiz extrem schwer haben. Weitere Konflikte mit uns Menschen wären vorprogrammiert.

Text: Ueli Strauss
Fotos: Markus P. Stähli, Cornelia Gallmann

 

Filed under: Jagd & Umwelt

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