Gilt nicht nur für Jäger…

· Dezember 24, 2012

Fredy KradolferJetzt ist sie wieder da – die ruhige Zeit. Der Winter legt, wenigstens in den höheren Lagen, sein weisses Kleid über die Landschaft. Wir Jäger aber wissen: Für das Wild ist jetzt die schwere Zeit angebrochen. Die Ruhe ist oft trügerisch. Wer, wie der Schreibende, seinen Alltag auf einer Zeitungsredaktion verbringt, macht Anfang Winter so seine Erfahrungen: Fast jeden Tag flattert die Meldung irgendeiner Tourismus-Organisation oder -Destination auf den Tisch: «Pistenangebot erweitert», «neue Skitouren-Angebote» oder «verlockende Schneeschuhtrails in unberührter Natur» heissen die Lockvögel, mit denen immer mehr Menschen hinaus in die weisse Pracht gelockt werden. Allein im Zürcher Oberland, einer Gegend, die nun weiss Gott weder zu den Tourismus-Hochburgen noch zu den Gegenden mit «Schnee-Garantie» gehört, werden sechs verschiedene Schneeschuhtrails angeboten – um nur ein Beispiel zu nennen.

Nun bin ja auch ich ein «Schreibtischtäter » und kann den Drang der Menschen, sich in der Freizeit in der Natur zu bewegen, sehr gut nachvollziehen. «Grantig» werde ich nur, wenn mir jemand von diesen NaturkonsumentInnen mit der Mär von den «bösen Jägern» kommt. Meist genügt dann zwar eine kurze, sachliche Erklärung der Zusammenhänge zwischen Beunruhigung des Wildes bzw. erhöhtem Energieverbrauch und Verbiss-Schäden, die dann zu höheren Abschussquoten führen, um das jeweilige Gegenüber ziemlich kleinlaut werden zu lassen. Es gibt aber auch andere, zum Beispiel jene etwa fünfzigjährige, nicht mehr ganz schlanke, laut keuchende und ganze Wolkentürme ausdünstende, quer waldein joggende Frau, die zu Protokoll gab: «In diesem Wald gibt es doch gar kein Wild. Ich habe jedenfalls noch nie etwas gesehen!»

Viele Jagdgesellschaften haben sich der Realität gestellt und Mittel und Wege gefunden, um ein einigermassen verträgliches Nebeneinander von Freizeitaktivitäten und Wildbestand zu ermöglichen. Mir sind aber auch Fälle bekannt, von doch recht grossen Wäldern, in denen kaum ein Reh mehr seine Fährte zieht. Zeichen der Zeit – man muss sich daran gewöhnen.

Woran ich mich aber nie gewöhnen kann und will, ist das Bild, das in den Köpfen der Menschen, vor allem in Städten und Agglomerationen immer noch verankert ist: Jäger sind böse Tierlimörder – ein Mensch aber, der sein Hundi bis zur Bewegungsunfähigkeit überfüttert, Vögel in engen Käfigen und Katzen ausschliesslich in der Wohnung hält, ist ein Tierfreund, so lange er nur regelmässig für Tierschutzorganisationen (oder auch Tierschutzextremisten) spendet und über andere schimpft, wenn sie Pelz tragen, ohne zu fragen, woher der Pelz stammt.

Die Beurteilung des Tuns und Lassens anderer Menschen(gruppen) basiert immer auf dem eigenen Standpunkt. Das ist ein Grundprinzip, welches erst dann verwerflich wird, wenn jemand andere moralisch verurteilt, ohne den eigenen Standpunkt gleichzeitig kritisch zu hinterfragen. Das gilt aber nicht nur für Jäger…

Text: Fredy Kradolfer

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