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Futter, Spiel und Gehorsam

· April 24, 2013

Dem Hund soll durch die Qualität der Bindung zum Führer und die gemachten Erfahrungen die bestmögliche Entfaltung der erblichen Anlagen, des natürlichen Verhaltens und seines «Wesens» ermöglicht werden. Hundeexperte Ueli Bärtschi erklärt dieses Fundament der Hundeausbildung.

Futter, Spiel und GehorsamIn diesem Beitrag möchte ich etwas vertiefter auf die sogenannten Fress- und Spielrituale bei Hunden eingehen. Ich erläutere, wie Gehorsam entsteht und warum Rituale es für den Hund besser verständlich machen.

Die Ansprüche an einen Hund und an seine Leistungen sind sehr unterschiedlich. Alle erwarten etwas anderes von ihrem vierbeinigen Freund. Die einen wollen den Hund bis zur höchsten Prüfung mit vollen Punktzahlen bringen, andere mit ihm Kunststücke machen, wieder andere wollen ihn «nur» für die Jagd einsetzen oder einfach als Kumpel oder Familienmitglied halten. Nicht alle Hundehalter haben dieselben Ziele für ihren Hund. Dies ist auch gut so. Das Wichtigste ist nicht, was ein Hund alles kann, sondern wie es ihm bei seinem Besitzer ergeht.

Ob nun einem Hund letztendlich viel oder wenig beigebracht wird, ob er eine Vollgebrauchsprüfung mit Bringselverweiser schafft, ob er ohne grosses Zutun ins Auto steigt oder sich ordentlich anleinen lässt, spielt eigentlich keine Rolle. Es ist nämlich ein und dasselbe: Ausbildung! Der Hund muss das Verlangte machen, also ist ein Weg zu suchen, damit der Hund das Gewünschte auch macht.

Bei der Hundeausbildung ist es ähnlich wie beim Kochen. Es gibt unglaublich viele Kochbücher, in welchen Spitzenköche behaupten, dass wenn man alles ganz genau gemäss ihrer Beschreibung mache und sich an das Rezept halte, ein Erfolg schier unumgänglich sei. Trotzdem ist jeder Herd, jede Flamme, jede Pfanne ein wenig anders, das Fleisch vielleicht etwas zäher und die Kartoffelsorte, welche man gerade zu Hause hat, für dieses Gericht nicht geeignet. Man hat vielleicht etwas falsch gelesen oder interpretiert, etwas noch nicht vorbereitet, was aber unbedingt noch mit in die Pfanne muss, dabei bleibt aber etwas anderes zu lange auf dem Feuer …

Futter, Spiel und Gehorsam

Die erfahrene Köchin oder der erfahrene Koch erkennt dies, bevor etwas schief läuft und deshalb ist es immens wichtig, bei der Hundeausbildung nur das Nützlichste und Beste zu wählen und alles andere zu verwerfen. Die Übungen sind also so anzulegen, dass sie für den Hund erfolgreich umsetzbar und für den Führer ausführbar sind. kann das Mahl noch retten. Die Unerfahrenen hingegen bemerken es erst, wenn es schon zu spät ist, oder vielleicht sogar erst beim Essen. Wie peinlich und bitter, dies von den Gästen zu erfahren.

Einflüsse und Rituale

Es spielen sehr viele Faktoren mit, wie sich ein Hund im Erwachsenenalter zeigt, wie sich sein Verhalten gegenüber Artgenossen und Menschen äussert, wie er im Leben steht, wie er mit Umwelteinflüssen und seinem Umfeld umgeht oder wie er sich bei der Bewältigung von Aufgaben im Alltag und spezifisch, z. B. bei jagdlichen Handlungen, gibt.

Schon während der Trächtigkeit hat die Mutterhündin Einfluss auf die Entwicklung ihrer Föten bzw. Welpen. Grosser Stress oder intensive Angst der Hündin wirken sich entsprechend auf die Entwicklung der Welpen aus. Auch nach der Geburt vermittelt die Mutterhündin den Welpen positives, aber leider auch negatives Verhalten. Selbstverständlich werden die Welpen nicht nur durch die Mutterhündin beeinflusst, sondern auch durch ihre Erbanlagen und durch alles Erlebte und Empfundene.

Der Züchter stärkt, durch seine Einflussnahme, die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Durch Spaziergänge, Spiele und erste Kontakte mit Wild oder Wildwitterung kann er grossen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Welpen nehmen. Einen Punkt hat der Züchter aber besonders in der Hand: das Füttern und damit die Futtergier. Die grosse Kunst ist dabei, die Welpen mit einem vollwertigen, speziell für sie hergestellten Futter, in der richtig dosierten Menge mehrmals täglich so zu füttern, dass alle genügend bekommen und sie bei der nächsten Mahlzeit aber bereits wieder Hunger haben. Wenn die Welpen nicht alles wegfressen oder die Schüssel sogar vor dem Leermachen verlassen, muss diese sofort weggestellt werden. Die nächsten Rationen sind kleiner zu portionieren.

Bei der Fütterung können die ersten, ja so wichtigen Fressrituale eingeführt werden. Hunde lieben Rituale. Dies kann gut bei Hunden beobachtet werden, welche gelernt haben, dass ab und zu etwas, sei dies nun gewollt oder ungewollt, vom gedeckten Tisch fällt. Es braucht nicht jedes Mal etwas zu geben. Allein schon der «Gedanke daran» genügt dem Hund, um in einer gespannten Erwartungshaltung auf das zu warten, was da kommen mag. Rituale wirken nur, wenn sie immer gleich ablaufen und sie etwas ganz Grosses wie etwa Futter vorhersagen. Die Abläufe eines Rituals sind nicht etwa vom Menschen erfunden. Die Hunde zeigen sie selbst – beispielsweise, wenn die Mutterhündin den Welpen Futter bringt; die Welpen vollführen dann die interessantesten Bewegungen und Gesten, um sich das Futter zu erwerben. Wir Menschen haben uns dies zunutze gemacht und gemerkt, dass wir so vom Hund die unmöglichsten Dinge fordern können, nur weil er weiss, dass das richtige Verhalten mit Futter belohnt wird.

Bereits der Züchter kann Hundekinder mit einem Hornstoss, mit einem Pfiff oder durch Rufen dazu bringen, dass diese alles liegen und stehen lassen, um so schnell wie möglich herbeizueilen. Ein solches Verhalten geht nie verloren und die Hunde vergessen es ein Leben lang nicht. Ich bin nicht der Meinung, dass man Futterbelohnungen bis zu einem gewissen Alter abbauen muss. Viel zu wertvoll ist dieses für den Hund so lebenswichtige Element, um es ungenutzt nur in den Zwinger zu stellen. Futter kann bei sehr unterschiedlichen Arbeiten als Belohnung eingesetzt werden. Zum Beispiel auf einer Fährte oder am Ende derselben.

Direkte und indirekte Belohnung

Dem Hund kann der gezielte Naseneinsatz durch Futter verstärkt oder sogar verbessert werden. Futter kann als «direkte oder indirekte Belohnung» verabreicht werden. Mit «direkter Belohnung» meine ich zum Beispiel den Futterbrocken unmittelbar nach einem durch den Hund korrekt ausgeführten Kommando wie «Sitz, Platz oder Fuss». Beim Welpen kann der Futterbrocken am Anfang so in der Hand gehalten und geführt werden, dass der Kleine fast gezwungenermassen das Richtige machen muss und dann blitzschnell auch für dieses belohnt wird. Die «indirekte Belohnung» basiert auf dem Versprechen, nach einem gewissen Signal oder Impuls Futter zu kriegen. Dies alleine genügt, damit der Hund etwas Gewünschtes ausführt und in ihm die Motivation ausgelöst wird, dass es nach einem Versprechen immer Belohnung gibt. Das Geniale daran ist, dass hier die sehr kurze Zeit zum Belohnen nicht eingehalten werden muss und nur schon das Versprechen über eine relativ lange Zeit als Motivation genügt und eigentlich schon Belohnung ist. Besonders im Sporthundebereich wird die Belohnung bzw. das Versprechen gerne durch das sogenannte «Clickern» vorgenommen.

Nehmen wir für uns das verständlichere Beispiel vom Züchter, der die Welpen mit einer Pfeife herbeiruft. Die jungen Hunde zerplatzen schier vor Aufregung, Glück und Motivation. Auch wenn sie vielleicht geschlafen oder gespielt haben und bis zur Futterschüssel mehrere Sekunden oder sogar Minuten brauchen, brechen sie nicht ab und eilen hochmotiviert zur Belohnung. Mit dem Einsatz von Futter können viele verschiedene Abruf- oder Konzentrationsübungen, die später für andere Gehorsamsarbeiten Verwendung finden, gemacht werden. Beispiel: Die Futterschüssel ist am Boden, der Hund darf aber erst fressen, wenn er vorher sitzt und dem Führer in die Augen schaut. Der Führer kann dabei Spannung aufbauen und zu gegebener Zeit mit einem Kommando das Futter zum Fressen freigeben.

Futter, Spiel und GehorsamDen Drang, sich Futter zu suchen und sich damit zu belohnen, verspüren die Hunde von selbst. Nicht nur die Wildhunde oder Wölfe, sondern auch unsere Hunde, die für einen Augenblick nicht unter Kontrolle sind, suchen sich Futterquellen wie beispielsweise den Komposthaufen des Nachbarn und tun sich daran gütlich.

Motivation und Belohnung durch Spiel

Selbstverständlich gibt es auch andere Möglichkeiten, einen Hund zu motivieren und zu belohnen: durch Worte, durch Gestik und Streicheln. Eine der wirkungsvollsten Methoden ist aber das Spiel. Dem Hund fällt es am leichtesten, etwas spielend zu erlernen. Es ist auch das, was er alleine oder mit seinen Geschwistern, mit der Mutter und seinen Verwandten und Bekannten macht. Er lernt dabei allerlei Techniken und Taktiken, wird immer geschickter und kräftiger und findet heraus, was er tun oder besser lassen sollte.

Der Mensch kann sich den Spieltrieb der Hunde zunutze machen. Ein Hund liebt es, mit seinem Führer in irgendeiner Form zu spielen und begreift sehr schnell, was man von ihm will, wie ein Spiel abläuft und wie er sich verhalten muss, um durch das Spiel zum belohnenden Erfolg zu kommen oder eben nicht. Ich will dies mit einem Beispiel erklären: Der Hund wird hingesetzt und muss warten, bis der Führer das Lieblingsspielzeug (zuerst sehr einfach) unter geheimnisvoller Spannung versteckt. Der Führer geht dann zum Hund zurück, spannt diesen mit seiner Körpersprache wie einen Pfeilbogen und schickt ihn mit einem Kommando zum Suchen. Der Hund rennt los, findet den Gegenstand, greift ihn und bringt ihn zurück. Beim Führer angekommen, gibt es einen «Kampf» und die Arbeit wird eventuell mit einer Futterbelohnung beendet. Das alles, verpackt in ein Ritual, beflügelt den Hund, immer schwierigere Aufgaben zu meistern.

Jeder Hund hat ein Lieblingsspielzeug, aus welchem wir einen Vorteil ziehen können. Wir können es unterschiedlich einsetzen, z. B. zum Auflockern nach strengen Konzentrationsarbeiten, wenn der Hund durch irgendetwas beeindruckt oder eingeschüchtert wurde oder einfach nach getaner Arbeit zur grössten Belohnung.

Futter und Spiel können als Belohnung selbstverständlich auch kombiniert werden, und sie erzielen zusammen manchmal noch den grösseren oder länger anhaltenden Effekt. Spiele können auf unterschiedliche Arten und mit sehr vielen unterschiedlichen Gegenständen gemacht werden. Da gibt es Vorsteh-, Gehorsams-, Hetz- und Fangspiele mit der Reizangel, Kampfspiele mit der Beisswurst, Wurf- oder Versteckspiele mit dem Ball. Die Auswahl ist überaus gross. Nicht zu vergessen sind das Spiel unter Hunden und das Spiel zwischen Meister und Hund, ohne Gegenstände. Spielen kann man mit dem Hund immer. Es macht ihn glücklich bis ins hohe Alter.

Beim Spielen empfindet der Hund Positives: Gleichzeitig Erlebtes und Empfundenes verbindet sich. Wenn also der Welpe glücklich (und das ist sehr wichtig) beim Spiel ist, und zu Beginn nicht allzu nahe geschossen wird, gehört der Schuss zum glücklichen Spiel dazu.

Text und Fotos: Ueli Bärtschi