Fuchsnächte

· Januar 24, 2013

Alles hat seine Zeit, heisst es so schön, und selten trifft dieser Satz so genau zu wie auf der Jagd, wo die Natur mit ihren verschiedenen Jahreszeiten unseren Rhythmus bestimmt.

FuchsnächteWenn die meist eisigen Vollmondnächte im Februar beginnen, bedeutet dies für mich immer den letzten Akt in einem Jagdjahr. Da Reh-, Rot- und Schwarzwild nun ihre wohlverdiente Schonzeit geniessen, die Rüben- und Tresterhaufen längst im Revier verteilt sind und die Jagdgäste ihre Gewehre meist schon gut eingölt in ihren Waffenschränken verstaut haben, kehrt in die Wälder Ruhe ein. Und so widmete ich meine Zeit voll und ganz der Fuchsjagd, die ich dank der Gebrüder Samstag auf der Flur, einem vornehmlich von Wiesen und Äckern geprägte Revier, ausüben durfte.

Wenn man das ganze Jahr über nur im tiefsten, von Fichten dominierten Wald gejagt hatte, wo die Sicht doch stark eingeschränkt war, tat es mal gut, vom Hochsitz aus richtig weit schauen zu können, einfach mal Platz zu haben.

Die drei Luderplätze waren gut angenommen, und ihre tägliche Kontrolle nahm nicht viel Zeit in Anspruch, sodass ich zu jedem einzelnen von ihnen noch eine Schleppe ziehen konnte, um den roten Brüdern den rechten Weg zu weisen. Ein Netz, gefüllt mit toten Fischen, diese noch mit reichlich Fischöl garniert, war für jede Fuchsnase unwiderstehlich, und an den Waldrändern hinter dem Jeep hergezogen war es eine wunderbare Lockspur. Da man sie immer nur Richtung Luderplatz ziehen sollte, kam man nicht umhin, sie von Zeit zu Zeit selbst einmal anzufassen, und man war gut beraten, sich vor Betreten eines Wirtshauses gründlich die Finger zu waschen, da man sonst sehr schnell alleine an einem Tisch hockte, auch wenn die Menschen hier nicht besonders empfindlich waren. Tunlichst sollte man es auch vermeiden, das Netz mit irgendwelchen Kleidungsstücken in Berührung zu bringen, es sei denn, man legt wenig Wert auf Gesellschaft.

Ich hatte wohl an diesem sonnigen, aber kalten Wintertag alles richtig gemacht. Denn nach meiner Tour riss am Stammtisch im Waldhaus keiner von den Gästen aus, und so stärkte ich mich erst mal richtig für den abendlichen Ansitz, trank in netter Gesellschaft noch einen heissen Tee und packte mich danach schön warm ein, denn das Thermometer zeigte schon am frühen Abend minus 14 Grad an. In den frühen Morgenstunden waren es um die minus 20 Grad, und aus diesem Grund verzichtete ich dann auf einen Ansitz, fuhr lieber mal die Wege nach dem Frühstück ab, um vielleicht noch den einen oder anderen Bummler zu erwischen.

Diese Taktik ist gar nicht so schlecht, denn in der Ranzzeit laufen die Füchse bis weit in den späten Vormittag, und so manchen konnte ich auf diese Weise schon erbeuten. Mein Ziel für den Abend aber war die «Blumenkanzel», von der man einen herrlichen Blick in alle vier Himmelsrichtungen hat, dank Drehstuhl statt Sitzbank.

Schön eingepackt und voller Vorfreude sass ich auf meinem Aussichtsturm, als die Kirchuhr laut und deutlich acht Mal schlug. Die Nähe zum Dorf war anfangs etwas ungewohnt, doch inzwischen möchte ich sie bei dieser Jagd nicht mehr missen. Der dicke Toni dreht am Dorfrand um diese Zeit immer seine letzte Runde, und ich konnte jedes Wort von ihm verstehen, das er freundlich an seinen Hund richtete. Ich musste leise lächeln.

Er täte mir richtig fehlen, wenn er mal nicht mehr «Gassi gehen» würde. Der immer leicht aufgeregte Bauer Fritz schaute noch einmal in seiner Scheune nach dem Rechten, ein Kumpel, der sich diebisch freut, wenn ich etwas erwische, vor allem dann, wenn er mir vorher noch einen Tipp gegeben hat. Und das kommt gar nicht so selten vor, denn er kennt sich oben auf seinen Wiesen bestens aus, weil er jeden Tag hier draussen ist.

«Sir» Helmut, ein guter Jagdfreund älteren Semesters, fuhr langsam und bedächtig, wie es halt so seine Art ist, mit seinem Geländewagen in sein Revier zur Saujagd. Ich freute mich jetzt schon, ihn am nächsten Tag im Waldhaus zu treffen und mit ihm über die Erlebnisse dieser Nacht zu plaudern, denn lustig wurde es dabei immer, vor allem, wenn wir dabei dem Hopfengetränk fleissig zusprachen. Sie alle ahnten nichts von meiner unmittelbaren Anwesenheit, und genau diese Heimlichkeit mochte ich. Zu fortgeschrittener Stunde erstarb so langsam das Dorfleben, Licht für Licht erlosch in den einzelnen Häusern, und als auch der letzte Kläffer endlich Ruhe gab, schaute ich wieder öfter über die weisse Fläche.

FuchsnächteAusser drei Rehen, die langsam über die Flur zogen, sah ich lange Zeit gar nichts. Aber dann wandte ich meine Aufmerksamkeit einem dunklen Punkt auf dem Schnee zu, doch es war nur Meister Lampe, der sich ein bisschen Bewegung verschaffte. Ein zweiter Punkt erschien bald darauf auf der Bildfläche, und auch ohne Glas erkannte ich am schleichenden Gang den ersten Rotrock, der in einem Graben verschwand, auf den der Hase unbeschwert zuhoppelte.

Es war kaum vorstellbar, dass der Hase seinen Erzfeind nicht erspähte, jedoch hatte ich im Gegensatz zu jenem von hier oben auch eine gute Übersicht, während auf der Fläche kleine Schneeverwehungen und Gräben die Sicht wohl einschränkten, und so zog mich das vermeintliche Drama in den Bann. Der Mümmelmann hüpfte weiter auf den Graben zu, und obwohl ich es erwartet hatte, zuckte ich doch leicht zusammen, als plötzlich Meister Reineke wie ein Blitz aus der Vertiefung sprang. Aber wie durch ein Wunder konnte sich der Hase mit einem riesigen Satz retten und gab dann so richtig Fersengeld, während der Fuchs verstört hinter ihm heräugte. Er nahm es wohl nicht weiter tragisch, denn nach einiger Zeit schnürte er auf den Luderplatz zu. Schliesslich gab es dort immer etwas zu holen, und Luder rannte ja auch nicht mehr weg. Die Idee war ja grundsätzlich richtig, nur halt heute Abend nicht.

Nachdem der Büchsenknall über dem verschneiten Dorf verhallt war, lag ein schwarzer Streifen auf dem Schnee. Ich packte mich wieder sorgfältig ein, die Nacht war ja noch jung, und nach Hause wollte ich einfach noch nicht.

Weit konnte man über die finsteren Fichtenwälder schauen und in der Ferne blinzelten immer wieder mal die Scheinwerfer von irgendwelchen Autos auf, deren Ziele ich nicht kannte. Die unheimlichen Rufe von einem Waldkauz klangen schaurig durch die Dunkelheit, gaben ihr etwas Gespenstisches, doch ich mochte diese Nachtmusik. Es sind meist nicht mehr als drei oder vier Nächte, die ich in dieser Zeit hier verbringen kann, also wollte ich möglichst lange hocken bleiben. Ich bekam auch bald wieder Besuch, diesmal von einer schwarzen Katze auf ihrem nächtlichen Rundgang. Als bekennender «Miezenfreund» hatte sie nichts von mir zu befürchten, auch wenn meine Jagdkollegen darüber oft nur den Kopf schütteln. Ich habe selber einen «Stubentiger» zu Hause und bringe es einfach nicht fertig, auf sie zu schiessen, auch wenn ich so manchen von ihnen hier als richtigen Streuner kenne.

In grosser Entfernung sah ich durch das Fernglas einen unsteten Fleck auf der Schneedecke, und nach längerer Beobachtung stellte sich dieser als Fuchs heraus, der mit tiefem Fang die Schleppspur ausarbeitete. Immer näher lief er auf die Kanzel zu, während ich längst im Anschlag auf ihn wartete. Für die fünfhundert Meter brauchte er eine gute Viertelstunde.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, aber es war auch spannend, ob er es bis zum Luderplatz schaffen würde, ohne vorher das Interesse zu verlieren und in den Wald abzubiegen. Dieses besonders starke Exemplar hier wollte es aber ganz genau wissen, und unbeirrt schnürte er auf mich zu. Es war ein schönes Erlebnis, einen roten Schleicher so zu beobachten. Es kam mir zwar nicht in den Sinn, im Winter einen laufen zu lassen, aber ich lasse mir gerne auch mal etwas Zeit mit dem Schuss.

Am Luderplatz angekommen, zerrte er an einer alten Sauschwarte herum, fiel dann über den darunterliegenden Fisch her und wollte diesen fortschleifen, was ihm aber nicht gelang, da ich diesen an einem Holzpflock befestigt hatte. Er musste sich wohl oder übel vor Ort mit dem Schuppenträger befassen, was er dann auch ausgiebig tat. Nachdem er mit ihm fertig war, inspizierte er neugierig seinen gefallenen Artgenossen. Bevor er lange darüber nachdenken konnte, was wohl mit diesem passiert war, legte ich ihn mit einem präzisen Schuss daneben.

Ich hatte mich schon etwas aus meiner Decke schälen müssen für diese Aktion, die doch recht lange dauerte, und ziemlich verkühlt schaute ich nun auf die zwei dort liegenden Rotröcke, etwas unschlüssig über mein weiteres Handeln. Zum Glück musste man nach dieser Jagd nichts mehr aufbrechen, und auch die Bergungsmassnahmen für die Beute hielten sich in überschaubaren Grenzen, was ich auf Grund des extremen Frostes sehr zu schätzen wusste.

Es ging auf Mitternacht zu, und ich entschloss mich, eine andere Kanzel zu besetzen. Erstens wollte ich nicht, dass um diese Uhrzeit noch Leute aus ihren Betten fielen, falls ich noch einmal am Zünglein rühren musste, schliesslich arbeiteten die Menschen hier recht hart, zweitens konnte ich mir die Kälte aus den Gliedern laufen, denn zum nächsten Luderplatz waren es gut und gerne zwei Kilometer. Auf geräumten Feldwegen ging ich lautlos durch die sternenklare Nacht und fühlte mich durch mein Schneehemd fast unsichtbar. Diese Einsamkeit in der Natur gibt mir immer eine innere, vollkommene Zufriedenheit.

Eine Sternschnuppe flog kurz durch den Himmel, und stumm wünschte ich einer Lady, die ich sehr gern habe, viel Glück.

Auf halber Strecke vernahm ich das Gebell eines Fuchsrüden. Durch die Liebe wurde auch der Heimlichste von den Leisetretern etwas unvorsichtig, und so blieb ich erst einmal hinter einem Holzstoss stehen, weil dieser mir gute Deckung bot.

Durch die kleine Wanderung hatte ich mich wieder aufgewärmt und konnte bewegungslos ein paar Minuten verharren, holte das Mauspfeifchen hervor und piepste dreimal in die Stille. Wer weiss, vielleicht führte das ja zu etwas.

Meine Augen wanderten in typischer Jägermanier andauernd hin und her, und am Waldrand entdeckte ich dann endlich ein Füchslein, das sich vorsichtig auf die Flur vorarbeitete.

Da schau her! So ein Mauspfeifchen war doch eine feine Sache. Mit nochmaligem Mäuseln lockte ich ihn langsam näher, doch der Rote traute der Sache nicht so recht und wollte sich erst einmal Wind holen, versuchte mich dafür zu umschlagen.

Nur war das hier für ihn auf der freien Fläche nicht so einfach. Er war zwar noch recht weit weg, aber dank Vollmond war es fast taghell, und als er noch mal stehen blieb, um sich schlauzumachen, warf ihn mein schweres Geschoss in den Schnee.

Ich freute mich still und leise, sammelte ihn nach rund zweihundert Schritt ein und ging wieder zurück, um ihn zu den anderen zu legen. Für diese Nacht liess ich es gut sein, denn da ich ausser den drei Patronen, die ich verschossen hatte, keine andere Munition mehr dabeihatte, sprach nichts gegen ein warmes Bad und einen ordentlichen Jägertee.

Anschliessend würde ich dann hoffentlich traumlos schlafen, denn etwas aufgewühlt war ich nach so einer ereignisreichen Jagd dann doch… immer noch.

Und das war auch gut so, denn anders wäre es schlimm um mich bestellt.

Text: Mike Nessel; Fotos: Markus P. Stähli

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