Die geheimen Reisen des Rothirsches

· September 19, 2017

©SNP_LO_20160703_50686_Stiere_ziehendDer Rothirsch ist eine Schlüsselart des Schweizerischen Nationalparks (SNP). Im Rahmen der Vortragsreihe NATURAMA gaben Curdin Florineth, Wildhüter beim Amt für Jagd und Fischerei , und Thomas Rempfler, zuständig für das Monitoring beim SNP, einen Einblick in die Wanderungen des Rotwildes in der Nationalparkregion – früher und heute.

Der Rothirsch kehrte erst nach der Gründung des SNP in die Region zurück. Anschliessend entwickelten sich die Bestände rasant und zwischen 1940 und 1980 kam es zu grossen Wintersterben. Mit dem «Proget d’Ecologia» wurde damals das Wanderverhalten von markierten Tieren untersucht. Das Projekt sollte Aufschluss darüber geben, weshalb es zu Wintersterben kam, warum sich so viele Hirsche im SNP konzentrierten und weshalb die Bestände ausserhalb des SNP trotz Jagd anstiegen. Eine wichtige Erkenntnis war, dass Fütterungen zu Konzentrationen auf engem Raum führten und für die Tiere schädlich waren. Die Erkenntnisse führten zu einer Flexibilisierung der Jagdplanung und zu individuellen Abschussplänen in den verschiedenen Hirschregionen. Da im September nicht genügend Hirsche erlegt werden konnten – nicht zuletzt, weil sich viele Hirsche im SNP aufhielten – wurde eine zusätzliche Jagd im Spätherbst eingeführt. Obwohl neu auch weibliche Tiere und Jungtiere erlegt wurden, blieb die Jagdstrecke konstant oder stieg gar an. Die Futterstellen wurden in den 1990er Jahren aufgehoben. Dies hatte positive Auswirkungen auf die Hirschverteilung und Hirschsterben blieben aus. Prägnant fasste Florineth zusammen: Hirsche brauchen im Winter Ruhe – nicht Fütterungen!

Nun stellt sich die Frage, ob und wie sich aktuelle Trends wie die Klimaveränderung, intensivere Freizeitaktivitäten und neue Krankheiten auf die Traditionen und das Verhalten der Hirsche auswirken werden. Um dies herauszufinden, haben das AJF und der SNP das auf 4 Jahre angelegte Projekt «Ingio via» lanciert. Im Rahmen des Projekts werden die Wanderbewegungen der Hirsche mittels GPS-Sendern analysiert.

Erste Resultate zeigen, dass die Hirsche im Raum Tschlin sehr standorttreu sind und höchstens auf die österreichische Seite bei Nauders ziehen. Etwas wanderfreudiger sind die Hirsche von Scuol/Sent, die im Sommer vor allem in die Val Mingèr wechseln. Hirsche von Ftan bewegen sich vor allem um die Pisoc-Gruppe, jene in S-charl bleiben hingegen auf engem Raum stationär. Sehr wanderfreudig sind die Hirsche in Ramosch, alle drei besenderten Tiere sind in unterschiedliche Sommereinstände gewandert. Es zeigt sich generell, dass die Tiere regelmässig auch Wildschutzgebiete und Wildruhezonen aufsuchen, sich aber nicht das ganze Jahr über dort aufhalten.

Nach Halbzeit des Projekts lässt sich sagen, dass bestimmte, bekannte Wanderrouten nach wie vor genutzt werden und dass ein Austausch mit dem Ausland stattfindet. Hier gilt es die mögliche Ausbreitung der in Österreich vorkommenden Tuberkulose im Auge zu behalten. Hirsche kennen keine Grenzen.

Ein gutes Hirschmanagement nutzt bestehende Traditionen der Hirsche und ihre Fähigkeit zur Entwicklung von neuen Traditionen aus. Dies gelingt durch die Schaffung von ruhigen, äsungsreichen Lebensräumen, mit einer Jagdplanung, die sich an den Ansprüchen und Sozialstrukturen des Hirsches orientiert und Dank kurzen Jagdzeiten mit möglichst wenig negativen Erfahrungen für das einzelne Tier.

Detaillierter Bericht: www.nationalpark.ch/naturama

Foto: SNP/Hans Lozza

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