Der Schlüssel ist die Sozialstruktur

· März 26, 2013

Dr. Hubert Zeiler - ausserordentlich versierter Rotwildkenner und interessierter JAGD & NATUR- LeserEin Exklusivinterview mit Wildbiologe Dr. Hubert Zeiler über die Bestandesdynamik und die Bejagung des Rotwildes.

JAGD & NATUR: Der Rothirsch ist in der Schweiz seit Jahren auf dem Vormarsch. Was denken Sie über diese Entwicklung?

Hubert Zeiler: Die Ausbreitungstendenz vom Rotwild kann in weiten Teilen Europas beobachtet werden. Die Wildart nimmt ihren ursprünglichen Lebensraum mehr und mehr wieder ein. Selbst in Norwegen und Schweden drängt der Hirsch immer weiter in den Norden vor. Ist ein Lebensraum zur Gänze besetzt, breitet sich das Rotwild weiter aus und sucht sich neuen Lebensraum. Die Jagd kann diese Entwicklung nicht aufhalten; die Jäger können höchstens den Zuwachs abschöpfen. Bei Säugetieren wie dem Hirsch ist es ja üblicherweise so, dass zuerst die jungen Männchen als Pioniere abwandern, und danach folgt das Kahlwild nach. In diesen neuen Lebensräumen hat das Rotwild anfänglich keine Konkurrenz, trifft hervorragende Lebensbedingungen an, und somit wächst der Bestand relativ rasch (exponentielles Wachstum). Erst wenn die Lebensraumkapazität erreicht ist, stabilisiert sich das Ganze.

Wie kann Rotwild heutzutage effizient bejagt werden?

Hubert Zeiler: Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die Jagd richtet sich nach den Rahmenbedingungen – diese sind je nach Kanton oder Land unterschiedlich. Rotwild kann in Einzeljagd genauso effizient bejagt werden wie bei Bewegungsjagden. Wobei erwähnt werden muss, dass die Bewegungsjagd sicher nicht die Lösung aller Probleme, also das «Non Plus Ultra», ist. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass die Ergebnisse der Bewegungsjagd am Anfang sehr gut sind. Bald lässt der Erfolg aber nach. Das Rotwild lernt dazu und der Überraschungseffekt ist nicht mehr da. Rotwildjagd ist eigentlich keine «Freizeitjagd». Rotwildjäger müssen überaus versiert, ja «Profis» sein.

Ein guter Weg für eine effiziente Bejagung ist, nicht die Jagdzeiten immer weiter auszudehnen und damit den Jagddruck immer mehr zu erhöhen, sondern vielmehr Ruhephasen, d. h. Bejagungspausen, einzuführen. Erfolgversprechend ist auch die Schaffung von Ruhezonen und Kerngebieten, wo das Rotwild seinem normalen Tagesrhythmus nachgehen kann. Die Bejagung am Rand solcher Gebiete wird dann auch wieder einfacher. Der Rotwildjäger muss ein Gespür für den Jagddruck haben und dafür sorgen, dass dieser nicht zu hoch wird. Rotwild ist stets auf Feindvermeidung aus. Trotz besserer technischer Ausrüstung ist uns der Hirsch deshalb immer einen Schritt voraus.

Bringen uns höhere Abschüsse ans Ziel?

Hirsch und Wolf passen zusammen wie Schlüssel und Schloss.Hubert Zeiler: Werden beim Abschuss das Geschlechterverhältnis und die Sozialstruktur nicht berücksichtigt, so zeigt es die Praxis, wächst der Rotwildbestand trotz immer höherer Abschüsse. Ich bin überhaupt kein Freund vom Ansatz «Zahl vor Wahl»! Obwohl in den vergangenen Jahren aus Forstkreisen immer wieder höhere Abschüsse gefordert und diese dann auch getätigt wurden, wird der Rotwildbestand nicht kleiner. In Österreich schiessen wir seit rund 40 Jahren Rotwild mit jährlich steigenden Strecken. Doch der Bestand wird nicht kleiner. Rotwild gehört zu den am besten erforschten Wildarten der Welt. Wenn wir bei der Bejagung keine Rücksicht auf die Alters- und die Sozialstruktur nehmen, bekommen wir immer grössere Probleme. So weiss man, dass wenn nur mehr junge Hirsche im Bestand sind, der Anteil der Wildkälber steigt. Dies kennt man übrigens auch von anderen Hirscharten wie Elch und Rentier. Will man den Rotwildbestand in den Griff bekommen, ist vielmehr ein Eingriff beim weiblichen und beim jungen Wild nötig. Ein Beispiel: Im benachbarten Vorarlberg wurden in den letzten zehn Jahren die Abschüsse um 1000 Stück angehoben, im selben Zeitraum hat sich der gezählte Rotwildbestand verdoppelt …

Wie sieht aus Ihrer Sicht das ideale Geschlechterverhältnis aus?

Hubert Zeiler:
Im Bestand
Dies hängt immer davon ab, wie nahe der Bestand an der Lebensraumkapazität ist. Fakt ist, dass wenn der Bestand ganz nahe an der Lebensraumkapazität ist, dass deutlich mehr Wildkälber (also weibliche Kälber) gesetzt werden. Wollen wir nicht zu viel Zuwachs und soll der Lebensraum nicht komplett ausgefüllt werden, dann ist ein Geschlechterverhältnis von 1:1 oder allenfalls 1, 2:1 ideal.

Beim Abschuss
Ich plädiere dafür, dass wir beim Abschuss auf der weiblichen Seite stärker, also sehr deutlich, eingreifen. Wenn in einem «Problemgebiet» der Rotwildbestand reduziert werden soll, muss im Minimum im Verhältnis 1:3 bejagt werden.

In der Schweiz basieren die Abschussplanung und -vorgaben zu einem grossen Teil auf Nachttaxationen, d. h. Zählungen mit dem Scheinwerfer. Wie aussagekräftig sind solche Erhebungen?

Hubert Zeiler: Diese Zählungen geben wohl Anhaltspunkte zum Bestand. Sie zeigen aber lediglich Trends auf. Zusammen mit anderen Daten lässt sich abschätzen, in welche Richtung sich der Rotwildbestand entwickelt. Wichtig ist, dass die Daten über Jahre miteinander verglichen werden.

Immer wieder hört man Forderungen, Rotwild müsse besser im Lebensraum verteilt werden. Ist dies bei einem Rudeltier überhaupt möglich?

Hubert Zeiler: Rotwild ist Rudelwild. Es verteilt sich nicht so, wie es der Mensch gerne hätte. Es wird immer irgendwie und -wo Zusammenballungen geben. Tier, Kalb und Schmaltier sind grundsätzlich beieinander, dann braucht nur ein weiteres Tier hinzuzustossen. Zusammen mit Kalb und Schmaltier sind dann schon sechs Stück beisammen. Eine gleichmässige Verteilung des Rotwildes gibt es nicht wirklich. Auch Ruhe, Deckung und Äsung sind nicht gleichmässig verteilt. Und so bleibt es ein Wunschtraum, dass sich Rotwild im Winter nicht zu Rudeln zusammenschliesst.

Rotwild wird in der Schweiz in der Regel ab August bzw. September bejagt. Hin und wieder werden Stimmen laut, mit der Bejagung des Rotwildes bereits im Frühsommer zu beginnen. Wie denken Sie als Fachmann darüber?

Hubert Zeiler: Wenn es unbedingt nötig ist und sich eine günstige Gelegenheit ergibt, nur dann könnten Einjährige bereits im Frühsommer bejagt werden. Dies aber nur ganz kurz, so etwa zehn Tage, mit professionellen Jägern. Ansonsten ist eine kurze Jagdzeit, mit wenig Druck, das richtige Rezept. Vor allem in der Zeit nach der Brunft sollte ein bis zwei Monate intensiv gejagt werden.

Trotz entsprechender Jagdbetriebsvorschriften, wie beispielsweise der Schonung des beidseitigen Kronenhirsches, fehlen in vielen Schweizer Beständen wirklich alte, reife Hirsche. Wie könnte hier eine Verbesserung erzielt werden?

Hubert Zeiler: Mir ist es bald lieber, wenn, für mehrere Reviere zusammen, ein 2er-Hirsch freigegeben wird, anstatt allen Revieren einen 3er-Hirsch zu überlassen. Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass die jungen Hirsche (in Österreich sind es die 3er-Hirsche) in die Mittelklasse nachwachsen können. Österreich kennt ähnliche Probleme wie die Schweiz. In manchen Regionen hat es heute zu wenig 3er-Hirsche, sodass die 2er-Klasse völlig verwaist. Da bin ich eher noch dafür, dass man gezielt bei den Spiessern eingreift.

In der Ostschweiz, an der Grenze zu Liechtenstein und Österreich, lebt seit Kurzem ein Wolfsrudel. Wie wird sich die Anwesenheit dieser Grossraubtiere auf die Jagd und das Wild auswirken?

Der Schlüssel ist die SozialstrukturHubert Zeiler: Hier kann ich wirklich nur spekulieren und ausführen, was ich aus anderen Gebieten weiss. Man muss grundsätzlich zwischen den einzelnen Wildarten unterscheiden. Diese reagieren ganz unterschiedlich. Erfahrungen gibt es hierzu bereits im Ausland. In Slowenien ist es beispielsweise so, dass die Jäger sagen, es gäbe weniger Rehwild, das Rotwild sei weniger vertraut und verhalte sich auch anders als bisher. Aus meiner Sicht ist der Wolf für das Gams- und das Steinwild weniger ein Problem, weil er nicht als Überraschungsjäger auftritt wie der Luchs. Was jedoch wirklich zusammenpasst wie Schlüssel und Schloss sind Wolf und Hirsch. Diese zwei Arten haben sich in Koevolution entwickelt.

Sehr viel hängt halt vom Jagdsystem, aber auch vom Verhalten des menschlichen Jägers, ab. Und da weiss man aus dem Yellowstone-Gebiet in Nordamerika, dass die Kombination Jäger – Mensch und Jäger – Wolf nicht günstig war. Das Rotwild hat bei Anwesenheit des Wolfes im Übrigen die Tendenz, sich zu grossen Rudeln zusammenzuschliessen und auf die Freiflächen rauszuziehen. Dort ist es übersichtlich. In unserer Kulturlandschaft ist dies aber nicht mehr so einfach möglich, weil Strassen, Eisenbahn und Zäune teilweise unüberwindbare Hindernisse darstellen. Ist die Flucht in dieser Landschaft nur schwer möglich, bietet wenigstens das Rudel einen gewissen Schutz. Eine kurze Jagdzeit auf Rotwild hat zusätzlich den Vorteil, dass sich der menschliche Jäger und der Wolf nicht so fest in die Quere kommen. Das Rotwild wird sich, bei Anwesenheit des Wolfes, anzupassen wissen. Grössere Probleme werden hingegen die Haustiere haben.

Das Wolfsrudel hält sich derzeit im Dreiländereck Schweiz, Liechtenstein und Österreich auf. Die Jagdsysteme und -zeiten sind auf relativ kleinem Raum unterschiedlich. Der Wolf wird diese Regionen und Länder in den nächsten Jahren zwingen, sich über die Grenzen hin vermehrt abzusprechen. Dabei müssen wir uns immer – egal ob Rothirsch, Gams oder Wolf – an der Biologie der Wildart orientieren. Sich einfach darüber hinwegsetzen, das geht einfach nicht. Der Mensch muss sich mit den Wildarten intensiv auseinandersetzen. Schnelle 08/15-Lösungen bringen nichts.

Dr. Hubert Zeiler

Geboren 1963. Von Berufung und Beruf ist er Wildbiologe, aktiver Jäger, Autor und bildender Künstler. Der versierte Wildkenner lebt in Slowenien und Kärnten. Er hat Forstwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien studiert und war Universitätsassistent am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft in Wien. Dr. Hubert Zeiler ist Wildbiologe der Steirischen Landesjägerschaft und ein ausserordentlich gefragter Referent. Klar führt er uns immer wieder vor Augen, welche Wege dem Rotwild offenstehen. Es sind auch die Wege unserer Jagd.

Interview und Fotos: Markus P. Stähli

Filed under: Jagd & Umwelt

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