«Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreissen …»

· August 21, 2012

Die verwickelte Geschichte und das wissenschaftlich gesicherte Happy-End um die korrekte Holzbestimmung an René Pezolds Stockdegen zeigt, dass sich unermüdliches Fragen und Forschen lohnt. Lesen Sie unseren ausführlichen Bericht über diese vermeintliche Nebensache (JAGD & NATUR Nr. 9/2012 S.42).

Karl LüöndGute Zeitschriften beantworten die Fragen ihrer Leser. Wenn sie dazu – wie im vorliegenden Fall – nicht in der Lage sind, geben sie die Frage weiter: an Experten, die mehr wissen – oder in letzter Instanz an die Gemeinschaft der Leserinnen und Leser, sozusagen nach der Schrotschussmethode. Einer wirds vielleicht wissen und wird sich melden. So verfahren wir bei JAGD& NATUR seit der ersten Nummer. (Dies hier ist übrigens die Nummer 177).

Die Frage lautete: Aus welchem Holz ist Pezolds Stockdegen gemacht? Mit der freundlichen Zuschrift unseres aufmerksamen Lesers und Antiquitätenkenners Dr. Maurice von der Mühll aus Epalinges glaubten wir, das Rätsel gelöst zu haben. Aber der zuvor wiederholt beigezogene, international anerkannte Experte und Holzanatom Werner H.Schoch schüttelte den Kopf. Die näheren Gründe stehen in seinem Bericht. Inzwischen ist das Rätsel gelöst. Wie bei jedem anständigen jagdlichen Problemwimmelte es von Verleitfährten, aber einmal mehr bestätigte sich am Ende: Man muss nur die richtigen Leute fragen!

So, so, sagt der Leser und fragt: Was nützt euch jetzt diese Erkenntnis? Die Frage ist falsch gestellt. Für jeden Journalisten und jeden Wissenschaftler sowieso, also auch für den Holzanatomen, ist jede ungelöste Frage eine Herausforderung an sich. Was man mit der Arbeit dieses in aller Welt gefragten Experten alles anfangen kann, erfährt man übrigens auf dessen Website (www.wood anatomy.eu).Werner Schoch wird zum Beispiel regelmässig zur Bestimmung von archäologischen Funden beigezogen. Auch den Ötzi hat er untersucht.

Schoch? Werner Schoch? habe ich mich am Anfang dieser etwas komplizierten und langwierigen Erkundung gefragt – das ruft doch alte Erinnerungen wach: Sommer-Rekrutenschule 1965 der Flab-Übermittler in Emmen. Der unerbittliche, finstere Oberst Talamona setzte für jeden Rekruten, der schneller als er über die Kampfbahn kam, drei Urlaubstage aus. Weder Werner Schoch noch ich kamen je in deren Genuss. Dafür campierten wir eine Woche lang im strömenden Regen genau in dem Wald bei Reiden (LU),wo ich fünfzehn Jahre später meine ersten Gehversuche als Treiber und später als Jungjäger machen durfte. Schon verrückt, was das Leben mit den ehemaligen Rekruten gemacht hat! Der eine wird ein internationaler Experte, der andere schreibt 47 Jahre später darüber. Der eine fragt, der andere hat die Antwort. Bert Brecht hat einmal mehr die richtige Erklärung gefunden – in seiner grossartigen Ballade «Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration» von 1938.

Zu Ehren von Brecht und zum Dank für Werner H. Schoch drucken wir dieses Meisterwerk der Emigrationsliteratur als «Blattsch(l)uss» in dieser Ausgabe.

Unsere Leserinnen und Leser aber sollen wissen: JAGD&NATUR nimmt Ihre Fragen ernst und lässt nicht locker, bis wir die richtige Antwort gefunden haben. Beziehungsweise den Weisen, der sie kennt. Wir verstehen uns durchaus in der Rolle des Zöllners, von dem es am Schluss der Brecht-Ballade heisst:

Aber rühmen wir nicht nur den Weisen, dessen Name auf dem Buche prangt! Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreissen. Darum sei der Zöllner auch bedankt: Er hat sie ihm abverlangt.

Mit Weidmannsheil und sehr herzlich

Ihr Karl Lüönd

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