Das Weidwerk als Hochschulstudium

· Februar 27, 2013

Akademischer Jagdwirt – so heisst ein berufsbegleitender Lehrgang an der Universität für Bodenkultur Wien. Manuel Wyss, mittlerweile stellvertretender Jagdinspektor des Kantons Bern, ist der erste Schweizer Absolvent. JAGD& NATUR hat sich mit ihm über das Studium unterhalten.

Das Weidwerk als HochschulstudiumAkademischer Jagdwirt, das klingt etwas abgehoben; nach einem Jäger im Elfenbeinturm. Kann man Jagd überhaupt studieren?

Manuel Wyss: «Die Jagd wird immer ein Handwerk bleiben – jedoch eines mit breitem Hintergrundwissen. Die Rahmenbedingungen in unserer Kulturlandschaft ändern sich, es kommen laufend neue Landschaftsnutzungen dazu. Das hat Einfluss auf die Lebensbedingungen und schliesslich auf die Verhaltensweisen der Wildtiere. Die Jagd ist stetigem Wandel unterzogen. Wir Jäger sind deshalb auf neuste Erkenntnisse und daraus abgeleitete Jagd-Konzepte angewiesen.»

Was nehmen Sie diesbezüglich aus Ihrem Studium mit?

«Dass die Jagd zunehmend interdisziplinär wird. Früher mussten wir die Anliegen von Forst und Landwirtschaft berücksichtigen, nun kommen Siedlungsdruck und Freizeitnutzung hinzu. Die Jagd kann dabei eine zentrale Stellung einnehmen, sie ist Dreh- und Angelpunkt zwischen menschlichen Nutzungsansprüchen und dem Schutz der Wildtiere.»

Von uns Jägern wird immer mehr verlangt, das kann ermüdend sein.

«Es ist aber auch eine Chance, uns zu profilieren. Das Spannende am Studium war der Praxisbezug. Der Unterricht fand zu einem grossen Teil draussen statt, in österreichischen Revieren. Wir durften zahlreiche Beispiele für gelungene Biotophege kennenlernen. Dabei hat sich gezeigt, wie viel Jagdgesellschaften erreichen können.»

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

«Einmal besuchten wir ein Jagdrevier im niederösterreichischen Lassee. Die Landschaft dort gleicht der unseres Mittellandes, nur ist die Nutzung noch intensiver. Es gibt weitflächige landwirtschaftliche Monokulturen mit Gemüse, Salat und Mais. Schlechte Bedingungen also für Niederwild. Trotzdem ist es der ansässigen Jagdgesellschaft gelungen, den Hasenbestand und die Hasenstrecke mit gezielten Lebensraumverbesserungen zu vervielfachen.»

Was führte zum Erfolg?

«Zentral bei solchen Fragestellungen ist immer der Lebensraum. Daneben muss man aber auch alle vorhandenen Störfaktoren beachten. Das ist der Grund, warum wir Jäger auf vernetztes und aktuelles Wissen angewiesen sind. Erfolg brachte in Niederösterreich ein Zusammenspiel aus verschiedenen Massnahmen. Buntbrachen oder Hecken zu pflanzen, hat nicht gereicht. Es galt, den Spritzmitteleintrag zu minimieren und Ruhezonen zu schaffen. Wildtiermanagement war ebenso unabdingbar. Das heisst: gezielte Bejagung der Füchse und stetige Kontrolle der Hasenpopulation und der Hasenstrecke. Liegen zum Beispiel in einer Saison fast nur noch ältere Tiere auf der Strecke, stimmt etwas beim Nachwuchs nicht. Es werden dann sofort geeignete Massnahmen getroffen.»

In Ihrem Beispiel hat die Jagd dazu geführt, dass sich die Hasenpopulation erholen konnte. Hierzulande setzt man eher auf ein Jagdverbot für Feldhasen.

«Man muss jede Situation einzeln betrachten. Allerdings – und das ist ja kein Geheimnis – setzt sich der Mensch am meisten für etwas ein, das ihm auch Nutzen bringt. Weil die genannte Jagdgesellschaft den Hasen wieder erfolgreich bejagen kann, investiert sie viel Zeit und Geld in die Sache, wird aber auch mit einem guten Niederwildbestand belohnt. »

Seit dem 1. September 2011 sind Sie stellvertretender Jagdinspektor des Kantons Bern. Hat das Studium zum Akademischen Jagd Wirt dabei geholfen?

«Sicher. In erster Linie ist es jedoch grosses Glück, wenn man eine solche Stelle bekommt. So etwas lässt sich nicht planen. Es war für mich schon immer ein Bubentraum, beruflich einmal mit der Jagd zu tun zu haben. Das Studium an der Universität für Bodenkultur gab mir zahlreiche gute Impulse für meine jetzige Arbeit. Letztlich macht man so ein Studium aber aus persönlichem Interesse – Anstellungen, die mit der Jagd zu tun haben, gibt es ja wenige in der Schweiz.»

Gibt es Schweizer Universitäten, die ähnliche Lehrgänge anbieten?

«Keine mit einem so starken Bezug zur Jagd. Leider ist es zudem so, dass das Fach Wildtierbiologie an den Schweizer Universitäten langsam verschwindet. Ich habe hier nichts Entsprechendes gefunden und musste ins Ausland ausweichen. Umso mehr hat mich die Universität für Bodenkultur überzeugt: Sie ist ein europaweit vernetztes Kompetenzzentrum für Jagd und Wildtierbiologie sowie für Land- und Forstwirtschaft. Benötigt man aktuelle Forschungsergebnisse, ist das die richtige Adresse.»

Inwieweit können wir uns davon eine Scheibe abschneiden?

«Was Wildtierbiologie und jagdliches Wissen betrifft, müssen wir auch in der Schweiz am Ball bleiben. Nur so können wir Jägerinnen und Jäger auf die sich ändernde Umwelt reagieren. Ich kann den Lehrgang zum Akademischen Jagd Wirt sehr empfehlen. Auch wenn sich die Aus-bildung bei uns nicht immer beruflich umsetzen lässt: Für die Sache der Jagd bringt dieses Wissen viel. Es hilft uns, unsere Interessen konstruktiv durchzusetzen. »

Zur Person

Manuel Wyss, Jahrgang 1979, ist Forstingenieur ETH und seit 2011 zusätzlich Akademischer Jagd Wirt. In seiner Kindheit hat er den Vater auf die Jagd begleitet, seit 2002 ist er selber leidenschaftlicher Jäger, zu dem ist er Halter eines Jura- Laufhundes. Als Diplomarbeit für den Akademischen Jagd Wirt hat Manuel Wyss das Thema Rotwild im Kanton Bern gewählt. Er hat darin aktuelle sowie vergangene Rotwild-Bewirtschaftungskonzepte untersucht und zeigt auf, wo Optimierungspotenzial besteht.

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