Das Outen der Alten

· Dezember 24, 2012

Martin EbnerEin deutliches Raunen, begleitet von einem wohligen Grunzen und Blasen, war kürzlich vom Bodensee bis ins westliche Mittelland zu vernehmen. Denn die Sauen feierten gleich Samichlaus und Weihnachten zusammen. Was war geschehen? Zwei jagdpolitisch kapitale Keiler hatten sich geoutet und Fragezeichen hinter die in den Revierkantonen praktizierte Schwarzwildbejagung gesetzt. Schon vor einiger Zeit war es der pensionierte Zürcher Jagdverwalter Max Straub gewesen.

Und nun doppelte Christian Haffter, ehemaliger Präsident von Revierjagd Schweiz und Jagd Thurgau, in der Dezemberausgabe von JAGD&Natur nach und setzte ein paar deutliche Rauchzeichen in die Sauenlandschaft. Die da heissen: Höherer Abschussanteil bei den Frischlingen, Schonen älterer Bachen, kein ständiger Jagddruck, Jagen im Feld, kirren und nicht füttern, artgerechte Strukturen, Verzicht auf Elektronik.

Das blieb natürlich den Borstentieren nicht verborgen, was alsbald zu saumässigen Vollversammlungen samt oben erwähnten Lautäusserungen führte. Leitbachen verkündeten an speziellen Lesungen ihren Schwestern, Frischlingen und Überläufern die Frohbotschaft und selbst die kapitalen Bassen, die ausserhalb der Rauschzeit sonst einen weiten Bogen um Nachwuchs und alles Weibliche machen, konnten nicht umhin, kurz einen Blick auf den Artikel zu werfen. Um sich dann aber wieder schleunigst in die nächste Dickung zu verdrücken. Getreu nach der Devise: Traue nie einem Menschen, und schon gar nicht einem Jäger.

Die Begeisterung der Schwarzkittel wird aber wohl nicht allzu lange andauern, denn das Outen der beiden Alten erfolgt in einem noch fast leeren Hörsaal. Zwar kann jeder Jägerprüfling borstenscharf die wichtigsten Regeln für eine artgerechte Schwarzwildbejagung aufzählen. Doch wechselt er als Pächter in den realexistierenden Sauenalltag eines Jagdreviers und wird dort von einem geschädigten Landwirt mit den frischen Grabarbeiten einer Rotte und der Forderung nach dem Abschuss der «verdammte Sieche» konfrontiert, ist das Gelernte vergessen. Der Weg zum nächsten Ausrüster und das Hinblättern von ein paar «Ameisli» für den Kauf eines «Mach-die-Nacht-zum-Tag-Gerätes» ist dann nur noch ein kurzer. Besonders in einem Kanton, beispielsweise im Thurgau, in dem solche, eigentlich verbotenen Hilfsmittel problemlos eingesetzt werden dürfen. Dies im Gegensatz zum Kanton Zürich. So kommt es, dass die Zürcher Rotte in stockdunkler Nacht beim ersten Schritt über die Grenze in den Thurgau von einem Nachtsichtzielgerät erfasst und im Namen der Wildschadenverhütung unter Feuer genommen wird.

Zwei Kantone, zwei unterschiedliche Regelungen, in der Schweiz nichts Aussergewöhnliches. Und deshalb wird die elektronische Aufrüstung der Schwarzwildbejagung weitergehen, gleichzeitig aber die Schäden nicht weniger werden. Denn die Sinne der Schwarzkittel sind erfreulicherweise immer noch massiv den unsrigen überlegen. Da hilft kein Nachtsichtzielgerät nachhaltig. Auch die neueste Aufrüstungsrunde nicht, die es ermöglicht, von der Kamera an der Kirrung zu jeder Nachtzeit direkt an das Handy neben dem Ehebett Bilder von den schmatzenden Sauen zu senden. Dies wird zwar dieser oder jener zusätzlich das Leben kosten, andererseits das Eheleben massiv belasten, das jagdliche Erlebnis weiter schmälern und die Schwarzkittel noch schlauer machen.

Das Highlight in zehn, fünfzehn Jahren wird dann wohl der an Futterstellen mit Maiskörnern verabreichte GPS-Sender sein, der dem Schwarzwildmanager in Echtzeit den Standort seiner Schädlinge anzeigt. Und sollte eines der Borstentiere ausserhalb des Waldes am Graben sein, wird die Satelliten gesteuerte Drohne den Missetäter subito ins Jenseits befördern.

Deshalb bleibt zu hoffen, dass sich weitere kapitale Bassen outen und deutliche Rauchzeichen setzen hinter eine elektronisch geführte Schädlingsbekämpfung, nächtelange Gummipirsch und 365-Tage-pro-Jahr-Bejagung unseres Schwarzwildes. Und aufzeigen, dass eine auf Ansitz, Pirsch, Ruhezeiten, Schnee, Mond und «Arsch abfrieren» basierende Schwarzwildbejagung nicht nur eine volle jagdliche Befriedigung bringt, sondern auch nicht mehr Wildschäden als heute.

Text: Martin Ebner

Filed under: Jagd & Umwelt

Tags:

-->