CIC – vom Altherrenklub zur Task Force

· September 24, 2012

Früher wurde der CIC (Int. Jagdrat zur Erhaltung des Wildes) als Altherrenklub mit auffallend hohem Aristokratenanteil belächelt. Heute verkehrt er, versehen mit diplomatischer Anerkennung, auf Augenhöhe mit UNO-Organisationen, CITES, IUCN und anderen Körperschaften, die in Sachen Artenschutz und Naturnutzung die Musik machen. Ein Gespräch mit dem französischen Finanzmann Bernard Lozé, Präsident des CIC seit 2011.

Bernard Lozé ist seit eineinhalb Jahren als Präsident des CIC sozusagen in diplomatischer Mission für die Jagd unterwegs. Denn CIC ist es gelungen, der Jagd in der Szene der Mächtigen.Dieter Schramm, der frühere langjährige CIC-Präsident, der die Organisation auf diesen Erfolgsweg gebracht hat, war häufig in der Schweiz. Jetzt ist es Zeit, seinen Nachfolger, den Bernard Lozé (66) kennenzulernen. Karl Lüönd sprach mit ihm, als er neulich in Appenzell Gast bei der Schweizer CIC-Delegation bei dessen traditioneller «Sortie d’été» war.

Wie haben Sie den Anlass mit der Schweizer Delegation erlebt?

«Leider habe ich die Führung durch die Brauerei verpasst. Aber der Empfang im Rathaus war sehr sympathisch, auch hat mich beeindruckt, dass die Behörden von Appenzell der CIC-Delegation die Ehre erwiesen haben. Und dann der folkloristische Abend mit der wunderschönen Musik, dem Jodel und dem Talerschwingen. Dabei habe ich gelernt, dass man Geld auch musikalisch einsetzen kann …»

Welche Rolle spielt eigentlich die Schweizer Delegation im weltumspannenden CIC?

«Ich erlebe die Schweizer – übrigens eine der zahlenmässig stärksten Delegationen, etwa gleich gross wie Grossbritannien – als überaus wachsam und gut informiert. Die Schweizer Delegation ist einer der Stützpfeiler des CIC. Und man merkt, dass die Schweizer daran gewöhnt sind, mit verschiedenen Jagdtraditionen und Mentalitäten umzugehen; so machen sie sich häufig als Vermittler nützlich.

Seit vielen Jahren leisten uns herausragende Schweizer Persönlichkeiten wertvolle Dienste. Der frühere Rechtskonsulent Jean-Ludovic Hartmann hat sich grosse Verdienste um der Revision der Statuten erworben, und Dr. François Schwarzenbach ist als Vizepräsident und Schatzmeister hoch angesehen.
Nicht vergessen möchte ich die von den Schweizern durchgeführten jagdlichen Kulturreisen, um die sich Emmanuel La Roche sehr verdient gemacht hat.»

Welches ist in Ihren Augen die Rolle des CIC in der Welt der Jagd?

«Viele internationale Organisationen befassen sich mit dem Schutz und der Nutzung der Natur. Selbst mächtige Institutionen wie die EU richten sich nach deren Empfehlungen. Die Aufgabe des CIC ist es, auf gleicher Augenhöhe die Belange der Jagd geltend zu machen und deren Interessen zu vertreten. Dieses Feld dürfen wir nicht jagdfeindlich eingestellten Schutzorganisationen überlassen, wie dies in der Vergangenheit der Fallgewesen ist.

Wir sammeln weltweit Informationen und leiten sie an die entsprechenden Stellen weiter in der Hoffnung, dass sie zu intelligenten Lösungen beitragen mögen. Da wir weltweit mit besten Experten und Partnern in Verbindung stehen, werden wir ernst genommen, und unsere Stimme wird gehört. Seit 2004 (IUCN-Kongress in Bangkok) und den Addis-Abeba-Richtlinien ist die Jagd offiziell als Teil des Naturschutzes anerkannt.

Und dass die UNESCO die älteste Jagdart der Geschichte, die Falknerei, zum Weltkulturerbe erklärt hat, ist ebenfalls ein Beweis für die globale Akzeptanz, die die Jagd auch dank dem CIC gefunden hat.»

Sie haben in den eineinhalb Jahren, da Sie nun Präsident sind, den Stil des CIC etwas verändert. Ihr Vorgänger Dieter Schramm hat den CIC in seinen elf Amtsjahren reformiert und vitalisiert. Der CIC unter Ihrer Führung hat soeben in Ungarn, wo sich auch die Verwaltung befindet, den diplomatischen Status erhalten. Warum ist Ihnen das so wichtig?

«Damit wir die Gespräche mit den anderen Organisationen, die ja nicht alle der Jagd gut gesinnt sind, als gleichberechtigte Partner auf gleicher Ebene führen können; ausserdem hilft uns diese Anerkennung auch materiell. Sie ist eine sehr wichtige Bestätigung der Werthaltigkeit unserer Arbeit. Dieter Schramm hat für den CIC unglaublich viel Wertvolles geleistet.

Ich habe nicht die Stossrichtung geändert, ich führe seine Reformarbeit weiter. Inzwischen haben wir die Kommissionen professionalisiert und drei Arbeitsschwerpunkte definiert: Politik/Recht; Wissenschaft und Jagdkultur. Die Präsidenten dieser Bereiche sind international anerkannte Fachleute und herausragende Persönlichkeiten, die unsere Projekte voranbringen.»

Wenn ich es richtig verstehe, soll der CIC eine Plattform für Fachwissen und Fachkräfte sein, so etwas wie Think Tank …

«Durchaus. Bis anhin waren oft Freunde am Werk, die voll des guten Willens waren, aber zu wenig Zeit oder Mittel hatten für eine vertiefte Arbeit. Jetzt verstärken wir die Organisation mit Experten und der nötigen Ausstattung.»

Apropos Mittel. Wie hoch ist das Budget des CIC? Sie haben ja ein Programm angekündigt, um Firmen als Sponsoren zu finden. Hat das funktioniert?

«Das Jahresbudget des CIC beträgt derzeit rund 650 000 Euro (wobei ergänzt werden darf, dass Präsident Lozé seine ganze Arbeit ohne jede Entschädigung und Spesenvergütung leistet, K.L.) Das Sponsoring-Programm ist sehr gut gestartet. Wir konnten namhafte Firmen wie Swarovski, RWS (Ruag), Blaser, Emil Frey AG/Toyota Schweiz, Sakko (Finnland), Jewel Africa (Südafrika) gewinnen.»

Zeitweise hatte man freilich den Eindruck, es werde zu viel Geld für die Organisation und zu wenig für die Projekte eingesetzt. Ist das immer noch so?

«Wir haben in der Vergangenheit einiges investieren müssen, um die Organisation zu bereinigen und deren Funktionsfähigkeit zu erhöhen. Vor zwei Jahren war das Budget noch defizitär, letztes Jahr war es leicht im Plus. Wir haben vergangenes Jahr die Ausgaben um dreissig Prozent erhöht, vor allem für projektgerichtete Aktivitäten.

Auch dank den zusätzlichen Sponsoring-Beiträgen sind wir jetzt mit grösster Wahrscheinlichkeit in der Lage, zwei wichtige neue Projekte in die Welt zu setzen: die Collaborative Partnership for Wildlife – eine globale Plattform der wichtigsten Organisationen der Vereinten Nationen, der IUCN (int. Naturschutzunion), der CITES (Artenschutz), der FAO (Welternährungsorganisation) usw.Auf dieser Plattform sollen weltweit interessierende Fragen gemeinschaftlich statt gegeneinander diskutiert und konkrete Einzelfragen geregelt werden, z. B. zu Wildbrethygiene oder zu grundsätzlichen Problemen der Ernährung.»

Und warum soll ausgerechnet der CIC das schaffen?

«Weil wir das Netzwerk haben, die guten Leute, den Sachverstand, und weil wir uns zum Ziel gesetzt haben, Schutz durch Nutzung zu fördern. Das kann man nur gemeinsam mit den anderen an solchen Fragen interessierten Kreisen und Organisationen.»

Im Kleinen haben wir ja soeben in der Schweiz etwas Ähnliches probiert – im Vorfeld der neuen eidgenössischen Jagdverordnung, unter anderem mit dieser G4-Erklärung, einer gemeinsamen Plattform der Schützer- und Nutzerorganisationen.

«Das ist in der Tat ein bewundernswertes Beispiel und ein Modell für unsere Arbeit.»

Jäger verstehen sich immer als Minderheit – und jetzt plötzlich diese Führungsrolle!

«Daran sollten wir uns gewöhnen. Allein in Europa gibt es neun Millionen Jäger. Die haben eine enorme ‹Wasserverdrängung›, politisch wie wirtschaftlich. Rechnen Sie allein einmal die Versicherungsprämien: 50 Euro pro Person mal neun Millionen – dazu alles, was ausgegeben wird für Jagderlaubnisse, Zubehör, Autos usw. Jagd ist auch ein wirtschaftlicher Faktor. Das wollen wir in aller Bescheidenheit geltend machen und auf die Waage bringen, wenns drauf ankommt.»

Seit eineinhalb Jahren sind Sie Präsident des CIC. Welche Erfolge haben Sie schon erleben dürfen?

«Nochmals: Meine Mitarbeiter und ich setzen die erfolgreiche Arbeit unserer Vorgänger fort und stehen in einer Reihe der Kontinuität, statt uns irgendwelche Federn an den Hut zu stecken. Es ist gelungen, junge und leistungsstarke Mitarbeiter und Experten zu gewinnen. Sodann konnten wir einen Zusammenarbeitsvertrag mit der OIE (Weltorganisation für Tiergesundheit) abschliessen, um die von Wild- auf Haustiere, aber auch auf den Menschen und umgekehrt übertragbaren Krankheiten zu erforschen.

Hier engagiert sich auch der bulgarische Staat in besonderer Weise. Oder nehmen Sie das Beispiel des CIC-Markhor-Preises für wegweisende, erfolgreiche Projekte, die durch nachhaltige Nutzung des Wildes zum Artenschutz beitragen und dabei das Wohl der örtlichen Bevölkerung fördern. Dieser Preis ist nun international anerkannt und fest etabliert auf höchster Ebene. Die Verleihung findet alle zwei Jahre bei der Vertragsstaatenkonferenz der Konvention zur biologischen Vielfalt als zentrale Veranstaltung statt. Dieses Jahr im Oktober in Hyderabad (Indien). Die Schweizer CIC-Delegation hat die Preisverleihung bereits 2010 finanziell unterstützt, aber auch diese Jahr einen ausschlaggebenden Beitrag geleistet.

Noch ist der CIC nicht in allen Gegenden der Welt gleich stark vertreten. Gibt es Bestrebungen, die grossen neuen Weltmächte – Russland, China, Indien usw. – zu erschliessen?

«Das ist in der Tat eins unserer Ziele. In Russland bauen wir die nötigen personellen Verbindungen auf. Es finden auch jedes Jahr Symposien zu wildbiologischen und jagdtechnischen Fachfragen statt, z.B. über die Entwicklung der Bärenbestände. Die Ukraine, Weissrussland und die anderen heute selbstständigen Staaten werden auf uns aufmerksam. Wir verstärken überall den personellen Austausch auf Expertenebene und kommen ins Gespräch. Im einen oder anderen Staat steht die Gründung von CIC-Delegationen unmittelbar bevor.

Wir sehen auch mit Freude, dass Jagd und Wildschutz Gebiete sind, auf denen vielleicht auch Zusammenarbeitsmöglichkeiten zwischen ehemals verfeindeten Nachbarn gesucht werden – wie seinerzeit nach den Balkankriegen. Also kann man von ‹grüner Diplomatie› sprechen.»

Und China? Ist China immer noch jagdliches Niemandsland?

«Dieter Schramm hat zu seiner Zeit gewisse Kontakte geknüpft. Noch gibt es in China offiziell keine Jagd. Aber mit dem erwachenden Bewusstsein für nachhaltige Naturnutzung, Artenschutz usw. steigt der Bedarf nach Beratung und Kontakten. Es kommen laufend Anfragen; die Chinesen versuchen sich offensichtlich auch in diesem Bereich zu positionieren.Aber man muss die Dinge reifen lassen.»

Bernard Lozé

Der 1946 geborene Franzose ist in einem betont internationalen Elternhaus aufgewachsen. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften wandte er sich der internationalen Finanzwelt zu und profilierte sich als Spezialist für Hedge Funds. Heute ist er als einflussreicher Vermögensberater und Investor unterwegs; er spricht ausser Französisch auch fliessend Englisch, Deutsch und Russisch. Er jagt in eigenen Revieren in Frankreich und Deutschland und sagt, er übe das Ehrenamt als CIC-Präsident aus Dankbarkeit aus für all das Schöne, was er als Jäger in der Natur habe erleben dürfen.

Filed under: Jagd & Umwelt

Tags:

-->