Bündner Steinbockjagd ist nachhaltig

· Mai 24, 2018

Dass Jäger Steinböcke mit überdurchschnittlich langen Hörnern bevorzugt erlegen, ist kaum überraschend. Erstaunlicher ist, dass der Abschuss von starken Böcken die Bestände der verbleibenden Kolonien nicht beeinträchtigt, wie nun eine internationale Studie unter Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt WSL zeigt.

Eine im „Journal of Animal Ecology“ veröffentlichte Studie zeigt, dass für Steinböcke mit überdurchschnittlich langen Hörnern eine grössere Wahrscheinlichkeit besteht, früher geschossen zu werden als gleichalte Böcke mit kürzeren Hörnern. So war das Horn bei den 13-jährigen und älteren Böcken bis zu 5 cm länger als die in 13 und mehr Jahren gebildete Hornlänge von Tieren, die in höherem Alter erlegt wurden. Vorschriften setzen den Jägern allerdings Grenzen, denn innerhalb einer mehrere Jahre umfassenden Altersklasse dürfen Jäger nur eine bestimmte Anzahl Tiere schiessen. Die Zahlen belegen, dass Jäger auf Nummer sicher gehen. Sie schiessen innerhalb einer Klasse tendenziell eher Böcke mit überdurchschnittlich langen Hörnern. Gleichzeitig versuchen sie, die Wahrscheinlichkeit eines Regelverstosses zu minimieren, indem sie an der unteren und oberen Altersklassengrenzen möglichst wenig Tiere mit minimaler bzw. maximaler Hornlänge schiessen.

Das internationale Forscherteam unter der Leitung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL und der Universität Cambridge untersuchte in Zusammenarbeit mit dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden das Wachstum der Hörner der von 1978 bis 2013 im Bündnerland erlegten Steinböcke. Die Forschenden analysierten, nach welchen Kriterien die Jäger ihre Beute auslesen und ob sich möglicherweise das Hornwachstum oder das Körpergewicht der 8355 geschossenen Böcke während der letzten 40 Jahre verändert hatte. Denn diese Merkmale liessen Rückschlüsse auf die Überlebenschancen der Einzeltiere und der Kolonien zu.

Vitalität der Tiere leidet nicht
„Aus fachlicher Sicht am wichtigsten ist der Befund, dass sich die Steinbockjagd während der letzten 40 Jahre nicht negativ auf die Konstitution der Tiere ausgewirkt hat“, sagt Kurt Bollmann von der Eidg. Forschungsanstalt WSL. Positiv für Jagd wie Naturschutz ist, dass sich das Hornwachstum der Bündner Steinböcke im Laufe der Jahrzehnte nicht verringert hat und auch ihr durchschnittliches Körpergewicht gleich geblieben ist, obwohl auch hier eine jagdliche Vorliebe für starke Tiere besteht. „Wir sind sehr froh darüber, dass sich das in der Praxis gesammelte Wissen zu unseren Steinbockkolonien wissenschaftlich erhärten liess und die Bündner Steinbockjagd als nachhaltig bezeichnet werden kann“, ergänzt Hannes Jenny vom Amt für Jagd und Fischerei Graubünden.

Jäger und die für sie zuständige Behörde verfolgen teils unterschiedliche Ziele. Während Jäger oftmals nach Alter und Geschlecht bzw. Fleischqualität und Trophäe selektieren, möchte die Jagdbehörde die Grösse der einzelnen Populationen auf einem Niveau halten, das die Schutzfunktion der Wälder gewährleistet und keine grosses Wintersterben bei diesen Wildtieren verursacht. Unabhängig von diesen Interessen ist es aus wildbiologischer Sicht am wichtigsten, dass sich die Jagd langfristig nicht negativ auf die bejagten Wildtierpopulationen auswirkt.

Als ehemals ausgerottete Art gehört der Alpensteinbock zu den gut überwachten Wildtierarten des Alpenraums. Er gilt heute als eines der Flaggschiffe des Schweizer Naturschutzes. Die Jagd auf den Steinbock steht unter besonderer Beobachtung, weil diese Tierart langlebig ist, eine relativ geringe Reproduktionsleistung hat und sich deshalb eine unkontrollierte Bejagung auf den Tierbestand negativ auswirken könnte. Darum hat man in Graubünden, wo rund 40 Prozent aller Steinböcke der Schweiz leben, ein Jagdreglement erlassen, aufgrund dessen jeder Jäger nur alle 10 Jahre ein weibliches Tier und einen Bock einer bestimmten Altersklasse erlegen darf. Verletzt ein Jäger diese Vorgabe, indem er beispielweise ein älteres Tier mit längeren Hörnern schiesst, muss er eine Busse zahlen und die Beute wird durch den Kanton konfisziert. Quelle: WSL

Foto: Reto Barblan, Bergün

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