Blutauffrischung für Bartgeier

· Juli 9, 2013

Gut gedeihen sie, die Bartgeier in der Schweiz. Damit es in Zukunft keine Probleme mit Inzucht gibt, braucht die noch kleine Bartgeier- population aber eine Blutauffrischung. Mit den Junggeiern Kalandraka und Aschka wurden Ende Mai zwei Bartgeier aus speziellen Zuchtlinien ausgewildert.

Blutauffrischung für BartgeierGarstiges und für die Jahreszeit überaus kühles Wetter empfing die zahlreichen, aus dem Inund Ausland angereisten Bartgeierfreunde am 25. Mai 2013 in Vättis im st.gallischen Calfeisental. Doch für Sommergefühle sorgten an diesem Freudentag die beiden Hauptdarstellerinnen aus Spanien und Griechenland: die weib- lichen Bartgeier Kalandraka und Aschka.

Die spanische Zuchtstation Guadalentín, die massgeblich zur laufenden Bartgeier-Wiederansiedlung in Andalusien beiträgt, stellte das junge Bartgeier- weibchen Kalandraka zur Verfügung. Damit konnte in der Schweiz erstmals ein Bartgeier mit Pyrenäenblut ausgewildert werden. Aschka, die in der österreichischen Eulen- und Greifvogelstation Haringsee aufgezogen wurde, hat ihre Vorfahren in Kreta, wo heute noch die letzten Bartgeier Griechenlands leben. Die Stiftung «Pro Bartgeier» will mit der Auswilderung dieser zwei Jungtiere für eine Blutauffrischung in der Bartgeierpopulation sorgen.

Unter den Augen einer grossen Fangemeinde, darunter auch zahlreiche Jäger, wurden die Bartgeier bei winterlichen Bedingungen von Vättis auf die Malanseralp gefahren und anschliessend in steilem Gelände zur Plattenalp hochgetragen. Dort sollten sie nach langer Anreise in einer Auswilderungsnische eine neue Heimstätte erhalten. Das friedliche Zusammenliegen von Aschka und Kalandraka unmittelbar nach der Auswilderung dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Minuten hatten die beiden eine erste kleine Auseinandersetzung. Für die Projektverantwortlichen war dies freilich ein gutes Zeichen, denn das Gerangel zeigte, dass die beiden Geierweibchen die Strapazen der Reise heil überstanden hatten.

Ausrottung und Neubeginn

Der Bartgeier wurde Anfang des 20. Jahrhunderts im Alpenraum vollständig ausgerottet. Mit einer Flügelspannweite von beinahe drei Metern, einem Gewicht bis sieben Kilogramm undBlutauffrischung für Bartgeier seinen leuchtend roten Augen hatte er der Bergbevölkerung grossen Schrecken eingejagt. Als «Lämmergeier» verschrien, wurde alles darangesetzt, dem grossen Greif den Garaus zu machen.

Auch in Zoos haben keine Tiere aus den Alpen überlebt. Doch in 1970er-Jahren gelang es, mit weni- gen Bartgeiern aus anderen Regionen, schrittweise ein internationales Zuchtprogramm aufzubauen. Nur dank dieser länderübergreifenden Initiative war es möglich, 1986 mit der Wiederansiedlung von Bartgeiern im Alpenraum zu starten.

Im langfristig angelegten Projekt konnten in den Alpen bis heute 189 Bartgeier erfolgreich ausgewildert werden. Seit der ersten erfolgreichen Wildbrut im Jahr 1997 sind 93 weitere Junggeier aus Wildbruten dazugekommen. Viele dieser Bartgeier stammen aber nur von wenigen Vorfahren aus dem Zuchtprogramm. Um den langfristigen Erfolg der Wiederansiedlung sicherzustellen, wildert die Stiftung «Pro Bartgeier» deshalb jährlich junge Bartgeier aus, die besonders viel zur genetischen Diversität der Wildpopulation beitragen.

Wiege im Calfeisental

Im eidgenössischen Jagdbanngebiet «Graue Hörner», im wilden und ursprünglichen Calfeisental, sollen Kalandraka und Aschka vorläufig eine neue Heimat finden. Das Bergtal verfügt über grosse Wildtierbestände. Dies erleichtert den Bartgeiern, die hauptsächlich von Knochen verendeter Tiere leben, die Nahrungssuche.

Blutauffrischung für BartgeierDr. Dominik Thiel, St.Galler Jagdverwalter, brachte es in seiner Ansprache auf den Punkt: «Eigentlich ist die Situation paradox und auf den ersten Blick widersprüchlich. Wir leben in einer Zeit eines vermutlich nie dagewesenen Artensterbens. Die Natur ist durch die stark wachsende menschliche Bevölkerung grossräumig und massiv beeinträchtigt. Die Flüsse und Bäche werden mit Turbinen und Beton ihrer Dynamik beraubt, das Land überbaut, die Lebensräume der Tiere und Pflanzen mit Strassen für immer abgetrennt, der letzte Quadratmeter Wiese und Acker gepflügt und geschnitten, die hintersten Täler erschlossen, jeder Winkel am Berg mit Skiern, Schneeschuhen, Gleitschirmen und Kajaks begangen, beflogen und befahren. Und trotzdem – seit Menschengedenken hatten wir in St.Gallen in der Summe noch nie so viele Hirsche, Steinböcke, Gämsen, Rehe und Wildschweine wie heute.» Jagdverwalter Thiel zeigte sich über die erneute Auswilderung von Bartgeiern hocherfreut: «Mit ihnen kehrt ein bedeutender Teil von Wildnis und ursprünglicher Stärke in die Schweiz, in die Alpen, in den Kanton St.Gallen und in das Jagdbanngebiet ‚Graue Hörner‘ zurück.»

Streifzüge

Blutauffrischung für Bartgeier

Bartgeier gelten als meisterhafte Flieger. Kalandraka und Aschka entwickeln sich hervorragend und unternehmen in diesen Wochen ihre ersten Flugversuche. Wer die jungen Bartgeier bei ihren Jungfern- flügen beobachten will, dem sei im Juli und August ein Besuch beim Beobachtungsposten Malanseralp im Calfeisental (www.bartgeier.ch/ auswilderung) wärmstens empfohlen. Über die weiteren Streifzüge der beiden Junggeier – sie wurden mit einem kleinen Satellitensender markiert – wird auf der Website www.bartgeier.ch/streifzuege regelmässig berichtet.

Text und Fotos: Markus P. Stähli

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