Beim Schiessen beide Augen offen halten

· Februar 24, 2013

Wann immer es geht, sollen beim Schiessen beide Augen offen bleiben. Die Schützenleistung kann dadurch erheblich verbessert werden. Unser Schiessexperte Werner Reb liefert hierfür die Begründung.

Beim Schiessen beide Augen offen haltenIn der Folge 1 (JAGD&NATUR 4/2012) haben wir die, aus meiner Schiess- lehrer-Erfahrung wichtigen drei Säulen des guten Treffens grundsätzlich eingeführt, nämlich

1. die positionsbezogen «richtige» Körperhaltung,
2. die richtige AbzugsKONTROLLE,
3. «Beide Augen offen», wann immer es geht,
und über Details zur richtigen Körperhaltung gesprochen, die da beinhaltet: die richtige Beinstellung, das Auflegen beider Ellbogen sowie eine möglichst spannungsfreie Körperhaltung (nicht «einspreizen»). Des Weiteren wurde schlüssig herausgearbeitet, warum der Stecher erstens keine zeitgemässe und zweitens die ergonomisch ungünstigste Lösung des Problems «Abzug» darstellt.

In Folge 2 (JAGD&NATUR 5/2012) ging es in erster Linie um den freien Führarm beim freihändigen Schuss, um die richtige Schiesshandhaltung ohne zu verkrampfen(«Haut unter den Nägeln soll sich nicht verfärben»), aber vor allem um ein ganz übles Laster beim Schiessen, nämlich das verflixte «Im-Schuss- Hochnehmen-der-Schiessschulter». Dieser weit verbreitete Kardinalfehler ist manchen Leuten leichter, den meisten aber nur ganz schwer auszutreiben. Doch manchmal hilft Handauflegen. Diese klar scherzhaft gemeinte Feststellung kommt daher, dass sich dieser systemische Fehler dabei noch viel deutlicher zeigt, wenn der Trainer zur Überprüfung seine Hand ganz leicht auf die Schiessschulter des Aspiranten legt. Genau diese Prüfmethode liess bei meinen Seminaristen die, freilich unter Augenzwinkern kundgemachte Fama aufkommen, ich könne selbst gröbste Schützenfehler alleine durch die Kraft meiner Hände, das heisst durch Handauflegen, heilen. Schön wäre es ja!

Aber jetzt zurück zum Thema: In dieser Folge kommen wir, unter Berücksichtigung der obigen Dreiteilung, zum Punkt «Beide Augen offen, wann immer möglich»

Beide Augen offen Schiessen hat viel mehr mit psychischer Leistung zu tun, als Aussenstehende denken, die sogar belieben, Schiessen als eine körperliche und damit «dumme» Tätigkeit kleinzureden. Übertreibend sind aber auch, aus gutem Grund, auf merkbefreite Klienten erboste Trainer versucht zu sagen, dass so grundlegende Tätigkeiten wie Waffehalten und -Abziehen «sogar einem einigermassen gut bemuskelten Primaten» antrainiert werden könnten. Doch ist das oft nur der wohlüberlegte Griff in die Psycho-Trickkiste des ausgebufften Trainers. Zudem gilt, dass Schiessen nur das eine ist, Gut-Treffen jedoch das andere. Deshalb bleibt beides, Schiessen und Treffen, was Physis und Psyche angeht, miteinander verbunden. Es sei denn, jemand wollte nur «ballern». Wir dagegen sind uns zum «Ballern» zu schade. Wer das will, soll den «Ego Shooter» auf der Spielekonsole geben, aber gefälligst die Finger von Schusswaffen lassen.

Eine starke Physis, die beste körperliche Eignung des Schützen, ist bedeutsam für gutes Schiessen – aber nicht nur, und das ist gut so. In gleichem Masse zählen ein reissfestes Nervenkostüm, eine ausgeglichene innere Verfassung und ein kontrolliertes Gefühlsleben, d. h. die solide Psyche des Schützen, zu den unabdingbaren Voraussetzungen für gutes Treffen. Gerade eine positive, erfolgsgerichtete und in allen Lagen stabile Psyche ist ausschlaggebend für gute Schützen- und damit Jagderfolge. Das gilt vor allem im Zusammenhang mit den Schlagwörtern «Mucken», «Schussangst» sowie «Jagdfieber». Gegen diese Schützenängste gibt es hocheffektive Mittel, meist als gute Mischung aus angewandter Physik und einfacher Psychologie. Doch davon später. Zuerst zu so alltäglichen, doch methodisch-planvoll wichtigen Dingen wie die Feststellung des dominanten Auges.

Das dominante Auge

Wenngleich Schiessen, mit beiden Augen offen, (noch) nicht durchgängig Standard ist – vor allem Jäger wissen nichts von ihrer Bildungslücke und kneifen verkrampft das Nichtzielauge zu – hat sich die Methode grundsätzlich bewährt. Und zwar mit sämtlichen Handwaffen und allen Zielmitteln, ob mit offenen Visierungen wie Diopter sowie Kimme und Korn oder mit optischen Visierungen in Form von Rotpunktvisieren oder Zielfernrohren, selbst solchen mit hohen Vergrösserungen. Am Rande sei vermerkt, dass auch die zweiäugige Benutzung des Spektivs Vorteile bringt. Für den mit der Methode «Schiessen mit beiden Augen offen» noch nicht so vertrauten Schützen stellt sie eine leicht nutzbare Zusatzübung dar, um das Offenhalten beider Augen nachhaltig zu erlernen.

Die bei Sportschützen besonders für die eher statischen Schiessdisziplinen eingeführten und schiesstechnisch zuverlässigen Blenden für das Nichtzielauge sollen bei dieser Betrachtung ausgeklammert bleiben. Denn obwohl der Blick des Nichtzielauges auf der Blende steht, handelt es sich bei Gebrauch einer Blende für das Nichtzielauge trotzdem um «Schiessen mit beiden Augen offen». Freilich um eine ergonomische Zwitterstellung, deren disziplinbezogene, zieltechnische Vorteile die systembedingten Nachteile überwiegen. Das betrifft in erster Linie die verringerte Sicherheit durch das eingeschränkte Sehfeld, was auf kontrollierten Bahnen freilich zu relativieren ist. Anders auf offenen Bahnen, bei dynamischen Schiessdisziplinen und auf der Jagd. Aber von den allgemeinen Vorteilen der Methode «Beide Augen offen» gleich mehr.

Im Zusammenhang mit dem Dauerauftrag an den Schützen, beide Augen offen zu halten, wurde weiter oben die Einschränkung «grundsätzlich» gebraucht. Das ist im deutschen Sprachgebrauch bekanntlich als «nicht ohne Ausnahme» definiert. Was aber nicht als Hintertürchen und Ausrede dafür gesehen werden darf, beim Schuss doch nicht beide Augen offen halten zu müssen. Vielmehr meint «grundsätzlich» die einzige Ausnahme von «Beide Augen offen». Die liegt dann vor, wenn wegen Kreuzdominanz, d. h. wegen des nicht dominanten schiessarmseitigen Auges, beim Schuss das Nichtzielauge (also das linke beim Rechtsschützen) nicht oder nicht lange genug offen gehalten wird. Ein nicht «führendes» Auge stellt zwar keinen Sehfehler dar, doch kann ein mechanisch untergeordnetes Auge praktisch nie zur Dominanz umtrainiert werden. Beim Kurzwaffenschützen ist der Umstand einer seitenverkehrten Augendominanz durch Kopfdrehung und Wechsel des Zielauges einigermassen auflösbar. Doch beim Langwaffenschützen funktioniert dies nicht derart – von der Verwendung voll aus dem Gesicht geschäfteter, kunstvoller, obzwar diskriminierend als «Krüppelschaft» bezeichneter, Flintenschäfte einmal abgesehen. Für den Gewehrschützen bleibt die seitenverkehrte Augendominanz ein gravierender, nicht abtrainierbarer mechanischer Negativ-Umstand. Deswegen ist das seitenrichtige, aber nicht dominante Auge als Zielauge nur suboptimal einsetzbar. Der Schütze muss immer einen Kompromiss schliessen, ob er nun die Seite beibehält und ein schwaches Zielauge in Kauf nimmt oder ob er die Körperseite wechselt, also vom Rechts- zum Linkshänder (oder umgekehrt) umtrainiert, um den Vorteil des natürlich-dominanten Zielauges zu erhalten.

Was der Jäger vom Pfadfinder lernen kann

Wie man sein Führauge oder Zielauge genanntes dominantes Auge feststellt, weiss jeder Pfadfinder. Nämlich durch den sogenannten Daumensprung. Dazu richtet man einen beidäugigen Blick über den Daumen seiner ausgestreckten Hand auf ein weiter entferntes Ziel und schliesst dann das schiessarmseitige Auge, also beim Rechtsschützen das rechte. «Springt» der weiterhin still gehaltene Daumen nach rechts, so ist das rechte Auge das dominante Führ- oder Zielauge. Die Gegenprobe besteht darin, dass bei immer noch ausgestrecktem Daumen und geschlossenem Nichtzielauge der Daumen vor dem Ziel stehen bleiben muss. Es darf kein Daumensprung erfolgen. Eine weitere Überprüfungsmöglichkeit: Man nähert sich aus einiger Distanz mit offenen Augen einem Schlüsselloch. Das Auge, mit welchem man schliesslich durch selbiges blickt, ist das dominante. Die Seite des dominanten Auges kann auf eine körperseitige Gleichrichtung hinweisen. Rechtsschützen sind im Idealfall also rechts augendominant. Da es Ausnahmen gibt, muss auf das «richtige» Auge reagiert werden können. Im Lauf der Zeit sogar auf einen Wechsel. Ein Rechtshänder kann sich (später) als linksaugendominant erweisen und ein Linkshänder als rechtsaugendominant. Dass Schützen aus Verletzungs- oder Alterungsgründen die Augendominanz wechseln, kommt gar nicht so selten vor. Sie müssen sich daraufhin «seitenumstellen». Dies geschieht seltener durch den Wechsel der dominanten Körperseite auf die (jetzt) dominante Augenseite. Das heisst, ein früherer Rechtsschütze wird sich selten zum Linksschützen wandeln, denn nur wenige Menschen sind «beidhändig» und können beide Körperseitenfähigkeiten gleichmässig intensiv abrufen. Eher wird der Schütze das jetzt verkehrte, also kreuzdominante Auge beim Schuss nicht (mehr) offen halten können. Und nur jetzt gilt die Ausnahme vom Dauerauftrag «Beide Augen offen». Dies soll heissen, dass der Schütze das Nichtzielauge schliessen darf. Dies sollte aber so aussehen, dass es nur kurz vor dem Schuss geschlossen und im Schuss sofort wieder weit geöffnet wird. «Nichtzielauge vor dem Schuss schliessen» funktioniert nur dann optimal, wenn die Dominanz des Nichtzielauges nicht zu gross ist, weil es nicht zu einer Überlagerung der Sehbilder beider Augen kommen darf. Bei ernsthaften Sehbeschwerden sollte man den Augendoktor konsultieren. Frönt dieser gleichzeitig dem Jägerhandwerk, so ist dies von einigem Vorteil.

Wer bis jetzt geduldig mitgelesen hat, aber fragt: «Wenn ich doch mit beiden Augen offen schiessen soll, warum muss ich mein Führauge feststellen?», gibt sich die Antwort nach einem Selbstversuch gleich selbst. Man schlage eine Langwaffe mit beiden offenen Augen auf ein Ziel an, bleibe beidäugig im Anschlag und schliesse dann das schiessarmseitige Auge (beim rechtshändigen Anschlag ist dies das rechte). «Springt» die Waffe vom Ziel weg, so ist unser Zielauge seitenrichtig (rechts beim Rechtshänder). Im Umkehrschluss zeigt uns der Eigenversuch, indem sich beim Schliessen des schwachen Auges nichts am Anschlag ändert, dass man es eigentlich auch offen lassen könnte. Warum aber macht man das schwache Auge dann überhaupt zu?

Ein Grund ist die Tradierung, die simple Gewöhnung ohne nachzudenken, und ein anderer die Einbildung, man würde wegen des gekniffenen schwachen Auges mit dem offenen Auge besser sehen. Wirklich vermeint man, auf den ersten Blick eine gelinde Verbesserung nach Helligkeit und Schärfe des damit einzigen Bildes, das des Führauges, zu erkennen. Doch ist der Effekt erstens nur kurz anhaltend und wird zweitens bei längerer Beibehaltung, durch Nachteile wie Muskelzittern um das krampfhaft gekniffene Auge und die allgemeine, oft stressverursachende Unsicherheit des begrenzten Seh- und Sicherheitsfeldes, zunichtegemacht. Deswegen ist es besser, das schwache Auge offen zu halten.

Gegenmeinungen

Wie überall im Leben gibt es Gegenmeinungen. Hier von den Verfechtern des geschlossenen schwachen Auges. Deren erste Begründung dafür ist, dass man sich mit nur einem Auge, eben dem Zielauge, besser auf die Visierung und gleichzeitig auf das Ziel konzentrieren könne. Dies gelänge mit nur einem Auge angeblich besser, weil dann ausgeschlossen sei, dass durch das zweite Auge zusätzlich verwirrende Informationen ins Hirn gelangen könnten. Pure Theoretiker mögen dieses Argument abnicken, Praktiker sehen es nicht so. Auch soll nicht näher auf den Trugschluss eingegangen werden, man könne sich überhaupt «gleichzeitig gut» auf Visier, Korn und Ziel konzentrieren. Immerhin wird von den immer weniger werdenden Kontrahenten der Methode «Beide Augen offen» nach etwas Selbstüberwindung zugegeben, dass damit eine erhebliche Besserung der Schützenleistung eintritt. Der wohlbekannte Spruch «Mit dem Zweiten sieht man besser» bekommt hier also einen neuen Klang.

Übrigens: Der zum nachhaltigen Abtrainieren der Todsünde «Nichtzielauge kneifen» unerlässliche Aufwand kann, individuell bedingt, ziemlich hoch sein. Sodass das Antrainieren des richtigen Anschlags den weitaus intelligenteren Weg darstellt. Einer meiner Standardsprüche «Was man falsch lernt, kann man genauso gut richtig lernen» trifft also auch hier zu. Alle Gründe für «Beide Augen offen» sind selbsterklärend wie die erst dadurch mögliche Fähigkeit, «durch das Feuer zu sehen» und so das «Mucken» zu vermeiden. Auch die erhöhte Sicherheit durch das grössere Sehfeld beider Augen ist lobenswert. Doch darüber in der nächsten Folge mehr.

Text und Fotos: Werner Reb

Filed under: Biologie & Jagdtechnik

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