Bärenfänger und Bärenjäger

· April 24, 2013

Im Süden Sloweniens ist die Jagd allgegenwärtig. Es ist beeindruckend, wie oft man Jägern im Alltag der ländlichen Regionen Velice Lašce und Kocevje begegnet. Auch wenn sich die grüne Jagdbekleidung in den Wäldern mit dem Hintergrund vermischt, sie fällt in den Dörfern sofort auf. Wahrscheinlich gibt es in Slowenien manch einen Jäger, der die Jagd nicht nur ganzjährig im Blut, sondern auch «modisch» am Körper trägt.Ein Rendezvous mit einem schlafenden Bären ist selbst für Milan Šilc, Alojz Indihar, Franc Zakrajšek und Jernej Marolt eine Besonderheit. Spuren von Bären zu kreuzen oder während eines Abendansitzes Bärenanblick zu haben, ist für sie Jägeralltag.

Ein Rendezvous mit einem schlafenden Bären ist selbst für Milan Šlic, Alojz Indihar, Franc Zakrajšek und Jerney Marolt eine Besonderheit. Spuren von Bären zu kreuzen oder während eines Abendansitzes Bärenanblick zu haben, ist für sie Jägeralltag.

Im April 2009 war ich in Slowenien, um die Kunst des Bärenfangens zu erlernen. Ein guter Freund und Berufskollege hatte mir die einmalige Gelegenheit verschafft, ein slowenisches Forschungsteam, zusammen mit lokalen Jägern, bei Bärenfängen zu begleiten. Als ob dies nicht schon spannend genug wäre, begegnete ich Jägern, welche von der Bärenjagd aus eigener Erfahrung berichteten. Darunter waren Jäger, die so viel über Braunbären wussten, dass sie durchaus als Experten bezeichnet werden konnten. Sehr erstaunlich war für mich, dass ich eine Region in Mitteleuropa gefunden hatte, wo die Jägerschaft sich für Bären starkmacht. Ob in der Schweiz, im österreichischen Kärnten oder in Norditalien, bisher waren die Meinungen der Jäger, welchen ich begegnete, betreffend Bären skeptisch, um dies milde auszudrücken.

Braunbär gefangen?

Ich stand einen Tag vor der Rückreise in die Schweiz. Während der letzten zwei Wochen hatte ich die Aufsicht über Bärenfallen, welche slowenische Bärenforscher und lokale Jäger in den Wäldern rund um Velice Lašce gestellt hatten. Für das slowenische Forschungsprojekt fehlte nur noch ein einziger Bärenfang, um auch das letzte GPS-Senderhalsband an den Bären zu bringen. Die Bärenforschung in Slowenien beschäftigt sich vor allem mit Fragen der Koexistenz von Bären und Menschen (www.medvedi.si).

In dieser für mich letzten Fallennacht besuchte ich eine Bar bei Turjak. Der Barkeeper hatte gerade ein Bier vor meine Nase gestellt, als im selben Augen blick mein Handy in der Hosentasche läutete. Die Uhr zeigte fast Mitternacht an und ich wusste, das kann nur Marko Jonozovic sein. Ich nahm das Gespräch entgegen. Marko sprach kurz und deutlich: «Mario! I think we have a bear. Go with Loize to check the trap in Velice Lašce!» Marko Jonozovic ist einer der erfahrensten Bärenfänger in Mitteleuropa. Für Forschungs- oder Wiederansiedlungsprojekte hat er schon mehr als 100 wildlebende Bären in Slowenien eingefangen. Im Frühling 2009 fanden die letzten Bärenfänge für eine ausgedehnte Bärenstudie statt.

Die Bären- bzw. Schlingenfallen waren mit einem Sender bestückt, welcher beim Auslösen der Falle ein Alarmsignal via SMS übermittelte. Mein Bier blieb unberührt stehen. Ich war bereits unterwegs, um mit Alojz Indihar, einem erfahrenen slowenischen Jäger, der von allen Loize genannt wurde, die Bärenfalle zu kontrollieren. War tatsächlich ein Braunbär in der Schlingenfalle?

Slowenien – Land der Wälder und Bären

Kulturlandschaft in der Region Velice Lašce.Als autonomer Staat existiert Slowenien erst seit 1991. Das Land hat eine Gesamtfläche, welche nur dreimal so gross ist wie jene des Kantons Graubünden. Mit zwei Millionen Einwohnern hat Slowenien hingegen eine Bevölkerungsdichte, welche gut dreimal höher ist als jene in den Bündner Bergen. Ljubljana, die Hauptstadt Sloweniens, ist der Wirtschaftsmotor des Landes und zählt über 300 000 Einwohner. Slowenien besteht geographisch aus vier Regionen: den Alpen, den dinarischen Alpen, den Küstenregionen am Mittelmeer sowie den Gebieten der pannonischen Tiefebene.

In Slowenien leben schätzungsweise 400 bis 500 Bären. Diese kommen aber nicht im ganzen Land in der gleichen Dichte vor. Der grösste Teil der Bären lebt im Süden Sloweniens. Die dort grossflächig vorkommenden Buchenmischwälder sind hervorragende Bärenlebensräume. Je nach Region zählt man bis zu einem Bär pro zehn Quadratkilometer. Eine sehr hohe Dichte, bedenkt man, dass ein Bär im Alpenraum durchaus 20 bis 30 Mal mehr Raum beansprucht. Bären kommen mit den unterschiedlichsten Lebensräumen zurecht, die Besiedlungsdichten schwanken aber extrem. Zu erklären ist dies mit dem Nahrungsangebot. Je weniger Nahrung ein Lebensraum bietet, umso grösser sind die Streifgebiete. Die Bären in Südslowenien gehören der dinarischen Balkan- Bärenpopulation an. Slowenien ist, was Bären betrifft, das Bindeglied zwischen den Bärenvorkommen im Balkan und jenem mit wenigen Individuen in den Alpen.

Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war der Braunbär in Slowenien kurz vor der Ausrottung. Schätzungen gehen von 30 bis 40 am Tiefpunkt verbliebenen Individuen aus. Die ersten Initianten, die sich für den Schutz der Braunbären einsetzten, waren Privatpersonen und Jäger mit viel Landbesitz. Die Motivation schöpften sie wohl mehrheitlich aus jagdlichen Überlegungen. Der Bär sollte als nachhaltig jagdbare Tierart erhalten bleiben. 1935 hatten verschiedene Regionen in Slowenien ein Jagd- und Tötungsverbot für Braunbären erlassen. 1966 kam ein weiterer Schritt: Im Süden Sloweniens wurde eine «Bären-Zone» festgelegt. Diese Zone besteht bis heute. Sie ist über 5000 km² gross, und es gelten spezielle Regeln. Da die Anzahl Bären in jener Zeit erneut stark angestiegen war, wurde die Bejagung wieder aufgenommen. Die meisten slowenischen Bären leben in der «Bären-Zone», wo der Braunbär trotz Schutzstatus unter strenger Reglementierung und Überwachung bejagt wird. Begründet wird die Bärenjagd vor allem mit der Minimierung der Konflikte zwischen Menschen und Bären. Die Bärenjagd findet unter Aufsicht und Kontrolle des Umweltministeriums sowie des zuständigen Departementes statt. Jährlich wird eine Abschussquote festgelegt. Diese richtet sich nach den jährlich erhobenen Bestandeszahlen. Ziel der «Bären-Zone» ist eine nachhaltige Abschöpfung des Zuwachses. Der Schweizer Jäger kennt dieses Prinzip beim Schalenwild. Strukturiert, entsprechend der Altersklassen, werden in Slowenien 80 bis 100 Bären pro Jahr erlegt. Das bedeutet auch, dass vor allem junge Bären geschossen werden. Interessanterweise kann dies einen positiven Nebeneffekt für das Zusammenleben von Menschen und Bären mit sich bringen. Dieses funktioniert mit unauffälligen und scheuen Bären reibungsloser als mit zutraulichen Tieren, welche den Menschen nicht aus dem Weg gehen. Wird ein Jungbär vor den Augen der Bärin erlegt, so ist das für die Bärin eine klare Botschaft: Menschen sind lebensgefährlich für Bären. Eine Bärin wird aus dieser schlechten Erfahrung lernen und ihr Wissen ihren künftigen Jungbären beibringen: Meide die Menschen! Vereinfacht ist so auch zu erklären, weshalb sich Bären in Mitteleuropa meistens menschenscheu verhalten. In den letzten Jahrhunderten überlebten nur die scheuesten Bären, und die scheuen Bärenmütter gaben dieses Wissen ihrem Nachwuchs weiter, wodurch diese eine bessere Überlebenschance hatten.

Immer wieder wandern Bären aus der «Bären-Zone» ab. Ausserhalb dieser Zone werden keine Regulationsabschüsse getätigt. Ein Bär ausserhalb der «Bären-Zone» ist absolut geschützt und darf nur erlegt werden, wenn er grosse Schäden anrichtet oder eine Bedrohung für Leib und Leben darstellt. Das können Bären sein, welche lernen, ihr Futter an und in Siedlungen zu suchen. Auch in Slowenien stellen die verlockenden Nahrungsquellen in Siedlungsnähe ein Problem dar. Pro Jahr werden deshalb 10 bis 20 problematische Bären erlegt.

Bären – der Stolz slowenischer Jäger

Mitten in der Nacht chauffierte mich Loize mit seinem Jeep zur Bärenfalle. Die Falle war bereits seit einigen Tagen scharfgestellt. Heute Nacht hatte ein Tier die Falle und somit auch ein Warnsignal ausgelöst. Die moderne Technik macht es möglich, dass man sozusagen eine SMS vom Bären erhält, sobald dieser in die Falle getappt ist.

Nach keinen zehn Minuten Fahrt vom Dorf Velice Lašce entfernt, waren wir bereits vor Ort. Auf dem Rücksitz lag zur Sicherheit eine Schrotflinte bereit. «Gefangene Bären können ziemlich ungemütlich werden», meinte Loize. Ein lautes brummendes Geräusch war im stockdunklen Wald zu hören. Das Licht des Scheinwerfers brachte einen stattlichen Bären zum Vorschein. Mit einer Pranke im Stahlseil der Schlingenfalle war der Bär an einen Baum gefesselt und versuchte sich zu befreien. Er war gänzlich mit sich selber beschäftigt und würdigte uns keines Blickes. Um den Bären nicht unnötig zu beunruhigen verweilten wir nur Sekunden, ehe wir wieder abzogen. Unsere Aufgabe bestand darin, das Gewicht des Bären zu schätzen. Je schwerer ein Bär ist, umso mehr Betäubungsmittel muss eingesetzt werden. Ich gab die zwei momentan wichtigsten Informationen an Marko Jonozovic durch: «Ein Bär ist in der Schlinge gefangen und ich schätze, das Tier ist 130 kg schwer.»

Ebenfalls beim vereinbarten Treffpunkt nahe des Fangortes angekommen, bereitete Marko das Narkosegewehr und die dazugehörigen Pfeile mit der entsprechenden Dosis vor. Mit präparierter Ausrüstung fuhren wir zusammen erneut zum gefangenen Bären. Routiniert platzierte Marko den Narkosepfeil ins Hinterteil des Bären. Die Wirkung liess nicht lange auf sich warten, nach acht Minuten war das Tier bereits im Tiefschlaf. Hatte ich ein Riesenglück, bei einem weiteren Bärenfang assistieren zu dürfen!

Weitere Helfer kamen hinzu, um den narkotisierten Bären zu wägen. 150 kg schwer! Unter den Anwesenden war kein Einziger, der vom schlafenden Tier nicht fasziniert war. Das deutlichste Leuchten in den Augen hatten die anwesenden lokalen Jäger. Bären sind die Könige der Wälder, der Stolz eines jeden slowenischen Jägers. In der Jagdgesellschaft Velice Lašce wird ein Bär für die Jäger, wenn überhaupt, nur ein einziges Mal pro Jägerleben zur Beute. Bis auf diesen einen Tag gilt für sehr viele Jäger in der Region Velice Lašce und in vielen anderen Gebieten Sloweniens die Bewunderung und der Stolz den lebenden Bären. Die Jäger kreuzen die Fährten der Bären beim Pirschen. Sie haben Bärenanblick beim Ansitz oder sehen sie bei Bewegungsjagden davonrennen. Obwohl sehr selten Unfälle mit Bären vorkommen, obwohl Bären auch bei slowenischen Jägern im Wald dieses mulmige Gefühl – eine Mischung aus Ehrfurcht, Angst und Bewunderung – auslösen, sind die Jäger in Slowenien eine sehr wichtige Interessengruppe, welche sich für die Bären einsetzt.

Eine Stunde war inzwischen vergangen … Der gefangene Bär hatte seine Freiheit wieder. Bis zum Morgengrauen würde er längst wieder unterwegs sein, wenn auch mit einem Brummschädel. Marko war sichtlich erleichtert. Der letzte projektierte Bärenfang war gelungen.

Text und Fotos: Mario Theus

Filed under: Jagd & Umwelt

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