Aufbruch zur Jagd in Sizilien

· Oktober 26, 2012

Der Regen war gekommen, der Regen war gegangen, und die Sonne hatte den Thron wieder bestiegen wie eine unumschränkte Herrscherin, die nun, nachdem sie eine Woche lang von den Barrikaden der Untertanen verjagt worden war, zornglühend, aber von der Verfassung gezügelt, wieder regiert. Die Hitze wärmte, ohne zu sengen, das Licht war tyrannisch, liess jedoch die Farben überleben, und aus der Erde keimten wieder Klee und ängstliche Polei (Flohkraut, Minze, Red.), auf den misstrauischen Gesichtern Hoffnung.

 Don Fabrizio verbrachte zusammen mit Teresina und Arguto, Hunden, und mit Don Ciccio Tumeo, Gefolgsmann, von Morgengrauen bis zum Nachmittag lange Stunden auf der Jagd. Die Anstrengung stand in keinem Verhältnis zu den Resultaten, weil es auch dem geschicktesten Jäger schwerfällt, ein Ziel zu treffen, das einem nur selten vorkommt; es war daher schon eine reiche Beute, wenn er bei seiner Rückkehr mehr als ein paar Rebhühner in die Küche bringen lassen konnte, so wie Don Ciccio sich glücklich schätzte, wenn er abends ein Wildkaninchen auf den Tisch werfen konnte, das im übrigen, wie bei uns Brauch, ipso facto in den Rang eines Hasen befördert wurde.

Ein Überfluss an erlegtem Wild wäre allerdings für den Fürsten ein zweitrangiges Vergnügen gewesen; das Glück der auf der Jagd verbrachten Tage lag anderswo, war in viele kleine Episoden unterteilt. Es bekann mit dem Rasieren im noch dunklen Schlafzimmer bei Kerzenschein, der die an die bemalte Kassettendecke projizierten Gesten beschwörend erscheinen liess; es verstärkte sich beim Durchschreiten der schlafenden, im schwankenden Licht verschwommenen Gemächer, beim Umgehen der schattenhaften Tische mit den hingeworfenen Tarockkarten zwischen den Spielmarken und den leeren Likörgläschen, beim Erkennen des Schwerterkavalls (einer Spielkarte, Red.), der ihm ein mannhaftes Weidmannsheil wünschte; beim Durchqueren des reglos im grauen Licht da liegenden Gartens, in dem sich die ersten Vögel renkten, um den Tau von den Federn zu schütteln; beim Hinausschlüpfen durch das von Efeu überwucherte kleine Tor; beim Flüchten also; und dann traf er auf der im ersten Morgengrauen noch unberührten Strasse Don Ciccio. Der, hinter seinem vergilbten Schnauzbart lächelnd, liebevoll über die wartenden Hunde fluchte, deren Muskeln unter dem glatten Fell bebten.

Die Venus, eine geschälte Traubenbeere, glänzte durchscheinend und feucht, und schon glaubte man das Rollen des die Steigung hinter dem Horizont herauffahrenden Sonnenwagens zu hören; kurz darauf begegnete man den ersten Schafherden, die träge wie Gezeiten dahinzogen, mit Steinwürfen von den Hirten mit den um die Füsse gebundenen Fellen gelenkt; die Vliese wirken in den ersten Strahlen zartrosa und weich; danach mussten geheimnisvolle Vortrittstreitigkeiten zwischen den Hirtenhunden und den eigensinnigen Bracken geschlichtet werden, und nach diesem ohrenbetäubenden Zwischenfall bog man in einen aufwärts führenden Pfad ein und fand sich in der unvordenklichen Stille des archaischen Siziliens. Man war sofort weit weg von allem, im Raum und noch mehr in der Zeit.

Autor: Giuseppe Tomasi di Lampedusa

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