Auf den Spuren der Steinzeitjäger

· Januar 24, 2013

Mehr als sechs Jahre intensive Forschungen im Silvrettagebiet brachten eine unerwartete Dichte an Entdeckungen. Dr . Thomas Reitmaier, Bündner Kantonsarchäologe, berichtet uns von seinen Ausgrabungen und vom Leben der letzten Jäger und ersten Hirten.

Viele Jahrhunderttausende lang war die wildbeuterische, aneignende Lebensweise elementare Grundlage aller Menschen. Entsprechend früh wurden Jagd- und Fangtechniken, komplexe Waffen und Werkzeuge sowie Instinkt und Verstand perfektioniert, um auch in Notzeiten überleben zu können. Für den Alpenraum sind aus dieser, bei weitem längsten, Epoche der Menschheitsgeschichte, der sogenannten Altsteinzeit (Paläolithikum), durch die wiederholte Überdeckung mit Gletschereis in den Kaltzeiten, nur sehr wenige archäologische Zeugnisse bekannt. Erst mit der Wiedererwärmung, dem raschen Rückzug der Gletscher und der nachfolgenden Ausbreitung von Flora und Fauna drangen vor ca. 12 000 bis 10 000 Jahren auch wieder Menschen in die Alpen vor. Sie nutzten die nun eisfreien, hochalpinen Zonen, um sich im Sommer mit Wild, Sammelpflanzen und Rohstoffen zu versorgen.

Basislager alpiner Steinzeitjäger

Obwohl die Spuren dieser mittelsteinzeitlichen (mesolithischen, ca. 10 000 v. Chr. bis 5500 v. Chr.) Aktivitäten spärlich und unscheinbar sind, konnten in den letzten Jahren durch systematische Geländebegehungen im Silvrettagebirge, entlang der schweizerischösterreichischen Grenze, mehrere Basislager dieser alpinen Jäger entdeckt und anschliessend untersucht werden (z. B . Val Urschai, Val Fenga, Val Tuoi). Zeitlich reichen diese Fundstellen vom 9. Jahrtausend v. Chr. bis ans Ende der Jungsteinzeit im 4./3. Jahrtausend, da ab der Bronzezeit im 2. Jahrtausend v. C hr. die sommerliche Alpwirtschaft grosse Bedeutung gewinnt. Neben den Feuerstellen, deren Holzkohle durch die Radiokarbondatierung absolut chronologisch datiert werden kann, haben sich in diesen Camps vor allem die aus lokalem und importiertem Feuerstein (Silex) bzw. Bergkristall gefertigten Waffen und Werkzeuge sowie Produktionsabfälle erhalten. Sie finden sich meist unter grösseren Felsblöcken mit überhängendem Schutzdach und in Wassernähe (Bäche, kleine Seen) zwischen 2000 und 2400 m Höhe, der damaligen Waldgrenze. Ein vergleichbarer Rastplatz ist mit der bereits 1931/1932 vollständig ausgegrabenen Fundstelle Ils Cuvels bei Ova Spin auch im Schweizerischen Nationalpark bekannt. Durch die präzise archäologische Ausgrabung und Dokumentation dieses jahrtausendealten «Steinzeitmülls » ist es möglich, damalige Aktivitätszonen (Produktion, Kochen, Lager etc.), Saisonalität und Aktionsradius der Jagdgruppen innerhalb eines Gebirgszuges sowie deren überregionale Kontakte zu rekonstruieren und zu deuten. Sehr bedauerlich hingegen ist, dass die sauren alpinen Böden die Knochen der damals gejagten, zerlegten, verspeisten und zu verschiedensten Zwecken weiterverarbeiteten Tiere wie Gämse, Steinbock, Reh, Hirsch, Bär, Murmeltier u. ä. m. nicht konservieren. Bis heute erhalten bleiben die Tierknochen meist nur hochverbrannt (kalziniert) und dadurch kleinst fragmentiert, was deren spezifische Bestimmung allerdings deutlich erschwert. Von den talnahen Siedlungen dieser Zeit sind mitunter die Reste gefangener Fische, Schildkröten und Vögel bekannt, ausreichend subtile Grabungsund Beprobungsmethoden vorausgesetzt. Dieselbe schlechte Überlieferung gilt im Übrigen für alle damals vorkommenden Wildpflanzen, von denen anzunehmen ist, dass sie eine wichtige Ergänzung des Speiseplans darstellten und deshalb regelhaft gesammelt wurden. Hier helfen aufwändige Analysen geborgener Abfallschichten sowie die Umwelt- und Vegetationsrekonstruktionen durch benachbarte Disziplinen wie die Botanik (Palynologie / Paläoethnobotanik) oder ethnographische Analogien. Sie illustrieren, dass Pilze, Arven- und Haselnüsse, verschiedene Beeren, Honig aber auch Heil- und Giftpflanzen (z. B . die Tollkirsche), Kräuter und Rauschmittel zum vielseitigen Bild der damaligen Versorgungsstrategien gehörten.

Ex oriente lux – Steinbockburger?

In der Zeit vor 7000 bis 9000 Jahren schliesslich, erfuhr Europa eine seiner grundlegendsten kulturellen Umwälzungen, indem die Tradition der bisherigen Lebensweise durch eine auf Ackerbau und Viehzucht basierende Kultur ersetzt wurde. Die Alpen wurden vergleichsweise spät von dieser, aus dem Osten kommenden Revolution und Immigration betroffen, und das kulturelle Erbe aus jener Übergangszeit ist dünn gesät. Trotzdem dürfen wir annehmen, dass sich innerhalb eines längeren Zeitraumes – wohl ab 5500 v. Chr. – letzte Jäger und Sammlerinnen und erste Ackerbäuerinnen und Viehzüchter abgelöst haben, ja sich vielleicht sogar begegnet sind. Abermals in der Silvretta wurden in den vergangenen Jahren wichtige Fundstellen aus dem 6. bis 4. Jahrtausend v. Chr. entdeckt, die nicht nur neue Kulturtechniken, Innovationen in der Subsistenz und Ernährung, sondern auch eine nachhaltige Umgestaltung der Landschaft aufzeigen.

Ein wohl bis auf weiteres einzigartiges Archiv ist die 1991 als «Ötzi» bekannt gewordene, ca. 5300 Jahre alte Leiche aus den Ötztaler Alpen, aus deren Magen-/Darmtrakt unter anderem gut erhaltene Speisereste aus Steinbockfleisch und Brot extrahiert wurden. Nicht nur in der perfekt konservierten Jagdausrüstung, sondern auch in Ötzis letztem Mahl wird also deutlich, dass die Jagd auch für die urgeschichtlichen Bauern und Hirten nie gänzlich ihren Stellenwert verloren hat, sondern bis in heutige Zeit als Charakteristikum einer alpinen Lebensart fortbesteht.

Text: Dr. Thomas Reitmaier

Filed under: Jagd & Umwelt

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