Als Treiber die Vergangenheit verschleppen…

· Oktober 26, 2012

Nach langen Jahren, die ich in den nördlich angehauchten Nadelwäldern des Ostens schreibend, streifend und jagend zugebracht hatte, war ich neuerdings wieder einmal bei Treibjagden in meiner Heimat, dem Aargau, dabei. Zu einigen der dortigen Reviere habe ich über all die Zeit die Verbindung gepflegt, die einesteils auf freundschaftlichen, andererseits auf verwandtschaftlichen Banden beruht.

Pächter L. vor dem Anstellen.«Jo, dä han i doch ou scho gseh!», sagte mir der Pächter S. in S., der mich auf Anhieb nicht recht einordnen konnte. Auch ich habe ihn nicht sofort erkannt. Andere wiederum begrüssten mich, wie wenn ich zum ständigen Kreis der Dazugehörenden zählen würde.

Es herrscht ein offener, kameradschaftlicher und humorvoller Geist in dieser Jagdgesellschaft. Einige der langjährigen Pächter konnten als Nachfolger für ihre altershalber abtretenden Väter eintreten, andere wurden nach und nach hinzugenommen. Auch meine Familie ist seit über 150 Jahren an der Jagd dort beteiligt, und als Buben fingen mein Vetter, der gegenwärtige Jagdleiter, und ich sogar ein Reh von Hand. Es hatte sich in einer Umzäunung aufgehalten, und wir hoben es über den Zaun auf die äussere Seite. Später war ich als Gast eingeladen und erlebte manchen schönen Jagdtag.

«Eine Art Vergangenheitsverschleppung betreiben …»

Jetzt wollte ich aber «nur» als Treiber dabei sein, um eine Art «Vergangenheitsverschleppung » zu betreiben, das heisst, die alten Bilder wieder einmal vor dem eigenen Inneren aufsteigen lassen. Man bot mir zwar freundlich an, ich möge doch meine Flinte mitbringen, aber dankend lehnte ich ab. Inzwischen bin ich nämlich durch den langen Aufenthalt in Gegenden, in denen das Rehwild bisweilen grosse Winterverluste erleidet und überhaupt nicht in allzu grosser Dichte vorkommt, wohl aber auch durch fortschreitende «Lebensweisheit» und das lange Sein in einsamen Wäldern,wo noch der Wolf heult, wirklich in keiner Weise mehr «beutegierig».

Mir kam es darauf an, die Heimatwieder einmal aus dem innersten Waldeswinkel zu erleben und in den Genuss der jagdlichen Kameradschaft in der vertrauten Sprache aus früheren Tagen zu kommen. Wie gut das tut, weiss vielleicht derjenige, der in der Fremde fast das Sprechen verlernt hat. Ausserdem liebe ich die Bewegung, und das Ideal des Jagens ist mir stets mehr im Schleichen und Streifen als im Lauern erschienen.

Nun, ich sah mit Freude, wie einvernehmlich alles zuging, wie schön der Wald und die jagdliche Stimmung doch auch in der Schweiz noch sein können, trotz dem offensichtlich unentbehrlichen Autokorso und trotz des Gefühls der Enge, das einen befällt in Anbetracht der die Natur verschlingenden Zivilisation.

Klassenlose Jäger, disziplinierte Hunde

Noch ein kurzes Horchen vor dem Abblasen.Drei Dinge fielen mir im Unterschied zu der Zeit vor zwanzig oder dreissig Jahren gleich auf: Man duzt sich ohne langes Federlesen. Zweitens, die Treibersleute sind mit den Jägern vereinigt, sowohl am Feuer wie abends in der Dorfwirtschaft. «De Herr Dokter soundso » und ein separates Feuer für die «Betreibungsbeamten » gehören offensichtlich der Vergangenheit an. Und zum Dritten scheint inzwischen die knallige Signalfarbe in der Jägerkleidung fast eine übertriebene Position eingenommen zu haben. Über ihren Zweck und ihre Berechtigung besteht Einigkeit, dennoch kann ich mich eines gewissen Unbehagens nicht erwehren.

Meinerseits hatte ich mein Parforcehorn (mit engeren Windungen) am Riemen umgehängt und zog blasend «durch Dickicht und Teich», darauf bedacht, alles richtig zu machen. Besonders erfreuten mich die beiden Juralaufhunde des Obertreibers und Mitjägers Z.-wie er selbst übrigens auch. Als ich sie zunächst sah, dachte ich bei mir, du lieber Gott, die werden wohl über Sankt Urban und Langenthal ihre Richtung einlegen und vielleicht am Abend des dritten Tages wieder im Revier S. eintreffen. Aber weit gefehlt! Sie jagten sehr zuverlässig mit tiefem, schönem Bass und gar nicht weit. Bald kehrten siemustergültig zurück und horchten dem Horn ihres Herrn. Ein kleines Anstossen genügte, um sie wieder um die gamaschenbewehrten Läufe des Obertreibers zu versammeln.

Schon lange hatte ich mich nach den vertrauten alten Waldgegenden, Beständen und Ausblicken gesehnt; nun sah ich sie wieder, wenn ich aufatmend nadelbedeckt aus der Dickung trat und ein frohes Gefühl des Zuhauseseins durchs Gemüt zog. Im Sodhubel beispielsweise hatten wir schon als Buben die Reste der alten Burg Scherenberg ergründet. Unter schroffer Wand liegt darunter die verwunschene Hexenküche, ein hoher Sandsteinbruch, nunmehr umgeben von Altholz, welches der natürlichen Entwicklung überlassen bleiben soll. Das sind für den Jäger, der immer auch die Ursprünge sucht und liebt, unwiderstehliche Verlockungen.

«För was si mer eigetlech da …?»

Schön war jeweils der Ausklang des Jagdtages am Aserfeuer. Da waren nun alle versammelt, und gemütlich gings ans Erzählen dieser und jener Begebenheit, ans Auspacken all der guten Sachen aus dem Rucksack. Man spürte, der versammelte grüne Loden war das äussere Band für die innere Eintracht und die Auffassung der Jagd, die hier herrschte. Auch mancher gute Satz blieb in Erinnerung. Als wir des Nebels wegen schon früher als gedacht uns ums Feuer versammelten, erhob sich nach wohl zwei Stunden die Frage, was nun eigentlich geschehen solle. Der Pächter L., schon an die achtzig Jahre alt, aber elastisch und in seiner hünenhaften Eleganz das Bild eines Weidmanns, sprach sich dafür aus, doch nun bald wieder aufzubrechen, «oder för was si mer eigetlech da, zom e chli Schnore?»

Der altgediente lustige Treiber S. pflegte mit seiner Meinung über die Anlage der Triebe nicht hinter dem Berg zu halten und begründete seine Einwände damit, er müsse zu weit gehen. Man hätte es so und so machen sollen. Antwort: «Das goht dee nüt aa!» Damit war die Sache zu beiderseitiger Zufriedenheit abgetan.

Forstmann als Feuermeister

Der Aserplatz jener Jagdgesellschaft dürfte wohl einer der schönsten weit und breit sein. Er liegt am Kopf eines steilen Molassehügels in einem kleinen ehemaligen Sandsteinbruch eingelassen. Da ist man nicht nur vom Wind geschützt und ganz abgelegen für sich, sondern man hört auch nichts vom Lärm der nördlich gelegenen Hauptverkehrstransversale der Schweiz. Der sich im Ruhestand befindende Förster L., der lange Jahre den Wald betreute und in seinem grauen Bart so recht das Antlitz des erfahrenen, alten Forstmanns darbietet, sorgt hier als «Feuermeister» für die notwendigen Vorkehrungen. Weidmannsdank, und auf Wiedersehen!

In unmittelbarer Nähe meines Elternhauses befindet sich im südlichen Aargau der Homberg, und dort führte mich während meines Aufenthaltes in der Heimat fast jeden Tag der Weg hinauf durch das Buholz und den Nadelwald auf die Hochwacht, von der man bei gutem Wetter eine Sicht geniesst, die vom Schwarzwald über den Jura und die Berner Alpen reicht, vor allem aber aus nächster Nähe die Berge der Innerschweiz präsentiert. Zu Füssen liegen da der Hallwiler und der Baldegger See, und all die leider schrecklich aus den Nähten platzenden Dörfer rundherum.

Wiedersehen mit dem Homberg

Jugenderinnerungen mannigfacher Art verbinden mich mit dem Homberg. Hier hatte ich als kleiner Wicht noch unter Anleitung der Mutter auf dem moosigen Grund nach Pilzen geäugt. Heute ist diese Ecke von einer wuchernden Brombeerdecke überwallt, der alte Bestand längst von Borkenkäfer und Sturm dahingerafft. Eine andere Fläche blieb mir ebenfalls im Gedächtnis, weil wir auf ihr im Jahr 1967 als Zehnjährige mit unserem Lehrer den grossen Windwurf besichtigten. Dem nunmehr dort stehenden Fichtenstangenholz dürfte ebenfalls einst dieses Schicksal drohen. Auf einer anderen Seite des Hombergs habe ich unter Anleitung des Jagdaufsehers M. die ersten jagdlichen Schritte getan und als Waldarbeiter fünf Jahre zugebracht. Alles also Urgründe des eigenen Daseins

Auf der Hochwacht traf ich nun eines Abends den Förster W., der den Forstbetrieb Aargau-Süd dirigiert, beim Bereitmachen eines Jägerfeuers. Er hatte mir vor über zwanzig Jahren geholfen, meine Geweihe und den sonstigen Krempel auf einen Lastwagen zu laden, mit dem ich in das Land der Pelzkappen und heulenden Winde davonrollte, was bei ihm und mir unvergessen geblieben war. «Chonnsch ou,morn gömmer of d’Jagd, besch härzlech iglaade», sagte er. Und ich kam, wiederum als Treiber! So sah ich den Homberg einmalwieder von innen, und ich scheute die Dickungen nicht. Es freute mich, meinem Gönner aus einer grossen verwachsenen Fläche ein Stück schussgerecht herausdrücken zu können, das er zur Strecke brachte.

«Stritt für Naturschutz und edles Weidwerk»

Abends fand dann in die Dunkelheit hinein ein schönes Feuer mit einem guten, spendierten Jägermahl auf der Hochwacht oben statt, was ich nicht vergessen werde. Denn unmittelbar dort steht vor einer knorrigen alten Stockausschlag-Buche ein noch vor dem Zweiten Weltkrieg vom Aargauischen Jagdschutzverein gesetzter Denkstein, gewidmet dem Redaktor der damaligen Schweizerischen Jagdzeitung und Jagdschriftsteller Theodor Fischer (1872 bis 1925). «Stritt für Naturschutz und edles Weidwerk», heisst es auf der bronzenen Tafel. Von ihm – besser bekannt unter dem Namen «Waldläufer» – gibt es drei Jagdbücher, nämlich «Aus meinem Rucksack» (1917), «Im Wald und auf der Heide» (1918) und «Da hab ich meine Freude!» (1920). In diesen griffigen kleinen Werken ist die Jagd und manch anderes aus meiner engeren Heimat beschrieben.

Von dem «schweizerischen Hermann Löns», wie man Theodor Fischer auch nennen könnte, ist meinem nunmehr dreiundachtzig Jahre alten Lehrherrn Jagdaufseher M. noch einiges aus der Überlieferung bekannt, und nun sassen wir neben dem Stein, der von dem flackernden Feuerschein beleuchtet war und sinnierten schweigend in die Glut. Da wurde es mir wieder einmal klar, dass der Mensch und Jäger nur glücklich ist, wenn er eine kleine, vertraute Heimat, an der seine ältesten Erinnerungen hängen, besitzt. Wenige Tage später führte mich der Weg wieder um die 1800 Kilometer nach Osten, ein Abschied, der immer schwer fällt.

Autor: Andreas Gautschi

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