Als Adler gestartet – als Suppenhuhn gelandet

· September 24, 2012

Stefan Flückiger, Geschäftsführer der Berner Waldbesitzer, weiss, wie man die Aufmerksamkeit der gelangweilten Massen erregt: Hab eine verrückte Idee, wenn sonst nichts los ist, und ziele auf alle Fälle aufs Portemonnaie! Genau das hat Flückiger gegen Ende der Hundstage getan, und zwar kunstgerecht in der ersten Wochenhälfte, wenn der Fluss der konkurrierenden Nachrichten besonders dünn ist. Das Echo war landesweit zu hören: «Waldbesitzer fordern eine Waldvignette!» An 15 Stutz pro Jahr hat Flückiger laut gedacht – für jeden, der Bike fährt oder Bäume umarmt…

Karl LüöndFordern, drohen und klagen kann jeder. Ankündigungen und Absichtserklärungen sind beliebtes Spielmaterial auf dem launischen Meinungsmarkt. Und je verrückter etwas tönt, desto grösser die Aufmerksamkeit. Hat nicht eine Zürcher Stadträtin seinerzeit – aus Frust über die Dominanz ländlich- vernünftiger über städtisch-sozialistische Positionen – gefordert, Zürich in zwei Halbkantone aufzuteilen und Seuzach zur Hauptstadt von Zürich-Land zu machen? Die Stadträtin ist zu Recht vergessen, aber ihre absurde Idee steckt wie ein Widerhaken im kollektiven Gedächtnis.

Mit seinem sommerlichen Knallbonbon hat Stefan Flückiger genau das erreicht, was seine Brotherren, die öffentlichen und privaten Waldbesitzer, nicht ohne Grund umtreibt: Immer mehr Leute holen immer mehr Erholungsleistungen im Wald ab. Die daraus entstehende Nutzungskonkurrenz zwingt zu erhöhtem Unterhalt, zu Investitionen und Personalaufwand. Das alles kostet Geld, aber die Waldwirtschaft ist eh schon weitherum defizitär. Kann es denn richtig sein, dass die einen bezahlen und die anderen nur profitieren?

Vergessen wir nicht: Die Einzigen, die für die Naturnutzung bezahlen, sind Jäger und Fischer. Die anderen fordern nur, und manche sind mit ihren Ansprüchen und ihrem Verhalten ausserdem noch ziemlich lästig. Da kann ich Waldmenschen wie den Flückiger Stefan ein Stück weit schon verstehen.

Als Folge des Raubbaus im 19. Jahrhundert haben unsere Vorfahren mit dem Waldgesetz die wahrscheinlich «sozialistischste» Regulierung eingeführt, die wir im Schweizer Recht kennen. Das freie Betretungsrecht, die diktierte Bewirtschaftung, das Rodungsverbot und andere Bestimmungen legen den Waldeigentümern strenge Fesseln an. Auch das erste eidgenössische Jagdgesetz war im Gefolge des Waldgesetzes übrigens ziemlich «links», weil es die Mitsprache des Grundeigentums bei der Jagd ausschloss.

Aber was wollen wir in den ideologischen Tiefen gründeln? Inzwischen hat die vom wackeren Stefan Flückiger losgetretene Diskussion wieder eidgenössisches Normalmass erreicht. Eilig hat sich der Waldwirtschaftsverband an die Debatte angehängt.

In seiner Verlautbarung heisst es: «Abgesehen von Beiträgen für die Schutzwaldpflege erhält die Waldwirtschaft keine automatischen Bundessubventionen wie die Landwirtschaft. Waldwirtschaft Schweiz setzt sich dafür ein, dass die Waldeigentümer für bisher unentgeltliche Waldleistungen zum Nutzen der Öffentlichkeit konsequent abgegolten werden. Der Verband setzt dabei wo immer möglich auf klare Leistungsvereinbarungen und auf das Verursacherprinzip.»

Da ist sie wieder, das vertraute Ritual der Heischebräuche im schweizerischen Forstwesen. Was als spannende Grundsatzdiskussion begann, endet in einer Subventionsforderung. Der hoch fliegende Adler wird zum Suppenhuhn. So hat es Stefan Flückiger nicht gemeint.
Oder am Ende doch?

Mit Weidmannsheil und sehr herzlich

Ihr Karl Lüönd

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