Wir haben nichts zu verbergen!

· November 20, 2012

Jäger/-innen sind in der Schweiz eine verschwindende Minderheit: knapp 30‘000 von 8‘000‘000. Wir leben nahe bei der Natur. Unsere Zeit ist die diskrete Dämmerung, morgens und abends. Unser Erfolgsgeheimnis ist das Schweigen. Doch in der modernen Welt überlebt nur, wer sein Tun erklären und rechtfertigen kann. Rückblick auf 25 Jahre jagdlicher Öffentlichkeitsarbeit.

Karl LüöndAllgemeiner Schweizerischer Jagdschutz-Verein, Zentralvorstand. Zeit: Ende der Achtzigerjahre. Der junge Mann, der mehr aus Zufall denn aus Ehrgeiz hineingewählt wurde, wunderte sich schon, dass er jetzt all den würdigen Herren Du sagen durfte.

Eins der ersten Traktanden war der Druck irgendeines Merkblattes. «Kein Geld», sagte der Schatzmeister bedauernd. «Aber wir haben doch die Druckerei, die unsere Zeitschrift herstellt», wagte ich einzuwenden. «Da lässt du am besten alles, wie es ist!» wies mich einer der würdigen älteren Herren zurecht. Ich hatte eigentlich nur anregen wollen, den Verlags- und Druckpartner höflich zu fragen, ob er nicht…

Es verging kaum eine Sitzung, ohne dass sich der eine oder andere Vorstandskollege über die Medien aufregte. Über die Lokalzeitung, die wieder einen Revierstreit im Zürcher Unterland breitgeschlagen hat. Über die Illustrierte, die König Juan Carlos bei der Grosswildjagd abbildete. Und über den «Blick» sowieso und immer wieder und aus Prinzip.

Ich versuchte den Kollegen – inzwischen waren es Freunde – zu erklären, wieso der «Blick» nicht anders kann, wenn ein Jäger einen Hirsch meint und auf eine Mähmaschine schiesst. Sie glaubten mir, weil ich sieben Jahre in der Redaktionsleitung des «Blick» gearbeitet hatte. «Aber dann mach doch einmal einen Kurs», brummte einer in der Runde. «Wie man sich gegenüber Journalisten verhält und so…»

Gute Idee! Im folgenden Frühjahr gab es diesen Kurs. Auf einmalige Ausschreibung hin kamen gegen fünfhundert Anmeldungen aus allen Revierkantonen.

Da war ja ein Bedürfnis, da herrschte ja Nachfrage! Wir mussten die Veranstaltung doppelt durchführen und füllten in Baden und in Lenzburg je einen grossen Saal. Es referierten der PR-Berater Karl F. Schneider (damals auch ein bekannter Radiomitarbeiter), der öffentlichkeitserfahrene Luzerner Revierjäger (und mein hochgeschätzter Jagdlehrer) Jakob Felber sowie Nationalrat Roland Wiederkehr, ja, dieser Grüne. Einer in der Vorstandsrunde fand das eine Schande. Wiederkehr hatte früher beim WWF gearbeitet. Ich stellte mich taub.

Die Kurse waren erfolgreich, die Beurteilungen gut. Und dank der hohen Beteiligung blieb sogar noch etwas in der Kasse übrig. Damit war bewiesen: Öffentlichkeitsarbeit kann Spass machen und erst noch etwas einbringen.

Die Seminare von Baden und Lenzburg haben dafür gesorgt, dass Öffentlichkeitsarbeit im ASJV zu einem Dauertraktandum geworden ist. Später produzierten wir das flexible Sammelwerk «Verständnis für Jagd und Jäger» – eine Art «Kochbuch» für die Öffentlichkeitsarbeit der Jagdgesellschaft an der Basis, in der Gemeinde, im Quartier – dort, wo man das fehlende Budget noch durch Einsatz und Fantasie ausgleichen kann. Jetzt brachte der Presseausschnitt-Dienst «Argus», den wir uns trotz Finanznot leisteten, plötzlich Belegexemplare aus allen Landesteilen mit Berichten über solche Aktionen mit Schulklassen, an Altersnachmittagen, an Volksfesten.

Es begann zu wirken! In den Neunzigerjahren lernten die Schweizer Jäger, dass man in der Öffentlichkeit verstanden wird, aber nur, wenn man erklärt, was man tut (rationale Schiene) und wenn man die Leute dort abholt, wo sie sind (emotionale Schiene).Und dass es nichts hilft, über die Hausfrauen zu lästern, die die Jäger «Mörder» schimpfen und die zugleich ihre Hunde im Wald frei laufen lassen. Man muss den Leuten die Zusammenhänge erklären, geduldig, freundlich und keinesfalls vom Fahrersitz des Range Rovers aus. So kommt vielleicht auch der Schneeschuhwanderer einmal drauf, dass er mit seinem Streifzug quer durch den verschneiten Hirscheinstand der Natur nichts wirklich Gutes tut.

Ich habe Dutzende von Vorträgen gehalten: bei unseresgleichen, aber auch bei Parteien, Schulen, Vereinen und Lions- oder Rotary-Clubs. Ich habe über Walt Disney gelästert und dessen vergiftetes Natur- und Tierbild. Die Leute haben aufmerksam zugehört, wenn ich ihnen das liebe alte Märchen von der «unverfälschten Alpenwelt » austrieb und die gegen fünfzig Einzelinteressen aufzählte, die die alpine Landschaft konsumieren – vom Militär über die Schafhaltung bis zum Gleitschirmfliegen.

Die jagdlichen Kantonalverbände legten sich Sachbearbeiter für Öffentlichkeitsarbeit zu. Auch wurde dies allenthalben ein Traktandum in der Jungjägerausbildung. Der alte Zürcher Jagdschutzverein machte sogar ein modernes Seminarmit psychologisch begleiteten Rollenspielen: «Spaziergängerin trifft Jäger im Wald – was tun, was sagen Sie?» Die Jagdkameraden waren erst misstrauisch, manche auch etwas gstabig. Aber dann hat es Spass gemacht und offenbar Erfolg gebracht. Die lokalen Aktionen vermehrten sich. Öffentlichkeitsarbeit wurde auch in den Jagdgesellschaften zum Dauerthema. Wir Jäger realisierten, dass wir nicht allein sind auf der Welt.

Der Druck von aussen auf die Jagd wurde in den letzten 25 Jahren zunehmend als lästig und bedrängend empfunden. Das war bzw. ist wahrscheinlich bei allen in sich gekehrten, hermetischen Gesellschaften so. Aber es gab auch objektive, zeitgeschichtlich fundierte Gründe für die allgemeine Unrast. Seit dem Ölschock von 1973war es zu Ende mit dem blinden Wachstumsglauben. Grosstechnische Anlagen wurden bekämpft (Kaiseraugst!). Seveso, Bhopal, die Sandoz-Katastrophe – alles trug zur tiefen Verunsicherung vieler Menschen bei. Grün, freilich nicht Jägergrün, wurde zur dominierenden Farbe in der politischen Landschaft. Die Schutzorganisationen wurden stark und machten öffentlichen Druck. Ihre Öffentlichkeitsarbeit war nicht nur auf die objektiv wichtigen Punkte gerichtet, sondern bearbeitete auch emotional ergiebige Reizzonen wie die Jagd. Schliesslich leben sie von Spenden, und Spenden sind ein Markt, pickelhart wie jeder andere.

Der Druck wirkte vor allem auf Bundesebene. Die jungen, hervorragend ausgebildeten Kader der Schutzorganisationen stiessen in der Bundesverwaltung nicht selten auf ihre Studienfreunde, die jetzt Beamte waren. Man verstand sich. Gut, dass die wirklich wichtigen jagdlichen Dinge auf Kantonsebene geregelt wurden. Aber wie überall neigte der Bundesapparat auch im Natur- und Umweltbereich dazu, seinen Einfluss auszudehnen. Die Jagd war – wie viele andere Naturnutzer – gefordert, sich auf dem politischen Parkett, vor allem im vorparlamentarischen Verfahren, durchzusetzen.

Lobbying war angesagt – und es war für die meisten noch ein Fremdwort. Dabei bedeutet es einfach Interessenvertretung an geeigneter Stelle und die frühzeitige Einflussnahme auf wichtige Entwicklungen.

Wie stand die Schweizer Jagd am Ende des 20. Jahrhunderts da? Die Kantonalverbände beider Systeme waren vital und tatkräftig. Darüber gab es vier Jagdverbände: den ASJV für die Revierjäger, den SPW für die Patentjäger der Deutschschweiz sowie die «Diana» für die Romands und die FCTI für die Tessiner. Darüber war zwar mit dem Koordinationsgremium «CHJV» ein notdürftiges Dach gebaut, das aber den Stürmen nicht immer standhielt. Dass die Schweizer Jagd über die Sprach- und Mentalitätsgrenzen hinweg eine systemübergreifende, moderne Interessenvertretung brauchte, war unbestritten. Die Idee von JAGD SCHWEIZ war durchaus mehrheitsfähig.

Der Teufel steckte im Detail. Wer würde in diesem Dachverband wie viel zu sagen haben? Wie konnten sich die Minderheiten gegen ein theoretisch mögliches Diktat der Mehrheit schützen? Was soll mit den bisherigen Verbänden geschehen?

Auf dem mehrjährigen (Leidens-)Weg zu einem handlungsfähigen eidgenössischen Verband gaben die verschiedenen Akteure verschiedene Antworten auf diese Fragen. Der ASJV war kooperativ und konsequent; er löste sich auf und führte sein Vermögen in den neuen Dachverband über. Der SPW wollte weiter existieren, vor allem, um seine Zeitschrift zu bewirtschaften, die er nicht mit JAGD&NATUR fusionieren wollte. Mit den Erträgen werden jetzt die Beiträge der Kantonalverbände des SPW an die Dachorganisation subventioniert. Ein materieller Mehrwert wurde JAGD SCHWEIZ einstweilen vorenthalten.

Trotz aller Widrigkeiten und trotz eines zu kleinen Budgets hat der noch junge Dachverband JAGD SCHWEIZ seine ersten Bewährungsproben bestanden. Die Grossraubtierfrage wurde mit Augenmass geregelt. Die neue eidgenössische Jagdverordnung brachte zwar Erschwernisse, ist aber im Ganzen gesehen lebbar. Noch nie war die «Fraktion» der Jagenden in den eidgenössischen Räten so stark wie heute. Die Verbindungen sind belastbar. Die Öffnung hin zur ökologischen und sozialen Seite des politischen Spektrums wäre der nächste Schritt.

Die Öffentlichkeitsarbeit ist – eng verzahnt mit der Verbandspolitik – eine der Hauptaufgaben des Verbandes JAGD SCHWEIZ.

Dieser hat in den letzten drei Jahren bewiesen, dass man nicht -wie es vor 25 Jahren den Anschein machte – den «feindlichen» Einflüssen schutzlos ausgesetzt ist, sondern dass man durchaus etwas bewegen kann.

Bloss: Die Welt wird nicht einfacher, der Druck wird nicht nachlassen. Die Jagd wird weiter herausgefordert sein, gerade auf bundespolitischer Ebene. Um da zu bestehen, muss sie die Mittel haben, die personellen und die finanziellen. Personell ist JAGD SCHWEIZ gut aufgestellt. Finanziell – na ja…

Auf die Gefahr, den geduldigen Leser ein letztes Mal zu langweilen: Die Idee mit dem halben Liter pro Nase und Jahr für die jagdliche Interessenvertretungs- und Öffentlichkeitsarbeit ist nach wie vor aktuell. Als ich sie zum ersten Mal äusserte, kostete der halbe Liter an einem anständigen Ort um die 20 Franken. Unlängst habe ich in einem bürgerlichen Restaurant für einen Halben Maienfelder 35 Franken bezahlt. Irgendwo dazwischen dürfte das richtige Mass liegen.

Es würde sich lohnen!

Autor: Karl Lüönd

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